Bitte klick das nicht!

Warum die Zuschauer von Gina-Lisas Sextape armselige Wichte sind.
Kommentar von Charlotte Haunhorst
getty dpa

Hat man bisher nicht so oft gesagt, aber: Wir müssen über Gina-Lisa Lohfink reden. Ja, das ist die Frau, die mal bei „Germany’s Next Topmodel“ mitgemacht hat und danach bei diversen Reality-Shows. Und weil es eh gleich jemand drunterkommentieren wird: Ja, sie hat auch schon mal freiwillig Sexfilme gedreht.

Aber hauptsächlich ist Gina-Lisa Lohfink eine Frau von 41 Millionen in Deutschland. Sie hat also die gleichen Rechte wie jede andere Frau auch – sollte man meinen. Allerdings zeigt sich gerade, dass das am Ende des Tages doch nicht besonders viele sind, insbesondere, wenn man auch noch ein bisschen prominent ist. Denn wenn man derzeit mal in die Google-Trends zu „Gina Lisa“ schaut, sind die am häufigsten gesuchten Schlagworte „Sextape“, „Video“, „Tape“ und „Sexvideo“. Und das bedeutet, dass ziemlich viele Google-Nutzer ziemlich armselige Wichte sind – und nein, dass ihr das „zu Recherchezwecken“ eingebt, kaufe ich euch nicht ab.

Um die Geschichte von vorne zu erzählen: Gina-Lisa Lohfink, 29, ist gerade Teil einer Justizschlacht, die ziemlich gut veranschaulicht, wie kompliziert die Wahrheitsfindung bei einer mutmaßlichen Vergewaltigung in Deutschland ist. Im Zentrum des Prozesses steht ein Video, in dem wohl zwei Männer Geschlechtsverkehr mit Gina-Lisa haben. Sie selbst sagt, sie habe während der Aufnahmen unter Alkoholeinfluss und vermutlich auch K.O.-Tropfen gestanden. Deshalb hat sie beide Männer wegen Vergewaltigung angezeigt. Verurteilt wurde allerdings keiner der beiden deshalb. Nur einer wegen unberechtigter Weitergabe des Videos. Und das unter anderem, weil Gina-Lisa am Vortag mit einem der beiden Männer bereits freiwillig Sex hatte und das mit den K.O.-Tropfen nicht nachweisbar war.

Das allein regt schon viele Menschen auf. Nun kommt aber hinzu, dass Gina-Lisa selbst 24.000 Euro Strafe zahlen soll wegen einer Falschaussage– eben der, dass sie K.O.-Tropfen verabreicht bekommen hätte, was nicht bewiesen werden konnte. Deswegen gibt es gerade unter #teamginalisa ziemlich viel Protest und Unterstützung für Gina-Lisa. Aber eben auch sehr viel Google-Anfragen zu besagtem Video.

 

Jeder Mensch, der dabei zusieht, wie jemand anderes gegen seinen Willen an seinem Körper und seiner Privatsphäre verletzt wird, wiederholt diese Verletzungen.

 

Darin soll nämlich, wenn man zwei Artikeln aus dem Stern glauben darf, zu sehen sein, wie die beiden Männer Gina-Lisa ihre Geschlechtsteile in diverse Körperöffnungen stecken, obwohl sie immer wieder „Hört auf“ sagt. Sie soll in dem Video sediert wirken, wie ein Roboter sprechen. Man muss das allerdings so abschwächend mit all den „solls“ und „wohls“ und „angeblichs“ umschreiben, weil: Ich habe das Video nicht gesehen. Und ich werde es auch nicht ansehen. Und ihr, liebe Google-Durchsucher, solltet das auch nicht tun.

 

Denn wenn in dem Video tatsächlich eine Straftat, nämlich eine Vergewaltigung, zu sehen ist, dann wird diese durch jeden Klick nur verlängert. Jeder Mensch, der dabei zusieht, wie jemand anderes gegen seinen Willen an seinem Körper und seiner Privatsphäre verletzt wird, wiederholt diese Verletzungen. Weil Gina-Lisa eben nicht wollte, dass dieses Video entsteht. Sie wollte nicht, dass es publik wird und vor allem wollte sie nach eigener Aussage nicht mit den beiden Männern schlafen. Das ist zu respektieren. Nein: Das ist verdammt noch mal zu respektieren!

 

Und bevor jetzt Menschen mit „Wahrheitsfindung“ oder „Sorgfaltspflicht“ argumentieren: Ja, ein Gericht muss ein derartiges Video anschauen, um herauszufinden, was passiert ist. Aber die meisten derjenigen, die „Gina Lisa Sextape“ eintippen, arbeiten bestimmt nicht am Gericht. Sie wollen privat über diese Frau richten, die sie nicht kennen, und deren Körper sie nichts angeht. Sie begaffen eine Situation, in der einer Frau womöglich unfassbares Leid zugefügt wird. Und, weil diese Rechtfertigung auch kommen wird: Das hat nichts, aber auch gar nichts, mit einfachem Voyeurismus zu tun. Es ist das Begaffen einer möglichen Straftat, bei der man nicht einmal mehr eingreifen kann. Die auch die betroffene Gina-Lisa, egal, was genau nun passiert ist, hinter sich lassen will. Durch das Begaffen verlängert sie sich ins Unendliche.

 

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