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Illustration: Federico Delfrati

Ich finde mich nicht schön. Zumindest große Teile von mir nicht. Jahrelang habe ich versucht, das zu ändern, indem ich die entsprechenden Teile zu ändern versuchte. Hat nicht gut geklappt. Dann habe ich versucht, zu erreichen, dass es mir egal ist. Das gute, alte „Die inneren Werte zählen“ wirklich anzunehmen, ebenso wie ein lapidares „Du bist schon okay, so wie du bist, nicht perfekt, aber völlig in Ordnung“. Ich habe langsam, aber sicher Fortschritte gemacht. Doch dann kam die Body-Positivity-Bewegung und hat mir auf diesem Weg Hölzer zwischen die Füße geworfen. Ich bin darüber gestolpert und manchmal auch hingefallen. Das war anstrengend – und ist es noch.

An sich kann man ja nicht viel sagen gegen „Body Positivity“. Die Bewegung, die sich hauptsächlich online und dort hauptsächlich auf Instagram abspielt, möchte, dass man seinen Körper liebt, auch, wenn er nicht dem klassischen Schönheitsideal entspricht. Also auch mit Cellulite, Akne, Fettpolstern, sehr viel oder sehr wenig Hintern oder Hängebrüsten, beziehungsweise, dass man sogar genau diese Dinge, also die Cellulite oder die hängenden Brüste, schön findet und als etwas Besonderes feiert. Dehnungsstreifen sind für Bodypositivisten „Tigerstripes“, wer dick ist, hat „size sexy“,  Cellulite ist „poetry carved into the skin“. Das Ziel ist also, unsere Vorstellung von Schönheit so zu verändern, dass wir am Ende alles schön finden, was Körper sich an Formen einfallen lassen, und darum jeden Körper, vor allem den eigenen, vorbehaltlos lieben können. Was kann daran schon falsch sein?

Ich kann auch dem neuen Ideal nicht gerecht werden: Erst war ich nicht schön genug, jetzt fühle ich mich nicht schön genug

Aber nun wird man online eben schon seit einiger Zeit mit Bildern von (hauptsächlich) Frauen geflutet, die sich als Teil dieser Bewegung begreifen und Hashtags wie #bodypositivity, #effyourbeautystandards, #selfconfidence, #loveyourdamnself oder #everybodyisbeautiful verwenden. Auf ihren Fotos sieht man ihre „Problemzonen“, die Frauen sind dick oder dürr, schlaksig oder mollig, sie haben Leberflecken oder Dellen. Oft sind sie halbnackt und meistens überglücklich, geradezu euphorisch. Weil sie sich lieben, wie sie sind. Weil sie es geschafft haben, sich von den Fesseln des Schönheitsideals zu befreien und jetzt als gutes Vorbild vorangehen. „Auch du bist schön!“, rufen sie. „Sieh es endlich ein! Lieb‘ dich verdammt noch mal selbst!“

Und dann sitze ich da als Mensch, der sich nicht so besonders schön findet, und fühle mich schlecht. Jahrelang hatte ich das Gefühl, etwas falsch zu machen, weil ich nicht schlank, straff, ebenmäßig genug war. Jetzt habe ich das Gefühl, etwas falsch zu machen, weil ich dem neuen Ideal, das das alte abgelöst habe, auch nicht gerecht werden kann. Erst war ich nicht schön genug, jetzt fühle ich mich nicht schön genug. Ich schaffe es einfach nicht, meine Cellulite toll zu finden und sie so selbstbewusst zu präsentieren, als sei sie ein Heiligtum, das man bitte anzubeten hat, weil es ein Teil von diesem perfekten Wesen namens „Ich“ und von diesem Tempel der Schönheit namens „Körper“ ist, diesem umwerfenden Wunderwerk der Natur, Herzchen-Emoji, Sternschnuppen-Emoji, Flammen-Emoji!!! Stattdessen denke ich: „Ich werde nie sein wie sie“ – ein Reflex, der zum neuen wie zum alten Ideal passt.

Noch dazu erwische ich mich immer wieder bei dem Gedanken, dass ich eigentlich gar nicht schön finde, was ich da auf den Fotos sehe. Ich würde lieber gar keine Wertung abgeben, aber wenn mir all diese Frauen „Ich bin schön!“ entgegen schreien, dann denke ich automatisch „stimmt“ oder „stimmt nicht“ – wer würde das nicht tun? Und wenn ich „stimmt nicht“ denke, habe ich ein schlechtes Gewissen. Immerhin sollte ich doch nun auch jeden Körper schön finden, oder? Eigentlich bin ich doch gegen Schönheitsideale, wieso bloß sind sie immer noch so fest in meinem Kopf verankert?

Sagen, wie schön man ist, um sich dann sagen zu lassen, wie schön man ist – das soll ein Mittel gegen den Schönheitswahn sein?

Es kommt aber noch schlimmer: Im nächste Schritt wird das schlechte Gewissen von einem weiteren, noch schlechteren Gewissen abgelöst. Weil sich in meinem Kopf eine Kritikerin meldet, die sagt, dass es auf meine Meinung hier ja nun wirklich nicht ankomme. Weil es ja eben darum gehe, dass sich die Person auf dem Foto selbst schön findet, Urteil von außen unerwünscht und unangebracht. „Aber“, entgegne ich der Kritikerin, „wenn es nur um sie selbst geht, warum zur Hölle postet sie sich dann in Unterwäsche auf Instagram?“ „Damit es dort nicht nur Size-Zero-Models zu sehen gibt“, antwortet die Kritikerin, „und damit sich alle an den Anblick verschiedener Körper gewöhnen!“ „Ja, aber…“, sage ich, doch die Kritikerin blafft nur „Nix aber!“ und scrollt weiter durch den Feed.

Dabei wäre ein weiteres „Aber“ durchaus angebracht. Denn unter den Fotos dieser Frauen finden sich hunderte, tausende anerkennende Kommentare – und sehr, sehr viel Bestätigung dafür, dass hier Schönheit zu sehen ist. „Absolutely gorgeous“, „stunning beauty“, „Allerschönste“, und so weiter. Sich selbst und der Welt ständig sagen, wie schön man ist, um sich dann von der Welt sagen zu lassen, wie schön man ist, soll ein probates Mittel gegen den Schönheitswahn sein? Irgendwie geht diese Rechnung nicht auf.

Es gibt nur eine Lösung: Körper müssen uns endlich wirklich egal werden

Aber was wäre die Lösung? Eigentlich gibt es nur eine: Körper müssen uns endlich wirklich egal werden. Beziehungsweise: ihr Aussehen. Es sollte egal sein, ob ein Körper dick oder dünn, groß oder klein, schwarz oder braun oder weiß ist und welche Form er hat. Und zwar jedem einzelnen von uns, damit niemand sich selbst quält, aber auch niemand wegen seines Körpers von anderen gequält wird. Einer meiner größten Wünsche ist, nie wieder über meinen Körper nachdenken zu müssen, sondern ihn einfach seinen Job machen zu lassen, ohne dabei seine Dellen schön oder hässlich finden zu müssen. Und auch über andere Körper will ich nicht mehr nachdenken und mich nicht mit ihnen vergleichen müssen. Ein Freund sagte mal, Frauen hätten es jetzt endlich verdient, dass die nächsten hundert Jahre keiner mehr über ihre Körper redet. Ich finde, er hat recht.

Natürlich wird genau dieser Ansatz von manchen Menschen schon verfolgt und natürlich gibt es schon ein Wort dafür, denn es gibt für alles ein Wort: „Body Neutrality“. Auch diese Körperneutralität ist bereits eine Art Bewegung, nur bisher noch mit weniger Artikeln, Blogeinträgen und Hashtags. Die Menschen, die sie vertreten, sagen: Du musst deinen Körper nicht lieben und nicht hassen, am besten denkst du einfach weniger über ihn nach, dann hast du mehr Zeit für andere Sachen. Oder, wie eine Vertreterin in einem Text des Independent zitiert wird: „Body neutrality should be rooted in not basing your worth on anything to do with your body – its abilities or its looks – because those things aren’t what make you the person you are.“

Am Ende kommen also alle wieder beim guten, alten „Die inneren Werte zählen“ raus. Die Frage ist, warum wir bis dahin unbedingt einen Umweg über halbnackte Instagram-Selfies, „tigerstripes“ und einen Zwang zur Selbstliebe gehen müssen. 

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