Sorry ist überhaupt nicht das schwerste Wort

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Nichts fällt uns so schwer wie eine Entschuldigung. Das hat schon Elton John gesungen und der muss es ja wissen. Wir haben deshalb mal ein paar Vorschläge rausgesucht. Eine Typologie der Entschuldigung.

entschuldigunftypologie die endlose
Illustration: Daniela Rudolf

Die Endlose

Wie läuft das ab? 

Unzählige Anrufe, Sturmklingeln, rote Rosen, ein Gedicht – das volle Programm eben. Wochenlang. Gibt es bei Entschuldigungen eigentlich Mengenrabatt? 

Wie kam es dazu? 

Flo hat Lisa betrogen. Das war ein Riesenfehler. Eigentlich unverzeihlich, das weiß Flo. Aber in romantischen Filmen funktioniert diese Taktik ja auch immer. 

Welche Taktik steht dahinter?

Geduld, Hartnäckigkeit und der Glaube daran, dass Hartnäckigkeit belohnt wird. Viel hilft bekanntlich viel. Wenn der andere nur lange genug mit maximaler Schlagzahl bearbeitet wird, MUSS das doch irgendwann wirken! 

Was ist das Ziel? 

Lisa muss ihm verzeihen. Sie muss einfach. Und dann, in ein paar Jahren, ergibt das eine schöne "Weißt du noch, damals, als ich dir wochenlang jeden Tag zu Füßen lag und um dich gekämpft habe"-Geschichte.

Und wie ist die Reaktion?

Lisa drückt die Anrufe weg. Sie ignoriert das Türklingeln. Sie wirft die Rosen in den Müll. Aber die Aktion mit dem Gedicht, die ist schon ein bisschen süß. Ziemlich süß eigentlich. Auch wenn es sich überhaupt nicht reimt. Vielleicht sollte sie ihm doch noch eine Chance geben? 

Kluge Leute wissen...

...dass es sich manchmal lohnt, hartnäckig zu bleiben. Aber Vorsicht: Wer sich zu oft entschuldigt, kommt nicht glaubhaft rüber. Die Entschuldigungen sind dann nur noch "Geräuschkulisse", erklärt Amy Ebesu Hubbard. Die Professorin forscht zu dem Thema an der Universität Hawaii. 

entschuldigunftypologie die unschuldige
Illustration: Daniela Rudolf

Die Nicht-Entschuldigung

Wie läuft das ab?

"Ich hab’ das gar nicht so gemeint. Weißt du, ich hatte wirklich einen schlechten Tag. Der Kaffee war alle, dann hab’ ich die S-Bahn verpasst. Und die Prüfung hab’ ich auch noch total verbockt. Am Abend war ich echt fertig. Dann ist mir das einfach so rausgerutscht. Ich weiß auch nicht, was mit mir los war."

Wie kam es dazu?

Mädelsabend in der Kneipe: Alle sind schon ein bisschen betrunken. Und irgendwie kommt das Thema auf Sarah. "Habt ihr schon Sarahs neue Frisur gesehen? Schaut als, als ob sie sich einen Topf aufgesetzt hat und dann Schnipp-Schnapp...", platzt es aus Anna heraus. Blöd nur, dass Sarah hinter ihr steht. 

Welche Taktik steht dahinter?

Auf die Mitleidsdrüse drücken, das funktioniert fast immer. Die Umstände verantwortlich machen statt sich selbst. Wenn der andere dann merkt, wie arm man selbst dran ist, kann er eigentlich gar nicht mehr böse sein. Ach, das Leben ist einfach schwer!

Was ist das Ziel?

Sarah beschwichtigen. Sie übertreibt immer so. 

Und wie ist die Reaktion?

Sarah ist verletzt, aber das lässt sie sich nicht anmerken. Nicht vor den Mädels. Sie will ja keine Zicke sein. Also nimmt sie die Entschuldigung an, ist aber innerlich sauer, dass sich jetzt das Gespräch auch noch um die verkackte Prüfung der ach so armen Anna dreht. 

Zu Hause kramt Sarah nach einem Haargummi. Ab sofort trägt sie ihre Haare nur noch als Knoten. 

Kluge Leute wissen...

...dass es diese Form der Entschuldigung sogar ins Oxford Dictionary geschafft hat: "Non-apology" ist ein "Statement in Form einer Entschuldigung". Dabei fühlen sich die Leute weder verantwortlich für das, was sie getan haben, noch bedauern sie es wirklich. 

entschuldigunftypologie die einsilbige
Illustration: Daniela Rudolf

Die Einsilbige

Wie läuft das ab?

"Sorry." Vielleicht noch: "Wird nicht wieder vorkommen." Aber das ist dann schon die Luxus-Variante. Einsilbigkeitsprofis kombinieren das Sorry mit einem kumpelhafte Schulterklopfer.

Wie kam es dazu?

Tobi hat den USB-Stick verschlampt, den Lukas ihm geliehen hat. Und jetzt macht Lukas Stress. Auf dem Stick waren noch Fotos vom letzten Urlaub.

Welche Taktik steht dahinter?

Die Marginalisierung des Problems durch Nichtanerkennung: Je knapper die Entschuldigung ausfällt, desto kleiner wirkt der Fehler, weil man damit signalisiert: Nicht der Rede wert, das Ganze. Reg dich doch nicht so auf, lass uns lieber ein Bier trinken.

Was ist das Ziel?

Lukas soll endlich Ruhe geben. Ist ja nur ein USB-Stick. Dafür wird Tobi sicher nicht die Wohnung auf den Kopf stellen.

Und wie ist die Reaktion?

Lukas ist erstmal sauer. Aber es wirkt: Eine große Klagerede erschiene ihm nach diesem kurzen Sorry irgendwie übertrieben, man geht wieder zur Tagesordnung über. Aber er wird Tobi nie wieder was leihen. 

Kluge Leute wissen...

...dass das vor allem eine Sache unter Männern ist. Sie entschuldigen sich viel seltener und knapper als Frauen. Männer finden es einfach nicht so oft nötig. Wenn sie sich wirklich entschuldigen, dann meistens bei Frauen. Das hat eine Studie von 2010 bewiesen.  

entschuldigunftypologie die ueberfluessige
Illustration: Daniela Rudolf

Die Überflüssige

Wie läuft das ab?

"Entschuldige, ich will mich gar nicht einmischen und dir zu nahe treten. Aber ich würde das ein bisschen anders machen, schau mal, so geht das viel schneller. Sorry, wenn ich da jetzt aufdringlich wirke oder so. Ich hab das nur eben mitbekommen und dachte mir, ich quatsch dich eben an." 

Wie kam es dazu?

Tja, eigentlich hat Lisa gar keinen Grund sich zu entschuldigen. Im Gegenteil. Sie hilft ihrer Kollegin Gabi, ein Projekt fertig zu stellen. Das hätte Gabi sonst nie bis zum Abgabetermin geschafft. Aber dabei fühlt sich Lisa auch ein bisschen schuldig. Denkt ihre Kollegin jetzt, sie würde ihr nichts zutrauen? Stellt sie Gabi bloß?

Welche Taktik steht dahinter?

Lieber sich ein Mal zu viel entschuldigen, als ein Mal zu wenig. Prävention ist immer gut. Man weiß ja nie.

Was ist das Ziel?

Das Projekt muss endlich fertig werden. Sonst verschiebt sich alles nach hinten und die Kollegen sind genervt. Damit kommt Lisa nicht klar. Außerdem ist es bestimmt gut für ihr Karma.

Und wie ist die Reaktion?

Ein Lächeln. Gabi ist erleichtert und freut sich über die Hilfe. Nur dieses viele Entschuldigungs-Gelaber könnte Lisa mal ein bisschen zurückschrauben.

Kluge Leute wissen...

...dass sich vor allem die Japaner ständig entschuldigen. Das gehört dort zum guten Ton. "Sumimasen" ist das richtige Wort dafür.  

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Illustration: Daniela Rudolf

Die Unmögliche

Wie läuft das ab? "Ich weiß, dass es dafür keine Entschuldigung gibt. Ich versteh' auch, dass du jetzt wütend auf mich bist. Nur...ich weiß auch nicht, wie ich das jetzt sagen soll...Ach, wahrscheinlich bringt das auch alles nichts. Es gibt einfach keine Entschuldigung dafür. Es tut mir unendlich leid."

Wie kam es dazu?

Lars hat lange überlegt, was er sagen soll. Wie er Nina beibringen soll, dass er ihren Lieblingspulli zu heiß gewaschen und geschrumpft hat.

Welche Taktik steht dahinter?

Der Fehler ist unverzeihlich, also lieber gleich alle Schuld auf sich nehmen. Und mit all dem Zu-Kreuze-Kriechen den Reflex des anderen herausfordern, irgendwann zu sagen: Hey, passt schon, du hast dich entschuldigt, ist gut jetzt. Und wer weiß: Vor Gericht wirkt es sich ja auch strafmindernd aus, wenn man seinen Fehler offen eingesteht. 

Und wie ist die Reaktion?

Der Reflex funktioniert, in diesem Fall. Nina verzeiht Lars und kauft sich einen neuen Pulli.

Kluge Leute wissen...

...dass man sich so eine Entschuldigung gleich sparen kann, wenn der Fehler wirklich unverzeihlich ist – wenn Lars zum Beispiel Nina mit deren bester Freundin betrogen hätte. Schlechte Entschuldigungen machen nämlich alles nur noch schlimmer, hat Aaron Lazare von der University of Massachusetts Medical School herausgefunden.  

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Illustration: Daniela Rudolf

Die Wiedergutmachende

Wie läuft das ab?

"Ich kann mir wirklich nicht erklären, wie das passieren konnte. Aber ich verspreche Ihnen, dass ich alles dafür tun werde, es wieder gut zu machen. Ich setz’ mich nach Feierabend gleich noch mal dran." 

Wie kam es dazu?

Irgendwie hat sich der Fehlerteufel in Leas Exceltabelle eingeschlichen. Jetzt stimmt die Bilanz nicht. Und Lea muss es ihrem Chef beichten.

Welche Taktik steht dahinter?

Wer den Fehler gleich wieder ausbadet, hat eigentlich keinen Fehler gemacht.  

Und wie ist die Reaktion?

Der Chef weiß längst Bescheid. Alles halb so schlimm. Aber wenn sie freiwillig Überstunden machen will...bitte. Dann macht er eben böse Miene zum Spiel. 

 

Kluge Leute wissen...

...dass es ihrer Karriere schadet, wenn sie sich zu oft entschuldigen. Das sei auch ein Grund, warum Frauen in der Berufswelt immer noch benachteiligt sind. Sie entschuldigen sich einfach zu oft, glauben einige Wissenschaftler.  

entschuldigunftypologie die inszenierte
Illustration: Daniela Rudolf

Die Inszenierte

Wie läuft das ab? 

Seit zehn Minuten steht Stefan vor dem Haus und ruft Janas Namen. Im Kuh-Kostüm. Mit einem selbstgemalten Schild um den Hals. Darauf steht: "Ich bin ein Rindvieh!" 

Wie kam es dazu? 

Stefan hat den Geburtstag seiner Freundin vergessen. Seitdem redet Jana kein Wort mehr mit ihm.

Welche Taktik steht dahinter?

Wer in aller Öffentlichkeit zu seinem Fehler steht, zeigt, wie ernst es ihm ist. Und nimmt gleichzeitig den Ernst aus der ganzen Sache raus, in dem er sich freiwillig bis auf die Knochen zu blamiert und den anderen zum Lachen bringt. 

Und wie ist die Reaktion?

Nach zehn Minuten öffnet sich die Tür einen Spalt. Was sollen denn die Nachbarn denken!

 

Kluge Leute wissen...

...dass gerade berühmte Leute Entschuldigungen gern öffentlich zelebrieren. "Apology tour" nennt Oxford Dictionaries das Phänomen.  

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