Das Diktat der Hitze

Mit den Temperaturen steigt der Druck, Großes zu erleben. Aber muss man sich den Freizeitstress antun, oder ist es besser, sich zu Hause zu isolieren. Zwei Meinungen.
Von Mercedes Lauenstein und Christian Helten

Keine Macht dem Erwartungsdruck - je heißer es wird, desto besser ist es daheim zu bleiben, findet Mercedes: 

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Foto: Pünktchen. / photocase.com

Seit Dienstag wiederholt sich täglich mindestens siebzehn Mal aus allen Mündern und über alle Onlinekanäle die Information, dass „das heißeste Wochenende des Sommers“ naht. Wieso wissen überhaupt immer alle schon, was für ein Wetter wird? Wetternachrichten sind für mich wie Fußballnachrichten, es würde mir nicht auffallen, wenn die Moderatoren seit fünfzig Jahren den exakt gleichen Text vorläsen. Ich weiß nie, wie das Wetter wird, ich vertraue darauf, dass mir dann schon rechtzeitig was Gutes dazu einfällt.

Schlimm an dem Angewanze aller Wetterkundigen fünf Tage vor der besagten Hitze ist aber nicht einmal die pure Wetterinformation an sich. Schlimm ist der damit verbundene Erwartungsdruck, die Pistole auf der Brust. Der Satz „Es soll ja so heiß werden“ klingt für mich in Wahrheit so: Es wird heiß und sommerlich und es muss perfekt werden und ich bin vorbereitet und jetzt kommst du! Alle tun dann immer so, als hätten sie nur an diesem Wochenende Auslauf aus der Tristesse ihres Lebens. Als sei nur dies die einzige Chance, aus diesem Sommer noch einen guten Sommer zu machen. Mich bringt das aus mehreren Gründen zum Verzweifeln: Nicht nur klingen die Reizworte „Hitzeausbruch“ und „Sommerwochenende“ für mich nach nichts als 98 Grad heißen Sommerstauabgasen, glühenden Anschnallsteckern und nervtötenden Plapperpassanten. Es scheint mir außerdem völlig unmöglich, mich Tage im Voraus zwischen Schlauchbootverabredungen mit diesen, oder ausgedehnten Fahrradtouren mit jenen Freunden zu entscheiden.

Und was, wenn ich dann spontan einfach nur mutterseelenallein in einer verlassenen Ecke des nördlichen englischen Gartens liegen möchte? Was, wenn ich dann meine Freunde enttäusche? Was, wenn ich mich für das eine entscheide und dann doch lieber das andere wollte? Was, wenn ich das Wochenende erst mit lauter Hadern und Perfektionierungsversuchen vertreibe und zum Schluss nichts als das unerträgliche Gefühl davon trage, an meiner Freizeit gescheitert zu sein? 

Deshalb sind diese vielbesprochenen „heißesten Wochenenden des Jahres“ seit einiger Zeit zu den optimalen Gelegenheiten der völligen Isolation für mich geworden. Ich verspreche nichts und niemandem etwas und suche mir in Ruhe heraus, was alles so ansteht: Hausarbeiten, Schreibtischkram, Arbeitsangelegenheiten, Aufräumaktionen. Ich ziehe die Gardinen zu, schlafe aus, frühstücke lange und ausgiebig und lasse mir eine kalte Badewanne einlaufen, um sie den ganzen Tag lang in der Hinterhand zu haben wie ein kleines Kind sein Planschbecken im Vorgarten. Dann ziehe ich ein einziges, luftiges Kleidungsstück an und widme mich in kühler Ruhe meinen häuslichen Vorhaben.

Vielleicht sortiere ich meinen Keller und packe endlich ein paar Flohmarktkisten. Ich mag das Gefühl, in aller Ruhe viele Dinge zu erledigen, die im Trott der Woche so nervig sein können. Und dafür dann an irgendeinem Montag, wenn alle sich Urlaub vom Urlaub wünschen, weil das im Stau stehen, die Parkplatzsuche und die ständigen Unterwassertritte der anderen Badenden im Waldsee so stressig waren, mein eigenes Wochenende zu beginnen. Das leerste und mildeste des ganzen Sommers.  

Man muss ein heißes Wochenende ausnutzen. Das Planen ist zwar ein bisschen nervig, lohnt sich aber immer, findet Christian:

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Illustration: Julia Schubert

Ich kann verstehen, dass man vor dem Druck kapituliert, den so ein herannahendes Sommerwunderwochenende auf einen ausübt. Auch ich habe Tausende Sachen im Kopf, die ich dann gerne machen möchte: Segeln auf dem See. Arschbombe vom Steg. Mit einem Kumpel auf seinem Ruderboot mitfahren und Angeln. Mit einem anderen Freund durch die Berge radeln. Den ganzen Tag im Englischen Garten liegen und ab und zu ein bisschen im Eisbach surfen. In den Biergarten gehen. Selbst marinierte Spareribs grillen. Schlauchboot fahren. Und natürlich einfach nur faul im Schatten liegen und sich Leckereien aus der mitgebrachten Kühlbox in den Mund stecken. Die Liste ist endlos.

Wenn ein schönes Wochenende angekündigt ist und ich am Freitag Abend noch keine Ahnung habe, welches Vorhaben von dieser Sommerliste in meinem Kopf ich abhaken werde, stellt sich Nervosität ein. Ich schreibe dann SMS an die Verbündeten für die jeweiligen Unterfangen, telefoniere, sehe nach, ob es auf dem See Wind geben wird, und grüble, wie ich die verschiedenen Aktivitäten am besten über das Wochenende verteilen kann und welche wann am meisten Sinn ergibt. Weil das meistens nicht ohne größere Anstrengungen klappt, bin ich dann fast ein bisschen schlecht gelaunt, und wahrscheinlich auch ein bisschen schwer auszuhalten für Menschen, die all das ein bisschen entspannter sieht. 

Aber: Ich gebe dem Sommerwochenende meistens nach. Ich packe Brotzeit (am Vortag gekauft) und Bade- oder andere Sachen und setze mich in Bewegung. Ich stehe zur selben Zeit auf wie an einem Montag, und ich habe damit noch nicht mal ein Problem - im Gegenteil, ich werde manchmal wach, bevor der Wecker klingelt. Das Planen und Aufstehen lohnt sich immer. Ausgefüllte Sommertage sind die schönsten des Jahres. In einem Schlauchboot von Bad Tölz die Isar runterzutreiben fühlt sich an wie ein Kurztrip nach Kanada. Danach falle ich todmüde ins Bett, mit ein bisschen Muskelkater vom Rudern und Schwimmen, und im November denke ich immer noch daran zurück. Vom Sommer ist dann nichts mehr übrig als die Erinnerungen an solche Tage.

 

„Der Sommer“, das ist ja sowieso nur eine Art Ideal, dem wir immer mehr hinterher rennen müssen, je erwachsener wir werden. Sommer, das ist die Idee einer sorgenfreien Zeit, mit Würstlduft, Abendsonne, die durch Laubbäume auf nasse Haare scheint und Tagen, an denen man ewig schwimmt und grillt und lauter Dinge tut, die man jeden Tag tun konnte, als man zur Schule ging, die Ferien sechs Wochen dauerten und es egal war, ob man heute zum Dampfersteg geht oder morgen. Nur hat man irgendwann keine sechs Wochen Ferien mehr, also muss man ein paar Anstrengungen unternehmen, damit die Sommeridee für ein paar Tage Wirklichkeit wird. Wenn dann mal so ein Hammerwochenende angekündigt wird und man sich ihm unterwirft und Pläne macht, kommt man der Idee des Sommers ziemlich nahe, das Wochenende fühlt sich plötzlich viel länger an als es ist. Und für die kommenden Tage kann einem das Wetter völlig egal sein. Denn der Sommer war ja schon da. Er ist jetzt komplett. Bis zum nächsten Hammerwochenende.

Heiß, heiß, heiß:

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