Warum ich mir Helikopter-Eltern gewünscht hätte

Denn gar nicht verhätschelt werden ist auch blöd.
Aus der jetzt-Redaktion
Illustration: Federico Delfrati

Neulich las ich etwas in einem Roman, das bei mir unweigerlich Kindheitserinnerungen weckte. Die Szene spielt in einem Sommerferienlager. Dort bekommen alle Mädchen Woche für Woche wie selbstverständlich Pakete von ihren Eltern zugeschickt, die „vollgestopft sind mit Süßigkeiten.“ Alle bis auf Devoireh. Die muss ihre Großmutter (die Mutter ist schon lange verschwunden) stets erst extra darum bitten. Und wenn dann mal ein Paket kommt, enthält es lediglich „in Folie eingewickelten Biskuitkuchen und frische Pflaumen“. Immerhin, resümiert die Ich-Erzählerin in Deborah Feldmans Roman Unorthodox am Ende des Absatzes, merke so jeder, dass sich überhaupt um sie gekümmert werde, wie um jeden anderen auch. 

Dieser letzte Satz ist natürlich der entscheidende. Er offenbart die verletzte Seele eines jungen Mädchens, das sich fragt: Werde ich geliebt? Und wenn ja, wie sehr? Etwa weniger als die anderen Mädchen? Quantität und Qualität von Care-Paketen werden da zu einem wichtigen Anhaltspunkt. Vielleicht sogar zum wichtigsten. 

Als ich Feldmans Absatz lese, denke ich sofort an die in Geschenkpapier verpackten kleinen Überraschungen, die meine Mitschüler stets vorfanden, wenn sie am ersten Abend der Klassenreise ihren Koffer öffneten, während mein Koffer, wie erwartet – oder besser: befürchtet – jedes Mal frei von Geschenken war. Ich denke auch daran, wie fast jeder meiner Mitschüler spätestens am dritten Tag der Klassenfahrt morgens beim Frühstück aufgerufen wurde, weil er oder sie einen aufmunternden Brief oder eine Postkarte mit niedlichem Motiv von seinen Eltern erhalten hatte. Ich hingegen war froh, dass man mir immerhin bis zur fünften Klasse zuverlässig meine Brotdose füllte und wenn manchmal vor der Schule ein Glas frischgepresster Orangensaft auf dem Küchentisch stand. 

Wie es wohl fast jedes Kind getan hätte, setzte ich damals den Mangel an materiellen Aufmerksamkeiten mit einem Mangel an Zuneigung gleich – und schämte mich dafür vor meinen Mitschülern. Den Wettbewerb um die besten, in dem Fall die liebevollsten, Eltern hatte ich klar verloren, so schien mir. Oder besser gesagt, hatten ihn meine Eltern verloren, die wenig Ehrgeiz zeigten, Extrapunkte bei mir zu sammeln. Damals fühlte ich mich von ihnen blamiert und verdächtigte sie, ihren Elternpflichten nicht nachzukommen. Doch gehören kleine Geschenke im Alltag tatsächlich zur Fürsorgepflicht? Und sind sie ein verlässlicher Gradmesser für Zuneigung? Oder schaden sie am Ende sogar?  

Auch später, während meines Studiums, fehlte meinen Eltern jener Ehrgeiz. Sie schickten mir keine aufmunternden Pakete mit Landjäger-Würstchen, Knödel und Kaugummi, wie sie eine in Kiel studierende Freundin immer zur Prüfungszeit von ihrer Mutter aus Bayern bekam. Nicht, dass ich derartige Pakete jemals erwartet hätte. Aber so direkt vor Augen geführt, schmerzte der Vergleich dann doch. Um besser damit klar zu kommen, schob ich es darauf, dass ich zum Studieren ja in meiner Heimatstadt geblieben war und jeden Sonntag zum Essen heimfahren konnte. 

Doch auch als ich für Praktika Deutschland verließ, wurde es nicht besser. Andere Eltern, so erfuhr ich, nutzen jede Gelegenheit, um ihren Kindern in deren neue Wohnorte hinterher zu reisen. Natürlich nicht ohne ihnen dort den leeren Kühlschrank zu füllen. Meine besuchten mich kein einziges Mal. Nicht in New York – verziehen – aber auch nicht in Budapest, München oder Berlin. Irgendwann fragte ich sie nicht mehr, sondern fand mich damit ab, dass ich eben nicht „diese Art“ von Eltern hatte. 

Und im Grunde wusste ich auch, wie nervtötend „diese Art“ von Eltern sein konnte. Und dass aus ihnen schnell Über-Eltern wurden, für die der israelische Psychologe Haim G. Ginott Ende der Sechzigerjahre den Begriff „Helikopter-Eltern“ prägte. Da gab es die Mutter einer Freundin, die alle halbe Stunde mit Apfelspalten ins Zimmer kam, während wir ungestört auf dem Bett liegen, die Bravo durchblättern und über Jungs quatschten wollten. Oder die Eltern, die sich bei Geburtstagsfeiern ungefragt mit an den Tisch setzten und schon im Vornerein sämtliche Details aus jedermanns Privatleben zu kennen schienen. Besonders schlimm fand ich eine Mutter, die ihrer Tochter erst einen Au-Pair Platz und dann im Studium noch die Praktikumsplätze organisierte. 

Natürlich wollte ich nicht dauerhaft solche Helikopter-Eltern, die ständig um mich herumschwirrten und mir jede Herausforderung abnahmen. Aber meine Eltern schienen mich überhaupt nicht auf dem Radar zu haben, sobald ich die heimische Basis verließ und das machte mich ein bisschen traurig. Hätten Sie es mir irgendwie erklärt, etwa indem sie sich gegen übermäßigen Konsum ausgesprochen hätten, wäre es vielleicht einfacher gewesen. Aber da meine Schwester und ich zu Weihnachten und Geburtstagen genauso reich beschenkt wurden wie andere Kinder und auch sonst auf nichts verzichten mussten, schien es mir keine Erziehungsmaßnahme, sondern schlichtweg eine Portion Zuneigung, nach der ich hungerte, die ich aber nicht bekam. 

Und vielleicht war das auch genau richtig so. Denn glaubt man Menschen, die sich mit Eltern-Kind-Beziehungen beschäftigen, ist Überfürsorge häufig eher ein Zeichen für die Unsicherheit und den Narzissmus von Eltern, als für deren grenzenlose Liebe. Durch die Anerkennung, die ihnen scheinbar glückliche Kinder bieten, versuchen sie die eigenen Schwächen zu kompensieren. Wenn ich also einfach selbstsichere und zufriedene Eltern habe, so ist das im Nachhinein natürlich eine tröstliche Erklärung – als Kind wäre sie mir vermutlich nicht eingeleuchtet.

Neulich dann schien sich auf einmal alles zu ändern. Der DHL-Bote brachte ganz unerwartet ein großes Paket. Es war bis obenhin gefüllt mit Schokolade, Keksen, Trockenobst, Müsli, Pesto-Gläsern und eingeschweißten Oliven. Das Paket kam gerade rechtzeitig zu Beginn meiner Lernphase für die Klausuren. Es sparte mir viel Einkaufszeit und war dank der veganen 80%-Schokolade und den glutenfreien Keksen vermutlich gesünder als alles, was ich mir selbst gekauft hätte. Der einzige „Haken“ an der Sache: Das Paket kam nicht etwa von meinen Eltern, sondern von meiner großen Schwester. 

Anscheinend war ich nicht die Einzige, die in ihrem Koffer zwischen Nachthemd, Socken und Zahnbürste früher gerne manchmal ein „Ich denk an dich“ in Form eines Geschenks gefunden hätte. 

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