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Alessandra Schellnegger; Pokemon

Ich bin wieder acht Jahre alt. "Komm und schnapp’ sie dir!", summt es in meinem Kopf. Die Titelmelodie von Pokémon auf den Lippen, starte ich den neuesten Nintendo-Coup: "Pokémon Go. Eine Art Test soll das werden. Mit dem Spiel durch München. Funktioniert das? Und wo führt es einen hin beim Versuch, Monster auf dem Smartphone zu fangen? "Pokémon Go" startet heute in Deutschland, gestern musste ich mir das Spiel allerdings noch über Umwege beschaffen: Foren wälzen, das iTunes-Konto auf USA umstellen, mich im Poké-Club anmelden.

Start am SZ-Hochhaus in Berg am Laim also. Genauer: im Großraumbüro. Drei Pokémon stehen zu Beginn zur Verfügung. Eins darf der Spieler mitnehmen. Ich entscheide mich für Glumanda. Das drachenartige Feuer-Pokémon hüpft mit brennendem Schwanz über meinen unaufgeräumten Schreibtisch. Das Büro jubelt, als ich das kleine Monster mit dem Poké-Ball einfange – wohl auch, weil ich dafür knapp zehn Anläufe brauche. Die Rechenleistung meines Handys ist offenbar eine Generation zu langsam. Was nicht das einzige Problem bleiben wird.

"Augmented Reality" nennt sich der technische Zauber, bei dem Figuren mittels Kamera auf dem Display in die echte Welt eingeblendet werden. Neueste Technik also. Die sorgt auch dafür, dass meine Spielfigur simultan mit meinen Bewegungen über die Karte schlendert, als ich losgehe. Ich bin fasziniert – und stolpere prompt die Treppen vor dem Gebäude hinunter. Was mir noch logisch erscheint. Wirklich verwunderlich finde ich aber, dass die Grenzen auch in die andere Richtung so schnell verwischen: Ich ertappe mich quasi vom Fleck weg, wie ich in die Büsche blicke. Oder im hohen Gras nach den kleinen Monstern stöbere. Bis mir bewusst wird, dass ich die Hilfe meines Bildschirms brauche, um sie zu sehen.

Fancy bis in die Haarspitzen: Der Pokémon-Prof

Fancy bis in die Haarspitzen: Der Pokémon-Prof

Foto: Jan Kawelke

Sightseeing und Poké-Suche 

Mit dem Auto fahre ich Richtung Zentrum. Ich bin erst ein paar Tage in München. Meine Tour ist für mich also beides: Spieletest und erste Stadterkundung. Pokémon-Sightseeing quasi. Die Redaktionskollegen hatten dem Neuling den Marienplatz als erstes Ziel empfohlen. Der Place-To-Be für zukünftige Poké-Champs? Aus Parkplatzmangel starte ich etwas außerhalb.

Entlang der Prinzregentenstraße hangele ich mich von Poké-Stopp zu Poké-Stopp: Friedensengel, Luitpold-Statue, Nationalmuseum. Zur Belohnung hagelt es Poké-Bälle (Voraussetzung, um weitere Viecher zu fangen) und historische Fakten (Luitpold Karl Joseph Wilhelm von Bayern lebte von 1821-1912). Und pikierte Blicke. Denn noch etwas drängt sich schnell in meinen Kopf: die Suche nach Gleichgesinnten. Und zwar im echten Leben. Was keine leichte Aufgabe ist. In der Stadt spazieren ja immer mehr Menschen mit Blick aufs Smartphone. Nur: Was sie in den Bann ihres Bildschirms zieht, sieht der Beobachter von außen nicht. Whatsapp-Nachrichten schreiben? Ihren Weg auf Karten suchen? Mails checken? Oder Pokémons trainieren? Ich lehne an einer Ampel und linse möglichst unauffällig auf das Handy meines Mitwartenden. Ich sehe seine Mails – und dann seinen grimmigen Blick. Ich husche weiter.

Geschichtsstunde bei der Poké-Jagd

Geschichtsstunde bei der Poké-Jagd

Foto: Screenshot Jan Kawelke

Dann schlägt mein Radar aus. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite hockt ein wildes Taubsi. Bisher besitze ich nur Glumanda. Und für einen Moment überlege ich wirklich, über die zweispurige Straße zu sprinten. Da ist es wieder: Das Jagdfieber, die Sammelwut. Das digitale Herz schlägt analog schneller. Sterben lohnt beim ersten Pokémon aber wohl noch nicht. Also beruhigen. Puls senken. Und die Ampel nehmen. Die aber immerhin im Trabschritt. Vor dem Staatsministerium fange ich das Viech ab. Kein Entkommen.

Und dann leider doch: Denn auf die Jagdeuphorie folgt Ernüchterung. Ich fliege vom Server. Der Ladebalken friert sich bei einem Viertel fest. Aus Frust setze ich mich in ein Café. Mittlerweile verwickle ich mich eher in einen Kampf mit meinem Telefon, als mit anderen Trainern. Mein GPS-Signal schwächelt, mein Akku kämpft mit den letzten Prozenten, der Server ist überlastet.

Über einen WLAN-Hotspot finde ich zurück in die Poké-Welt. Mein Handy habe ich zum Simultan-Akku-Laden über ein Kabel mit dem zusammengeklappten Laptop im Rucksack verbunden. Skeptische Blicke bekomme ich sowieso schon.

An der Widenmayerstraße, die parallel zur Isar verläuft, stoße ich auf das Wasser-Pokémon Goldini. Der erste Poké-Ball fliegt vorbei und rollt über die Straße. Ich fluche. Ein Pärchen dreht sich zu mir um. Goldini plantscht unbeeindruckt auf und ab. Ich werfe den zweiten Ball, treffe den Kopf, der Ball öffnet sich, verschluckt das Pokémon und: Home-Bildschirm. Das Verhängnis des 4s. Mein sonst so treues Telefon erinnert mich an einen alten Nokia-Knochen.

Pokémon auf dem Fahrradweg

Pokémon auf dem Fahrradweg

Foto: Screenshot Jan Kawelke

Gefrustet trotte ich zurück Richtung Auto. Am Friedensengel lehne ich mich über die Mauer und blicke über Brunnen und Brücke die Prinzregentenstraße hinunter. Ich höre ein Rascheln. Ein Klackern. In der Mülltonne neben mir streckt eine Haselmaus den Kopf aus der Öffnung, flitzt zur Kante und springt auf die Mauer. Auf der Suche nach Spiel-Wesen läuft mir ein echtes über den Weg. Ein Witz. Echte Ironie. „Ich muss es dokumentieren“, denke ich. Und da ist es wieder: Das Jagdfieber, die Sammelwut. Das analoge Herz schlägt digital schneller. Ich knipse ein Bild. Und freue mich über den Foto-Fang.

Kein Pokémon auf einer Mauer

Kein Pokémon auf einer Mauer

Foto: Screenshot Jan Kawelke

Bei der Pokémon Go-App gibt es für mein Smartphone keine Aussicht auf Besserung. Wer wirklich „alle schnappen“ will, muss wohl in ein neueres Handy-Modell investieren. Ich verstaue die Parallelwelt in meiner Hosentasche und spiele mit dem Gedanken, mir ein neues Telefon zu kaufen. Oder ein Haustier. 

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