"Du kennst mich nicht, aber du warst in mir und darum sind wir heute hier"

Eine Frau wendet sich im Gerichtssaal an ihren Vergewaltiger.
Illustration: Katharina Bitzl

Am 18. Januar 2015 wurde Brock Turner, Student an der Elite-Uni Stanford (Kalifornien) und Mitglied im Schwimmteam der Universität dabei beobachtet, wie er hinter einer Mülltonne eine bewusst- und wehrlose Frau sexuell missbrauchte. Im März 2016 befand ihn eine Jury in drei Anklagepunkten für schuldig. Vergangene Woche wurde der 20-Jährige von einem Richter zu sechs Monaten Haft und einer zusätzlichen Bewährungsstrafe verurteilt – bis zu 14 Jahre Haft waren zuvor im Gespräch gewesen.

Für viele ist diese milde Strafe ein Schlag ins Gesicht aller Opfer sexueller Gewalt, es gibt so gut wie keine Zeitung in Amerika, die nicht über den Fall berichtet. Der Richter begründete sie mit dem Alter des Täters, der Tatsache, dass er keine Vorstrafen hat, und dass eine längere Strafe womöglich ernsthafte Folgen für Turner haben könne, der bis vor kurzem noch als Olympia-Hoffnung galt.

Turners Vater Dan verteidigte seinen Sohn vehement: Es sei nicht fair, Brock für "20 minutes of action" so hart zu bestrafen. Er sei am Boden zerstört und esse nur noch, um am Leben zu bleiben. Anstatt ihn ins Gefängnis zu werfen, solle man ihn lieber andere Studenten über "Alkoholkonsum und sexuelle Promiskuität" aufklären lassen.

Am Tag der Urteilsverkündung verlas sein Opfer, eine 23-jährige Frau, im Gerichtssaal einen zwölfseitigen Brief, in dem sie sich direkt an den Täter richtete und ihm darlegte, wie sehr seine Tat sie traumatisiert hatte – und wie demütigend das Verhör durch Turners Anwalt für sie war. Wir haben einen Auszug aus dem sehr eindringlich geschriebenen Text übersetzt, den man in voller Länge hier lesen kann:

"Euer Ehren, wenn es in Ordnung ist, würde ich den Angeklagten während dieser Rede gerne direkt ansprechen.

Du kennst mich nicht, aber du warst in mir und darum sind wir heute hier.

Der 17. Januar 2015 war ein ruhiger Samstagabend zu Hause. Mein Vater machte Abendessen und ich saß mit meiner Schwester, die übers Wochenende zu Besuch war, am Esstisch. Ich arbeite Vollzeit und wollte schon langsam ins Bett gehen. Ich wollte an dem Abend zu Hause bleiben, ein bisschen fernsehen und lesen, während sie mit Freunden zu einer Party ging. Aber dann dachte ich: Das ist unser einziger gemeinsamer Abend, ich hab’ nichts Besseres zu tun, also geh ich zu dieser doofen Party, die zehn Minuten entfernt ist, tanze peinlich rum und sorge dafür, dass sich meine Schwester für mich schämt. Auf dem Weg zur Party machte ich Witze darüber, dass die kleinen Erstsemester wahrscheinlich noch Zahnspangen hätten und meine Schwester lachte mich dafür aus, dass ich mit einem beigen Cardigan zu einer Frat-Party ging – wie eine Bibliothekarin. Ich nannte mich 'Big Mama', weil ich wusste, dass ich dort die Älteste sein würde. Ich schnitt Grimassen, hatte Spaß, trank zu schnell Schnaps und vergaß, dass ich seit meinem Studium nicht mehr so viel Alkohol vertrage.

Das Nächste, woran ich mich erinnere: Ich sitze auf einer Trage in einem Gang. Ich habe getrocknetes Blut und Pflaster auf meinen Handrücken und Ellbogen. Ich dachte, dass ich vielleicht hingefallen sei und vielleicht im Krankenzimmer auf dem Uni-Campus sei. Ich war sehr ruhig und fragte mich nur, wo meine Schwester war. Ein Polizist erklärte mir, dass ich angegriffen worden sei. Ich blieb weiterhin ruhig, glaubte, dass er mich verwechselt hatte. Ich kannte ja niemanden auf der Party. Als mir endlich erlaubt wurde, auf die Toilette zu gehen, zog ich die Hose runter, die man mir im Krankenhaus angezogen hat. Ich wollte meine Unterhose runterziehen und spürte: nichts. Ich erinnere mich noch immer an dieses Gefühl – meine Hände berühren meine Haut auf der Suche nach einem Kleidungsstück und sie greifen ins Leere. Ich sah runter und da war nichts. Das dünne Stück Stoff zwischen meiner Vagina und allem anderen war weg und plötzlich war ich vollkommen still. Ich habe immer noch keine Worte für dieses Gefühl. Um weiter atmen zu können, überlegte ich, dass ja die Polizisten vielleicht meine Unterhose zerschnitten und als Beweismittel mitgenommen hatten.

Dann spürte ich Pinien-Nadeln in meinem Nacken und begann, welche aus meinen Haaren zu ziehen. Ich dachte, dass die Nadeln vielleicht von einem Baum auf meinen Kopf gefallen seien. Mein Gehirn überredete mein Unterbewusstsein, nicht zu kollabieren. Denn mein Unterbewusstsein sagte die ganze Zeit nur „hilf mir, hilf mir“.

Ich wanderte in eine Decke gewickelt von Zimmer zu Zimmer, und hinterließ dabei eine Spur von Pinien-Nadeln. In jedem Zimmer, in dem ich saß, hinterließ ich ein kleines Häufchen Nadeln. Ich wurde gebeten, ein Formular zu unterschrieben, auf dem 'Vergewaltigungsopfer' stand und da dachte ich: Irgendwas ist wirklich passiert. Meine Klamotten wurden konfisziert und ich stand nackt da, während eine Schwester ein Lineal neben diverse Schürfwunden auf meinem Körper hielt und diese fotografierte. Zu dritt waren wir damit beschäftigt, die Piniennadeln aus meinen Haaren zu kämmen, sechs Hände füllten sie in eine Papiertüte. Um mich zu beruhigen, sagten sie: Das ist nur die Flora und die Fauna, nur Flora und Fauna.

Mehrmals wurden Wattestäbchen in meine Vagina und meinen Anus eingeführt, Nadeln spritzten mich, es wurden mir Tabletten verabreicht und eine Nikon-Kamera zwischen meine gespreizten Beine gerichtet. Ich hatte ein Scheidenspekulum in mir und meine Vagina wurde mit kalter, blauer Farbe eingeschmiert, um nach Abschürfungen zu suchen.

Nach ein paar Stunden ließen sie mich duschen. Ich stand da und beobachtete meinen Körper unter dem Wasserstrahl, und beschloss in dem Moment, dass ich diesen Körper nicht mehr haben wollte. Ich hatte panische Angst vor ihm, ich wusste nicht, was in ihm gewesen war, ob er mit irgendetwas angesteckt worden war, wer ihn berührt hatte. Ich wollte meinen Körper ausziehen, so wie man eine Jacke auszieht und ihn mit all den anderen Sachen im Krankenhaus zurücklassen."

chwae

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