"Niemand bombt für Frieden"

Grüne Aliens, riesige Raumschiffe - Ayham Jabr verarbeitet den Kriegs-Alltag in Syrien mit Science Fiction.
Von Fabian Köhler

Der 28-jährige Ayham Jabr lebt mit seiner Mutter und seiner Schwester in einer kleinen Wohnung am Ostrand von Damaskus. Obwohl die Gegend von der syrischen Regierung kontrolliert wird, schlagen auch in Ayhams Nachbarschaft immer wieder Mörser und Raketen islamistischer Rebellengruppen ein. Vor dem Krieg arbeitete Ayham als Cutter für syrische TV- und Kinoproduktionen. Keine zufällige Berufswahl: Ayhams Familie brachte einige der bekanntesten Schauspieler der arabischen Welt hervor. Die wahrscheinlich berühmteste, Muna Wassef, gehört ebenso dazu wie Naji Jabr, der  als Abu Antar in der Sitcom صح النوم (Guten Morgen) berühmt wurde. Ayhams schaffte es als Schauspieler nicht ganz so weit. Sein letzter Auftritt: Als neunjähriger spielte er auf der Theaterbühne seiner Schule einen Geist.

jetzt: Du lebst im Osten von Damaskus. Gleich nebenan kämpft die die syrische Armee gegen islamistische Milizen. Geht es dir gut, bist du in Sicherheit?

Ayham Jabr: Ja, alles ist bestens. In meinem Viertel sind wir an den Beschuss und die Granaten gewöhnt. Ich lebe ja gleich neben Jobar. [einem schwer umkämpften und nahezu vollständig zerstörten Vorort von Damaskus, Anm. der Red.]  Der Tod war die ganze Zeit um uns herum. Aber seit dem Waffenstillstand haben sie aufgehört, die ganze Scheiße auf uns abzulassen. 

Wie ist dein Alltag so nah an der Front?

Mein Leben ist nicht besonders aufregend. Ich gehe nicht mehr so viel aus. Die meiste Zeit sitze ich zu Hause, im Studio oder ich laufe durch die Straßen. Ich hab ein kleines Zimmer, das ich zu einem Fotostudio umgebaut habe. Ich verbringe viel Zeit mit Fotografie und meinen Collagen, schaue Filme oder höre gute Musik. Und ich liebe es, Zeit in der Altstadt zu verbringen.

Szenen aus der Altstadt von Damaskus finden sich auch in vielen deiner Collagen wieder. Erzähl uns mehr über die Inspirationen, die dir Damaskus zurzeit verschafft. Der Krieg lehrt, das Leben jeden Tag stärker wertzuschätzen. Als ich ein Kind war, haben mir meine Eltern gesagt, ich solle jeden Tag würdigen, dass ich lebe. Was sie meinten, habe ich erst verstanden, als der Krieg begann. Das Leben wertschätzen bedeutet, dich selbst wertschätzen. Das Leben wertschätzen bedeutet, aus Nichts etwas zu schaffen. Ich bin ständig pleite. Allein das ist so inspirierend. Damaskus ist ein Ort, an dem du nichts hast außer dir selbst.  

Und grüne Aliens und Raumschiffe. Wie entstehen deine Bilder? Läufst du durch die Gassen und denkst “dazu würde gut der Todesstern aus Star Wars passen”?

Gute Frage. Ich bin nicht so gut darin, mich mit Worten auszudrücken. Deshalb tue ich es mit Fotos, Grafiken und Collagen. Ich denke, diese Werkzeuge sind unmissverständlicher und lebhafter als Worte. Alles hier ist inspirierend: Mein größter Einfluss sind beschissene Dinge wie meine gescheiterte Liebesgeschichte, der Tod von Freunden und der generelle Mangel an Sicherheit. Aber nicht nur Dinge, die in Syrien passieren, inspirieren mich: Das Fernsehen erlaubt dir, die ganze Welt zu bereisen, während du im Wohnzimmer sitzt. Auch Filme haben einen großen Einfluss auf mich. Die vom großartigen Tim Burton zum Beispiel. Und die bunten Zeitschriften, die wir als Kinder immer lasen.

Also spiegelt sich "Mars Attacks" ebenso wie die Mörserangriffe auf Damaskus in deinen Bildern wider?

Die Gemeinsamkeit zwischen beiden ist: Angriff. Jeder attackiert jeden. Es geht um Habgier und die Illusion von Macht und das Streben nach ewiger Anerkennung seit Anbeginn der Zeit.

Klingt, als sei für dich das Gut-Böse-Narrativ aus Science Fiction-Romanen näher an der syrischen Wahrheit als die komplizierten Erklärungen aus den Nachrichten.

Da hast du recht. 

Früher hast du selbst Filme gemacht. Vermisst du das?

Ja, die meiste Zeit editierte ich TV-Serien oder Video-Installationen für Musik-Events. Es gab eine riesige Anzahl an TV-Sendern. Die ganze arabische Welt liebte syrische Drama-Serien. Jetzt gibt es natürlich nicht mehr so viele Produktionsfirmen. Und der Kinomarkt in Syrien ist quasi nicht mehr existent. Ich würde gern eine syrische Serie drehen. Ich habe schon viele Ideen für Drehbücher aufgeschrieben.

Worum geht es?

Um den Tod der syrischen Film- und Radioindustrie, syrische Künstler, syrische Frauen, um Flüchtlinge; um die Folgen des Krieges für Zivilisten. Um den Terror.

Das Mädchen, das ich liebte, lebt jetzt übrigens als Flüchtling in Deutschland.

Warum bist Du nicht mit ihr gegangen?

Es gehörte nie zu meinen Plänen, ein Flüchtling zu sein. Es gibt natürlich Menschen, die alles verloren haben – für die ist es vielleicht wirklich besser zu gehen und nach neuen Möglichkeiten zu suchen. Ich aber versuche wertzuschätzen, was uns geblieben ist. Selbst wenn es nichts ist. Damaskus ist so inspirierend, selbst unter all dem Wahnsinn. Ich glaube, wenn du das, was du tun willst, nicht in deinem eigenen Land schaffst, wirst du es auch nirgendwo anders schaffen.

Sehen das viele Menschen um dich herum so?

Das weiß ich nicht. Das Lächeln im Gesicht eines jeden versteckt sich hinter einer traurigen Geschichte, die jeder von uns mit sich herum trägt. Jeder hat Verwandte verloren. Das ist das Abscheuliche an dem Krieg: Er bedeckt alle von uns mit Zerstörung und Trauer. Der Terror, den der Westen uns geschickt hat, ist schlimmer als die Hölle selbst. Und ich denke, jeder in der Welt kann das fühlen.

 

Der Westen schickt die Raumschiffe?

Es sind Aliens, Fremde. Sie sagen, sie kämen in Frieden. Aber wer kommt schon wirklich für Frieden? Was sie brachten, ist totale Zerstörung. Die Entscheidung, wer die Schuld trägt, überlasse ich dem Betrachter.  Aber lass es mich so sagen: Es geht um Fremde, die nicht so friedlich sind, wie sie behaupten. Die Bilder sind mein Weg, die Wahrheit über dieses Dilemma und die schrecklichen Umstände auszudrücken.

 

Was ist die Wahrheit?

Niemand bombt für Frieden.

 

Werden die Raumschiffe wieder verschwinden?

Ich denke, es wird übel für sie ausgehen. Für jeden, der Syrien in der Vergangenheit bedrohte, endete es mit der totalen Zerstörung. Das hat die Geschichte Syriens gezeigt. In all den Kriegen, die Syrien erlebte, stand das Land am Ende wieder auf. Damaskus ist die älteste Hauptstadt der Welt, sie wird überleben, wie sie es immer getan hat.

 

Und dann, was kommt danach?

Ich möchte eine Serie machen von Anfang bis Ende: Drehbuch, Kamera, Regie. Ich will wieder schauspielern. Ich hoffe, dass ich dann immer noch Ideen für Collagen finden kann. Ich will, dass der Frieden in unser Land zurückkehrt. Aber ich bin mir nicht sicher, ob der Frieden jemals in uns zurückkehrt.