Wenn Plattitüden als Feminismus gefeiert werden …

… hat Taylor Swift jungen Frauen wohl wieder zu mehr Selbstbewusstsein geraten. Ist das wirklich immer noch nicht selbstverständlich?
Von Charlotte Haunhorst
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Illustration: Julia Schubert

Zu Beginn ein kleines Quiz: Von wem stammt dieser Satz?

"Ich möchte gerne jeder jungen Frau, die jemals von einem Lehrer, Freund oder vielleicht sogar von den eigenen Eltern runtergemacht wurde, sagen: Hört nicht auf die anderen, sondern glaubt an euch selbst!"  

Alice Schwarzer? Barack Obama? Oder doch so eine Aphorismen-Postkarte mit Comic-Sans-Schrift, wie man sie an jeder Bahnhofsbuchhandlung kaufen kann? Bevor wir zur Auflösung kommen, hier noch ein zweites Beispiel:

"Ich möchte gerne all den jungen Frauen da draußen sagen: In eurem Leben wird es Menschen geben, die euch euren Erfolg wegnehmen wollen. Achtet gar nicht auf diese Menschen, sondern fokussiert euch auf euch selbst und eure Arbeit. Dann werdet ihr eines Tages sehen, dass ihr euren Weg nur euch selbst und den Leuten, die euch lieben, zu verdanken habt.“"

Okay, wir lösen auf: Das erste Zitat stammt von Kate Winslet, nachdem sie vergangenen Sonntag bei den British Academy Awards gewonnen hat. Das zweite von Taylor Swift (gerichtet an ihren Hater Kanye West), nachdem sie Sonntagnacht bei den Grammys abgeräumt hat. Und ja, beides klingt erst mal nach Ratschlägen, die eine Mutter ihrer Tochter bei Keksen in der Pubertät serviert ("Du bist einzigartig und das ist gut so").

 

Umso interessanter, wie Medien auf diese beiden, ja doch eher generischen Weisheiten, reagiert haben: "Kate Winslet gives this INCREDIBLE advice to young women" wird da unter ein Youtube-Video getextet. Und Taylor Swifts Rede als "powerful" und "inspiring“ beschrieben. Der Chicago Tribune landet sogar bei der These "Taylor Swift’s speech was the rallying cry we needed" (also der dringend benötigte Aufschrei). Und klar, dass beide sich damit mal wieder als Speerspitze des Feminismus präsentiert haben, wird auch geschrieben.

 

Natürlich muss man von all dieser Dramatik erst einmal die Hälfte wegen Clickbait-Quatsch abziehen. Aber dann bleibt immer noch die Feststellung: Wenn Frauen auf der Bühne sagen, junge Frauen seien sehr okay und sollten an ihren Träumen festhalten, ist das immer noch eine Meldung, ergo nichts Selbstverständliches. Und müsste spätestens da nicht jeder merken, dass etwas schief läuft?     

 

Vielleicht sollte man zunächst einmal hinterfragen, warum Superstars überhaupt meinen, solche Ratschläge geben zu müssen. Ist ja nicht so, als wären sie darum gebeten worden ("Frau Swift, was raten Sie eigentlich jeder jungen Frau?"). Gemeinheiten von außen wären da ein Erklärungsansatz: Ein Lehrer sagte zu Kate Winslet angeblich mal, sie solle sich nur auf Rollen für dicke Mädchen bewerben. Und Taylor Swift wurde bekanntlich von Kanye West als "bitch" beschimpft. Und jetzt, wo sie beide berühmt sind, wollen sie dieser miesen Welt einmal den Mittelfinger entgegenstrecken.

Klar, das wäre legitim. Aber warum dieser belehrende Rundumschlag? Und warum ausschließlich adressiert an junge Frauen? Das gibt einem ja direkt das Gefühl, die beiden würden eine höhere Wahrheit ansprechen, die bisher tabusiert wurde. Schockierende Erkenntnisse wie: „Ich bin okay, du bist okay – gilt jetzt auch für Frauen!“      

 

Natürlich ist das ziemlicher Blödsinn. Mehr noch. Dass Swift und Winslet tatsächlich für Aussagen gefeiert werden, die sogar als Spruch-Postkarte abgelutscht wirken, zeigt, wie groß die Differenz zwischen Wunschdenken und Realität ist. Dass selbstbewusste Frauen, die anderen Menschen, insbesondere Männern, tatsächlich mal die Meinung sagen oder zeigen, dass sie es einfach mehr drauf haben, keine Selbstverständlichkeit sind. Sondern dass sie sich immer noch öffentlich dazu äußern müssen und das dann auch dankbar von allen aufgegriffen wird. Das gilt übrigens nicht nur auf der Award-Bühne, sondern auch im echten Leben. Wenn die Frauen sagen "Übrigens, ich wäre auch gerne mal Chef" oder "Sorry, aber der Mann muss sich auch um die Kinder kümmern."

 

In einer perfekten Welt würden solche Selbstverständlichkeiten den Menschen wohl kaum mehr als ein genervtes "Aha, und was ist jetzt die Neuigkeit?" entlocken. Stattdessen drehen aber alle durch und freuen sich, dass es mal wieder jemand gesagt hat. Weil insgeheim doch alle das Gefühl haben, dass hier gerade ein Tabu gebrochen wird. Und das ist falsch. Punkt. Vielleicht merkt sich das ja eine der beiden für ihre nächste Grammy- oder sonstwelche Preisverleihung. Nach dem Motto: "Freunde, was ich hier sage sollte normal sein." Oder sie schicken einfach ihre Mütter hoch. Die haben das nämlich schon immer gesagt – es wollte nur keiner hören.

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