„Das dritte Geschlecht ist ein Irrläufer der Politik“

In Kalifornien gibt es neben Mann und Frau jetzt ein drittes Geschlecht. Das finden nicht alle richtig – auch nicht alle Betroffenen.
Interview von Viktoria Klimpfinger
Illustration: Daniela Rudolf

Die strikte Unterscheidung von Mann und Frau halten viele für überholt. In Kalifornien ist das seit vergangenem Wochenende auch amtlich. Auf Geburtsurkunden und Führerscheinen muss man sich bald nicht mehr zwischen Mann oder Frau entscheiden. Für alle, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht eindeutig zuordnen, gibt es ab 2019 eine dritte Kategorie: „non-binär“. Damit ist Kalifornien der erste US-Bundesstaat, der eine dritte Geschlechtskategorie rechtlich anerkennt. Die verantwortlichen Regierenden können sich auf die Schulter klopfen, wie etwa Senator Scott Wiener: 

Aber wie sieht das die LGBTQ-Community selbst? Ist ein drittes Geschlecht nicht eigentlich wie die iTunes-Kategorie „Sonstiges“ für Songs, die man keinem anderen Genre eindeutig zuschreiben kann? Und wie sieht die Diskussion in Deutschland aus? Wir haben mit Kim Schicklang vom deutschen Verein „Aktion Transsexualität und Menschenrecht“ (ATME) gesprochen.

Kim Schicklang

Foto: Privat

jetzt: Wie findest du es, dass in Kalifornien ein drittes Geschlecht eingeführt wird?

Kim Schicklang: Ich glaube, dass die Diskussion falsch geführt wird. Wir sollten viel mehr über den Abbau von Grenzen nachdenken und nicht neue Grenzen einziehen. Das ist nicht sinnvoll, wenn wir über geschlechtliche Vielfalt sprechen.

Sind drei Geschlechter nicht vielfältiger als zwei?

Ich glaube, so eine neue Kategorie führt nicht dazu, dass Vielfalt sichtbar wird, sondern, dass sie unsichtbar wird. Menschen entsprechen ja nie ganz einer dieser Kategorien, wir alle passen da nur mehr oder weniger hinein – und manche gar nicht. Mit dem dritten Geschlecht eine neue zu schaffen, ist also absurd. Je mehr Zersplitterung und Einzelkategorien, desto weniger Freiheiten habe ich, mich zu mir selbst zu äußern.

„In unserem Verein gibt es keine einzige Person, die ein drittes Geschlecht erstrebenswert findet“

Gibt es Bewegungen in Deutschland, die ein drittes Geschlecht fordern?

Ja, es gibt zum Beispiel die Kampagne „Dritte Option“, die für eine dritte Option neben Mann oder Frau beim Geschlechtseintrag eintritt. Das Ganze ging von einem Antrag aus, mit dem eine Person 2014 die Geschlechtseintragung „inter/divers“ erwirken wollte. Nach der Ablehnung kam es 2016 zu einer Sammelklage, bei der etwa 100 Menschen eine Verfassungsbeschwerde gegen dieses Urteil einreichten. Der Lesben- und Schwulenverband Deutschland und sogar die Grünen fordern diese dritte Option ebenfalls.

Wäre das in Deutschland so überhaupt denkbar?

Das Bedürfnis dazu nehme ich eher gespalten wahr. Ich habe den Eindruck, dass solche Diskussionen bei uns eher an den Hochschulen stattfinden. In der Praxis, zum Beispiel in Selbsthilfegruppen, begegnet einem die Diskussion kaum. In unserem Verein gibt es keine einzige Person, die ein drittes Geschlecht für sich erstrebenswert findet. Die meisten denken eigentlich umgekehrt: Sie haben zum Beispiel einen weiblichen Geschlechtseintrag, aber hätten gerne einen männlichen, weil der eher ihrem Geschlecht entspricht.

Gibt es in Deutschland momentan eine Möglichkeit, sich nicht dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zuzuordnen?

Seit ein paar Jahren ist es möglich, den Geschlechtseintrag offen zu lassen. Aber nur bei Neugeborenen, wenn der Arzt sagt: Ah, ein uneindeutiges Geschlecht! Bis zu dieser Änderung war es so, dass entweder „männlich“ oder „weiblich“ beim Geschlecht eingetragen werden musste. Später können sich die Betreffenden selbst dazu äußern, ob sie einen Geschlechtseintrag wollen oder nicht. Im Reisepass steht bei diesen Menschen dann statt M oder W ein X, im Melderegister eine Eins. Das bedeutet aber nicht, dass diese dritte Option gesetzlich als drittes Geschlecht gilt, sondern eigentlich, dass diese Person juristisch gesehen kein Geschlecht hat.

 

Was hat sich gesellschaftlich und politisch getan?

In den letzten Jahren hat sich durchgesetzt, dass eine Gruppe von Menschen als Trans- oder Intermenschen bezeichnet wird. Und nach außen hin wirkt die Identitätspolitik der Bundesregierung natürlich positiv. Aber eigentlich ermöglicht so ein System, dass sich parallele Communities herausbilden, die eigentlich eher dem Kastensystem in Indien entsprechen. Ich halte das für keine gute Entwicklung.

 

„Binarität gibt es schon. Der beste Beweis dafür ist die Fortpflanzung“

 

Wieso nicht?

Das Problem ist, dass Identität zu einer politischen Größe gemacht wird. Klar gibt es Identitäten in Gesellschaften, aber sie dürfen nie zu einem politischen Ziel werden. Deshalb ist die Sache mit dem dritten Geschlecht ein Irrläufer der Politik. Gerade linke politische Strömungen sind meiner Meinung nach dafür da, die bestehenden Identitäten zu hinterfragen und nicht, neue zu erschaffen. Das ist nicht nur konservativ, sondern eigentlich etwas sehr Rechtes. Menschen in Kategorien einzuteilen ergibt eine Klassengesellschaft, in der sich jede Schicht gegen die andere verteidigt. Umso trauriger finde ich, dass diese Identitätspolitik in bestimmten linken Kreisen immer noch als unproblematisch betrachtet wird, obwohl sie genau da thematisiert werden müsste.

 

Wollt ihr mit eurem Verein erreichen, dass die Unterscheidung zwischen Mann und Frau generell aufgelöst wird?

Unser Verein fordert nicht, dass es keine Geschlechter mehr geben soll. Es geht nicht darum, den Menschen ihre Geschlechtseinträge nach der Geburt zu nehmen. Binarität gibt es schon. Der beste Beweis dafür ist die Fortpflanzung. Man kann nicht gänzlich von sich weisen, dass der Mensch so angelegt ist. Aber es wäre falsch zu behaupten, dass diese Binarität ausschließlich funktioniert wie im Digitalen. In Bezug aufs Geschlecht kann man nicht sagen: „Es gibt den Zustand eins und es gibt den Zustand null und sonst nichts.“ In Wirklichkeit bewegen wir uns alle irgendwo zwischen diesen beiden Polen.

 Mehr zum Thema Transgender: 

  • teilen
  • schließen