"Mama und Papa, beachtet mich!!!"

Unsere Autorin fühlte sich von ihren Eltern immer genauso geliebt wie ihre Schwester. Bis diese ein Kind bekommen hat.
Aus der jetzt-Redaktion
elternkolumne enkel jetzt
Illustration: Lucia Götz

Geschwister sind Konkurrenten um die Liebe und Aufmerksamkeit der Eltern. Als Kinder haben meine große Schwester und ich darum immer alles gegeneinander aufgerechnet: Wer von uns bekommt wie viel Lob, Schoß-Zeit, Hausaufgabenhilfe, Nachtisch, Streicheleinheiten, Tischtennisrundläufe und Geburtstagsgeschenke? Und ein gewisses Maß an Neid und Eifersucht musste dabei jede von uns durchstehen, egal, wie viel Mühe sich unsere Eltern gegeben haben, uns genau gleich zu behandeln. 

Mit den Jahren wurde das natürlich besser und als erwachsenen Kinder war uns dann irgendwann wirklich klar, dass Mama nicht die eine von uns mehr liebte, nur, weil sie manchmal länger mit ihr telefonierte. Wir empfanden ihre Liebe für uns beide als grenzenlos und als grenzenlos gleich. Bis Clara kam und die Liebe meiner Eltern zu meiner Schwester ein bisschen grenzenloser machte.

Clara ist meine Nichte. Sie ist drei Jahre alt, zuckersüß, hat Kulleraugen und wildes Haar und alle betonen andauernd, dass sie genau so aussieht wie meine Schwester als Kind. Vor allem natürlich meine Eltern. Sie vergöttern Clara, bieten ständig an, auf sie aufzupassen, besuchen meine Schwester und meinen Schwager regelmäßig und schicken dann alle Fotos, die sie von Clara gemacht haben, in unserer Familiengruppe auf Whatsapp. Wenn meine Eltern nicht zu Besuch sind, schickt meine Schwester trotzdem Fotos. In der Gruppe drehen sich auch alle Gespräche um Clara und das bereits seit ihrer Geburt: Bauchschmerzen, Durchfall, Zahnen, erste Worte, erste Schritte, erster Kita-Tag, lustige Anekdoten, herzzerreißende Schlaf-Fotos, alles wurde und wird dort dokumentiert und analysiert. Und ich, ich versuche, erwachsen zu sein und mitzureden oder – wenn ich aufgrund mangelnder Erfahrung nicht mitreden kann – zumindest Claras Fortschritten Tribut zu zollen und regelmäßig zu bekräftigen, wie süß ich sie finde (damit kein Missverständnis aufkommt: Ich finde sie wirklich süß). Aber um ehrlich zu sein, bin ich bei all dem gar nicht besonders erwachsen – sondern ziemlich eifersüchtig. 

Ich bin nicht eifersüchtig auf Clara. Ich bin eifersüchtig auf meine Schwester. Wie früher, als Kind, wenn sie auf Mamas Schoß saß, aber ich dort sitzen wollte. Weil Clara etwas ist, was meine Schwester geschaffen hat. Sie ist dieser eine, große Erfolg, der meine Eltern so richtig stolz macht. All ihre Liebe und Aufmerksamkeit richten sich auf Clara und durch Clara hindurch auf meine Schwester, die Anerkennung dafür bekommt, wie brav Clara ist und wie fröhlich. Wie gut sie isst und wie ruhig sie schläft. Wie klug sie ist und wie weit für ihr Alter.

Gegen den Clara-Erfolg komme ich mit nichts an. Wenn meine Schwester früher ein schönes Bild gemalt hat, konnte ich einfach auch eines malen und mir des Lobes meines Vaters bewusst sein. Aber wenn er heute zu meiner Schwester sagt: „Ach, wie toll Clara das Lied singen kann!“, was soll ich denn dann machen? Ihm meine Katze hinhalten und sagen: „Frau Meier kann richtig gut schnurren, weil ich es immer mit ihr übe“? Oder, um weniger fatalistisch zu sein: Egal ob ein gut geschriebener Text oder irgendeine Form von Beförderung, eine schöne Wohnung oder ein besonders liebevoll ausgewähltes Geschenk, alles wirkt blass und wenig überzeugend gegen dieses strahlende Kindergesicht. Ich habe nichts zu bieten, das mich besonders besuchenswert macht. Ich habe nichts, über das meine Mutter besonders gut mit mir sprechen kann. Ich habe nichts gemacht, mit dem ich in ihre Fußstapfen getreten bin. Meine Schwester und mein Schwager sind so etwas wie die neuen, jüngeren Versionen meiner Mutter und meines Vaters. Das erzeugt eine Nähe, die unschlagbar ist. Sie sitzen quasi permanent auf dem Schoß meiner Eltern und ich renne im Kreis um sie herum und rufe: „Ich bin auch noch da, ich bin auch noch da!“

Ich weiß, dass das albern und irrational ist. Eifersucht ist meistens albern und irrational.  Und ich kann meinen Eltern ja nicht mal verdenken, dass Clara und ihre Mutter – also meine Schwester – gerade eine wichtigere Rolle spielen als ich und irgendwelche Dinge, die ich so mache und tue. Ich finde Clara ja selbst toller als jedes liebevoll ausgewählte Geschenk. Dass mir das alles bewusst ist, macht die Situation aber eigentlich bloß noch unangenehmer. Weil ich dadurch gleichzeitig auch noch ein schlechtes Gewissen kriege und mein erwachsenes Ich permanent mit meinem Kinder-Ich streiten muss.

Ich weiß schon: Ich sollte einfach froh sein, dass jemand da ist, um dessen Liebe und Aufmerksamkeit ich mit meiner Schwester konkurrieren kann. Diesen Luxus hat ja auch nicht jeder. Trotzdem würde ich auf dieses furchtbar antiquierte, schrecklich quengelige, pieksende und nervige Gefühl lieber verzichten. Vielleicht verschwindet es ja, wenn Clara älter und eigensinniger wird. Oder wenn ich auch mal ein Kind habe, das meine Eltern vergöttern können. Oder wenn ich doch endlich erwachsen werde.

Die Autorin dieses Textes möchte anonym bleiben. Denn Erwachsensein bedeutet ja auch, Eifersucht mit sich alleine auszumachen.

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