Die Rund-um-die Uhr-Betreuung von minderjährigen Flüchtlingen ist wichtig

Eine Betreuerin erzählt uns, warum.
Protokoll: Sophie Schriever
Foto: 0711concept / photocase.de

„Die Kosten für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge explodieren“, kritisierte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, im Gespräch mit der Rheinischen Post. Vor allem die Betreuung rund um die Uhr stellt Landsberg in Frage. Katharina, die eigentlich anders heißt, arbeitet in einer Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und betreut die Jugendlichen nachts. Uns hat sie erzählt, was sie in ihrem Job macht und was damit wegfallen würde, sollte die Rund-um-die-Uhr-Betreuung abgeschafft werden:

"Ich bin als Nachtfrau angestellt, das heißt, ich komme immer um sieben Uhr abends in die Flüchtlingseinrichtung. Ich esse dann mit den Mädchen und unternehme noch etwas mit ihnen. Manchmal fahren wir zusammen Fahrrad oder lesen uns gegenseitig vor, schauen Filme oder gehen einfach nur spazieren. Um zehn Uhr schicke ich sie dann ins Bett, wecke sie in der Früh wieder auf und schicke sie in die Schule.

Das Wichtigste an den Nachtschichten ist eigentlich, dass eine erwachsene Person da ist, die den Jugendlichen Zuspruch und Fürsorge bietet. Und zwar genauso unkonkret, wie das jetzt vielleicht klingt. Unsere Arbeit lässt sich nämlich schwer in einen bestimmten Aufgabenkatalog pressen. Die Hauptansprechpartner sind natürlich die Sozialpädagogen tagsüber. Allerdings sind sie total ausgelastet damit, Amtssachen zu regeln: Formulare ausfüllen, den Aufenthaltsstatus klären, Dinge wie Wohnungen beantragen. Die haben wirklich viel zu tun, damit immer für alle Mädchen alles parat und auf dem neuesten Stand ist. Auch für die Flüchtlinge ist das wahnsinnig viel Input. Und am Abend, wenn man noch etwas Gemütliches zusammen macht, kommt das oft hoch. Das ist wahnsinnig viel zu verarbeiten. Viele Mädchen kommen dann eben zu mir und reden über Sachen, die tagsüber belastend waren.

Ein wichtiger Punkt bei meiner Arbeit ist auch, dass die Jugendlichen über Nachrichten aus ihrem Herkunftsland sprechen können. Ein Mädchen aus Tibet bekommt über Facebook immer noch viel aus ihrer Heimat mit. Als sich ein 17-Jähriger dort selbst verbrannt hat, war sie so erschüttert, dass sie ein großes Bedürfnis hatte, darüber zu reden. Zwei Wochen lang war sie sehr geschockt. Insgesamt wird abends viel diskutiert, teilweise auch über Streits, die tagsüber vorgefallen sind.

Ich habe dabei schon oft die Erfahrung gemacht, dass der erste Eindruck sehr täuschen kann: Wenn man ein Mädchen kennenlernt, denkt man am Anfang manchmal „Ach ja, die ist ganz fröhlich und aufgeweckt.“ Und dann sieht man später, dass da noch ganz schön viel dahintersteckt, was man am Anfang nicht gedacht hätte. Die Mädchen bei uns haben fast alle schon sehr viel mitgemacht. Einige brauchen deshalb psychologische Betreuung.

Ab und zu gibt es auch Zwischenfälle. Teilweise waren einige Mädchen unterwegs und haben niemandem Bescheid gegeben. Man kann dann manchmal auch gar nicht sagen, wieso sie sich nicht melden, aber gerade dann ist es ja wichtig, dass jemand da ist, der merkt, dass sie nicht zu Hause sind, der sie anruft und fragt, wo sie sind, ob alles in Ordnung ist, ob es ihnen gut geht.

Und manchmal geht es dann doch wieder um sehr praktische Fälle: Ein Mädchen hatte einmal ganz schlimme Bauchschmerzen. Das klingt für uns banal, aber Flüchtlinge kommen erst mal nicht einfach so an Medikamente ran. Und im konkreten Fall hatte das Mädchen eine große Scheu, sich behandeln zu lassen. Sie wäre niemals einfach alleine ins Krankenhaus gefahren. Sie konnte sich nicht mal überwinden, zu sagen: „Okay, mir geht es echt schlecht.“ Da habe ich mir schon gedacht: Es ist echt wichtig, dass man das direkt mitbekommt, weil es für die Mädchen einfach nicht so etwas Vertrautes ist, dass man einfach jemanden anrufen oder um Hilfe bitten kann. Ich habe dann bei der Bereitschaftsärztin angerufen und mit ihr geklärt, was ich machen soll.

Es stimmt schon, dass unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge viel mehr Betreuung bekommen als andere Flüchtlinge, das ist schon relativ aufwendig. Ich glaube aber, dass es notwendig ist, dass sie hier diese intensive Betreuung und Unterstützung bekommen."

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