Süddeutsche Zeitung

Unsere Kernprodukte

Im Fokus

Partnerangebote

Möchten Sie in unseren Produkten und Services Anzeigen inserieren oder verwalten?

Anzeige inserieren

Möchten Sie unsere Texte nach­drucken, ver­vielfältigen oder öffent­lich zugänglich machen?

Nutzungsrechte erwerben

Mama hat jetzt einen neuen Freund

Illustration: Lucia Götz

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Mein erster Freund war das komplette Gegenteil von mir. Er ging im Club auf die R’n’B-Tanzfläche im Dachgeschoss, ich in den Keller, wo die Toten Hosen liefen. Er zockte gern GTA, ich las lieber Bücher. Er mochte Sport, ich bekam schon beim Gedanken an den Turnunterricht einen asthmatischen Anfall. 

Für meine Mutter war das schwierig. Sie verstand nicht so richtig, warum es ausgerechnet dieser Junge sein musste. Trotzdem hat sie mich jedes Mal getröstet, wenn ich vor Liebeskummer mein Zimmer nicht mehr verlassen wollte, weil er mal wieder auf der R’n’B-Tanzfläche mit einem Mädchen mit Bauchnabelpiercing geschäkert hatte. Sie hat mich nie verurteilt oder ihn mir ausreden wollen. Weil sie ja wusste: Für Liebe entscheidet sich niemand bewusst, sie passiert einfach.

Eltern sind also daran gewöhnt, dass ihre Kinder daten. Dass sie sich verlieben, dämlich verhalten und manchmal auch vor sich selbst gerettet müssen. All das nehmen wir ganz selbstverständlich hin. Wie wenig selbstverständlich es ist, kapiert man erst, wenn die Situation sich umdreht.

Mama hat jetzt nämlich einen Freund. Nennen wir ihn Werner. Mama und Werner sind sehr glücklich und das ist schön. Mama schickt regelmäßig Fotos von Ausflügen mit ihm, auf denen grinst sie so doll, dass ihre Augen zu kleinen Schlitzen werden. Wenn sie mit Werner telefoniert – und das tut sie sehr häufig – hört man es aus ihrem Zimmer ständig giggeln. Wegen Werner denkt Mama auf einmal über Dinge nach, die ihr früher völlig wurscht gewesen wären. Sachen wie: Ob Werner wohl meine neue Brille gefällt? Wie meine Freunde Werner wohl finden? Sollte ich mit Werner zusammenziehen? 

Über diese Dinge redet Mama jetzt manchmal auch mit mir. Anfangs war das zugegebenermaßen befremdlich. Weil man ja denkt, dass altern irreversibel sei – wer einmal erwachsen wurde, kann sich nie wieder wie ein verknallter Teenager verhalten. Aber das ist Quatsch. Wir sind diese Rollenverteilung einfach nur nicht gewohnt. Als Werner in Mamas Leben trat, war das erste Problem auch gar nicht, dass ich diese Dinge nicht hören wollte. Es war eher die sehr kindische Sorge: Was ist denn jetzt mit mir?

Denn als Kind ist es normal, dass die Eltern um uns kreisen. Unser Überleben ist für sie das Allerwichtigste. Sie leihen einem Geld, wenn man gerade mal wieder eng ist, lesen die Hausarbeit, die man viel zu spät angefangen hat, eine Stunde vor Abgabe noch Korrektur und gehen ans Telefon, wenn man nachts betrunken vom Bahnhof abgeholt werden muss. Dementsprechend war ich zunächst wie vor den Kopf gestoßen, als bei Mama auf einmal jeden Abend das Telefon besetzt war. Als sie auf Whatsapp-Nachrichten nur noch sporadisch reagierte oder mir manchmal sogar mitteilte, sie würde sich erst in ein paar Tagen melden – sie sei jetzt bei Werner.

Werner mag Haustiere, Mama ist dagegen allergisch. Werner mag schnelle Autos, Mama geht lieber spazieren

Das hat mich getroffen. Früher fühlte ich mich von ihr zu häufig kontrolliert, zu behütet. In dem Moment, in dem Werner in ihr Leben trat, konnte ich allerdings auf einmal gar nicht behütet genug sein. Mama sagte, es sei gar nicht so wichtig, ob ich an ihrem Geburtstag käme, dann feiere sie einfach bei Werner. Auf einmal erschien mir nichts aufregender als ihr Geburtstag! Mama will mit Werner in den Urlaub? Auf einmal fand ich Familienurlaube wieder spitze! Werner schenkt Mama einen Ring? Mama muss sagen, dass unser Geschenk noch viel schöner war!

Natürlich war das albern, das habe ich jetzt auch verstanden. Ich bin froh, dass Mama und Werner glücklich sind. Aber selbst als volljähriges Kind ist diese Rollenumverteilung gar nicht so leicht zu verarbeiten. Und Werner und Mama sind sehr unterschiedlich. Werner mag Haustiere, Mama ist dagegen allergisch. Werner mag schnelle Autos, Mama geht lieber spazieren. Werner mag Karneval, Mama Kirchen. Ich fürchtete: Was, wenn Werner Mama unglücklich macht?

Dann habe ich Werner besser kennengelernt. Und festgestellt: Dass er gemeinsam mit seinem Hund in seinem schnellen Auto auf dem Karneval eine andere Frau beschäkert, ist nicht sehr realistisch. Und sollte er es wider Erwarten doch tun, würde ich mich wie Mama bei meiner ersten großen Liebe verhalten: Ich würde sie trösten. Ihr zuhören und sie nie verurteilen. Und hoffen, dass sich alles wieder einrenkt. Denn dass jemand in solchen Situationen für einen da ist, ist nicht selbstverständlich. Aber es ist wunderschön. 

Mehr über unsere Eltern:

  • teilen
  • schließen