Körperbehaarung
Illustration: Johannes Englmann

Heute sollte jeder so aussehen können, wie er selbst möchte. Bei Körperhaaren sind wir aber immer noch schnell angeekelt. Warum das so ist und was das mit Gehirnwäsche durch Bilder von Models zu tun hat, erklärt Winfried Menninghaus, Direktor der Abteilung Sprache und Literatur des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik.

jetzt: Herr Menninghaus, Frauen rasieren sich mittlerweile überall. Wie ist es dazu gekommen?

Winfried Menninghaus: Ein erster Grund für den heutigen Trend ist, dass die westliche, moderne Mode viel Haut an Armen und Beinen sehen läßt. Ein weiterer ist, daß die Vermessung und Bewertung des Körpers auf einen neuen Höhepunkt getrieben worden ist. Und nicht zuletzt hat die Schönheitsindustrie großes Interesse daran, alle nur möglichen Merkmale als Schönheitsmakel zu identifizieren, für die sie dann kostenpflichtige Abhilfe anbietet.

Nicht-Rasur von Körperhaaren gilt mittlerweile fast schon als gesellschaftlich inakzeptabel. Dabei gibt es aber Unterschiede zwischen Männern und Frauen, zum Beispiel was die Beinbehaarung angeht. Woran liegt das?

Charles Darwins Theorie sexueller Körper-„Ornamente“ bietet eine interessante Perspektive auf dieses Phänomen an. Für Darwin ist nackte Haut ein Ganzkörper-Ornament, das beim Menschen durch selektive "Abwahl" der Behaarung der nicht-menschlichen Primaten entstanden ist. Die unbehaarten Analgenital-Bereiche der Affen sind ihm zufolge Signale in der sexuellen Kommunikation. Beim Menschen – und insbesondere bei der menschlichen  Frau – wurden diese heißen Zonen sozusagen zu einem erogenen Ganzkörperornament ausgedehnt. Es passt zu Darwins Theorie, dass diese sexuell heiße Enthaarung bei den Geschlechtern unterschiedlich ausgeprägt ist und dass sich diese Unterschiede am stärksten in der Phase der sexuellen Reifung (Pubertät) ausbilden. Die sexuelle Selektion hat der weitergehenden Körperenthaarung bei Frauen insofern einen sexuellen Signalwert gegeben. Deshalb stehen Frauen in Sachen Enthaarung schon evolutionsbedingt unter größerem Druck.

Beine werden schon länger rasiert. Seit einigen Jahren ist es auch mit der Intimbehaarung so. Dabei kann man das ja zum Beispiel selbst in knapper Kleidung nicht sehen. 

Das Behaarungsdreieck der Scham ist eigentlich ein Ornament. Da es dieses auffällige Phänomen bei nicht-menschlichen Primaten nicht gibt, spricht einiges dafür, daß es einen Selektionsdruck zugunsten dieses Ornaments der Behaarung auf einem ansonsten weitgehend enthaarten Hintergrund und keineswegs dagegen gab. Insofern ist es umso verwunderlicher – und nur durch rein kulturelle Moden erklärbar –, dass dieser Körperschmuck seit 40 oder 50 Jahren immer mehr wie ein peinlicher Makel wegrasiert wird. Noch in den 1970er wäre niemand auf die Idee gekommen, diese Behaarung als unattraktiv zu empfinden, im Gegenteil. Andererseits erfreuen sich komplementär zwei andere durch die Evolution entstandene und sexuell codierte Behaarungsornamente heute besonders großer Beliebtheit: der männliche Bart und das weibliche Haupthaar.

Winfried Menninghaus

Winfried Menninghaus

Foto: privat

Ist es deshalb auch so schwierig, dem Enthaarungsdrang zu widerstehen, wie es ja zum Beispiel Feministinnen immer wieder propagiert haben? Weil wir Angst haben, dass sich dann niemand mehr mit uns paaren will?

Ich denke, da gibt es zwei Seiten: Zum einen stylen Frauen wie Männer sich heute immer mehr, um sich selbst zu gefallen. Dabei gibt es allerdings eine gefährliche Falle: Das Bild, mit dem man sich vergleicht, ist das, was man in den Medien vorgezeichnet bekommt, also ein extrem künstlicher Standard, dem man nie genügen kann. Zum anderen ist Selbstgefallen natürlich grundsätzlich mit der Erwartung verknüpft, man würde auch anderen besser gefallen - und somit bessere Chancen bei der Partnerwahl haben, wenn man sich zum Beispiel die Haare an den Beinen entfernt.

 

Also sind die Bilder, die von den Medien transportiert werden und mit denen wir uns vergleichen, schuld an allem? 

Wiederholtes Ansehen steigert in der Regel ästhetisches Gefallen. Dieser "mere exposure-Effekt" ist eine Grunderkenntnis der Ästhetik. Die pausenlose Konfrontation mit Bildern von Models in allen möglichen Medien ist deshalb wie Gehirnwäsche. Heute sind die Ikonen der Schönheit hochgradig unrealistische, artifiziell aufbereitete Bilder. Vor der Erfindung von Fotographie und Druck war das anders: Man sah hauptsächlich die Menschen, die man persönlich kannte. Durch sie wurde das Schönheitsbild geformt. Die waren natürlich weniger unrealistisch als die Bilder, die uns heute die Medien vermitteln.

 

Was genau ist daran das Problem?

Die Kluft zwischen dem eigenen Aussehen und dem angestrebten Ideal wird dadurch sehr viel größer. Vor allem junge Menschen haben beinahe notwendigerweise das Gefühl, diesen Bildern nicht gerecht zu werden. Das ist ein ungebremster Trend und ein großes Problem unserer Gesellschaft.

 

Aber gab es nicht schon immer bestimmte Vorstellungen vom Traumkörper und vom perfekten Aussehen? Wie sie bereits sagten, war es ja in den 70er Jahren attraktiv, eine natürliche Behaarung zu haben.

Ja, jede Generation unterliegt sich kulturell wandelnden Schönheitsidealen, aber unser aktueller Standard ist besonders unbarmherzig. Die Menschen sind nichts anderes als Check-Listen: Was passt, was passt nicht? Der ewige Vergleich mit unerreichbaren Vorbildern ist ein trauriges Schicksal.

 

Gibt es bei dieser düsteren Aussicht dann überhaupt noch ein Mittel gegen den Schönheitswahn? Zum Beispiel Klamotten, die weniger körperbetont sind?

Momentan sehe ich wenig Grund zur Hoffnung, dass es besser wird. Die Politik hat ziemlich versagt. Das Problem wird zwar gelegentlich benannt, aber Ansätze zu einem Gegensteuern gibt es weit und breit nicht. Junge Menschen werden sich selbst überlassen und oft krank angesichts der empfundenen Diskrepanz zwischen eigenem Aussehen und Model-Bildern. Es ist unsere Pflicht, das zu ändern. Das Thema gehört bereits in den Schulunterricht. Und wie bei Zigaretten sollte es eine Steuer auf Bilder in den Medien geben, die viele heutige Zeitgenossen letztlich krank machen. Aus den Einnahmen könnten die notwendigen Therapien bezahlt werden.

 

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