„Seitdem ich selbst Mutter bin, herrscht zwischen uns Solidarität"

Illustration: Lucia Götz

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Mir war schon klar, dass so ein Kind einiges, wenn nicht gar „alles“ in meinem Leben ändern würde – diese bahnbrechende Erkenntnis wird einem ja schließlich von jeder Frauenarzt-Broschüre, jedem Pinterest-Board und Mütter-Forum in Großbuchstaben entgegen gebrüllt. Aber dass ich die ersten Wochen, Monate, Jahre meines Daseins als junge Mutter damit verbringen würde, innerlich wie öffentlich bei meiner eigenen Mutter Abbitte zu leisten, damit hatte ich nicht gerechnet.

Da waren all die Begleiterscheinungen der Schwangerschaft, die noch immer fast nur unter der Hand diskutiert werden, weil sie zu peinlich, schmerzhaft oder bizarr sind, um sie öffentlich zu erzählen. Da war die Geburt, die sehr, sehr lange dauerte und die ich währenddessen sehr oft verlassen wollte wie einen zu schlechten und blutigen Film mit Überlänge. Da waren die durchwachten Nächte, die mich in den ersten Monaten in einen Zombie-gleichen Zustand versetzten. Den Großteil meiner ersten Tage mit einem Baby verbrachte ich mit dem Versuch, nicht in Panik angesichts der Verantwortung zu verfallen, die ich jetzt für dieses kleine Menschlein hatte. Es war mir auf einmal glasklar, wie sich meine Mutter damals gefühlt haben musste, weil ich jetzt so ziemlich dasselbe fühlte. Dieses Gefühlschaos und diese wilden Emotionen, diese stupide Langeweile an manchen Nachmittagen, diese unglaubliche Isolation, wenn ich den ganzen Tag mit niemandem außer der Verkäuferin im Drogeriemarkt gesprochen hatte.

All das hatte meine Mutter ebenso durchgemacht– nur im Gegensatz zu mir ohne Unterstützung von irgendjemandem. Als alleinerziehende Vollwaise. Da waren die gefühlt viertausend vollen Windeln und die unzähligen nächtlichen Säuberungen. Wenn ich mal wieder am Wickeltisch stand, dachte ich des Öfteren darüber nach, was das eigentlich nicht nur symbolisch, sondern ganz konkret bedeutete, dass vor vielen Jahren meine Mutter an einem Wickeltisch stand und mir selber den Hintern geputzt hatte. Und dass ich in meinem bisherigen Leben keinen einzigen Gedanken daran verschwendet hatte. Ich schämte mich angemessen für meinen egozentrischen Blick, mit dem ich bisher auf mein Leben und meine Mutter geschaut hatte. Und leistete ein weiteres Mal Abbitte dafür, dass ich all das für selbstverständlich genommen hatte, was sich beim Selbermachen als extrem kräfte- und nervenzehrend herausstellte.

Ein Kind muss sich nicht für die eigene Existenz bedanken

Klar, es ist nicht die Aufgabe eines Kindes, sich für die eigene Existenz zu bedanken. Oder dafür, dass die Eltern ihr eigenes Kind gefüttert, ihm Kleidung und Essen gegeben haben. Man wird ja in der Regel geboren, weil die eigenen Eltern das so wollten und es liegt in ihrer Verantwortung, dafür zu sorgen, dass es dem eigenen Nachwuchs gut geht.

Aber wie genau es sich anfühlt, dafür zu sorgen, dass es dem Kind gut geht, all diese sehr banalen und notwendigen Dinge zu tun: Das lernte ich erst jetzt, und zwar im Schnelldurchlauf. Und mit jedem neuen Tag, der von Verunsicherung, Übermüdung und Ahnungslosigkeit durchtränkt war, stieg der Respekt für meine Mutter mehr.

Und ich leistete Abbitte für all die Vorhaltungen, die ich ihr bitterböse gemacht hatte, weil sie Fehler in der Erziehung begangen hatte. Oh Gott! Wie war ich böse auf meine Mutter gewesen, weil sie einige Dinge in meiner Erziehung verbockt hatte. Zugegebenermaßen: auch einige wichtige. Aber jetzt, nachdem ich die ersten größeren Fehler gemacht hatte – und zwar mit links und innerhalb der ersten 24 Stunden im Leben meiner Tochter – verstand ich plötzlich sehr genau, dass sie diese Fehler nie mit Absicht begangen hat. Und dass man als Mutter und Vater kaum eine Disziplin besser beherrscht, als „es“ (im Sinne von: alles) falsch zu machen.

 

Es ist nicht leicht, ein Kind großzuziehen, und wenn dir jemand etwas anderes erzählt, dann lügt derjenige. Man wird auch nicht plötzlich zu einem besseren, netteren, ausgeglicheneren Menschen, wenn man ein Kind hat. All die kleinen und großen Defizite, mit denen man sich schon vorher rumgeschlagen hat, sind immer noch da, wenn man aus dem Kreißsaal geschoben wird. Und man muss damit klarkommen, dass man sein Kind auch mit seinen schlechten Eigenschaften beeinflussen wird.  

 

Vom Fegefeuer der Abbitte zur gleichberechtigten Beziehung

 

All diese (zugegeben wenig brillanten) Erkenntnisse führten dazu, dass sich das Verhältnis zu meiner Mutter mit der Geburt meiner Tochter komplett drehte. Nachdem ich durch das Fegefeuer der Abbitte gegangen war, kam ich auf der anderen Seite heraus – und war auf einmal auf einer gleichberechtigten Ebene mit ihr. Denn sie sah, dass ich die Welt jetzt aus einer ähnlichen Perspektive betrachten konnte wie sie. Nicht, dass sie mich vorher nicht respektiert hätte. Aber seitdem ich selbst Mutter bin, gibt es eine Solidarität, die so vorher nicht da war. Und eine Großzügigkeit der anderen gegenüber, die unser Verhältnis sehr viel entspannter gemacht hat. Ich wundere mich, dass sie mir noch nie all den großen Quatsch vor die Füße gekippt hat, den ich ihr einst an den Kopf geworfen hatte. Ich hoffe, sie hat das alles einfach verdrängt.

 

Die vielleicht erstaunlichste und schönste Beziehung, die sich seit meiner Mutter-Werdung entwickelt hat, ist aber gar nicht die zwischen meiner Mutter und mir. Sondern die zwischen meiner Tochter und meiner Mutter. Ich weiß nicht warum, aber die beiden zu sehen und zu erleben, was für eine einzigartige und starke Verbindung zwischen diesen Generationen herrscht, macht mich unglaublich froh. Und zu wissen, dass sie einander haben, ohne dass ich dabei eine Rolle spiele, macht mich umso froher.

 

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