Wie ist es, in Ungarn transsexuell zu sein?

In ihrem neuen Buch erzählt die Autorin Marianne Zückler Geschichten aus Osteuropa und von der Liebe jenseits der Heterosexualität. Hier kannst du Auszüge daraus lesen.

Die Autorin Marianna Zückler schrieb die fiktiven Geschichten in "Osteuropaexpress" auf Basis von Recherchen und Interviews.

Foto: Marianne Zückler

In ihrem Buch „Osteuropaexpress“, das vergangenen Monat im Europaverlag erschienen ist, lässt die die Autorin Marianne Zückler Menschen aus osteuropäischen Ländern zu Wort kommen, die dort aufgrund ihrer sexuellen Identität oder Orientierung von sozialer Ausgrenzung, Gewalt und Diskriminierung bedroht sind. Dafür hat sie in verschiedenen Ländern recherchiert und zahlreiche Interviews geführt. Die Einzelschicksale und die Faktenlage hat sie in Form dokumentarischer Erzählungen verarbeitet und miteinander verwoben: Acht erfundene Protagonisten aus Lettland, Litauen, Polen und Ungarn sprechen in loser Reihenfolge über Homo- und Transsexualität, Identitätsfindung, Liebe, Freundschaft, Konflikten mit der Familie, Gewalterfahrungen und Heilung. Hier kannst du gekürzte Auszüge aus zwei Geschichten lesen. 

KRISZTINA, 27, Musikerin aus Ungarn, ist transsexuell. Derzeit lebt sie bei ihren Eltern

In meinem Pass steht: Krisztina Forgács. Noch. Meine Freunde nennen mich Krisz. Gezeugt wurde ich 1989. Der Vorhang fiel, und ich wurde geboren. Meine Eltern sagen, ich sei ein Wunschkind. Der Sonnenschein der Familie. Würden sie das heute noch sagen? 

Mit 6 Jahren habe ich Cello angefangen. Meine Mutter war die treibende Kraft. Sie wollte Cellistin werden. Ich war begabt und nahm an Jugendwettbewerben teil. Vor den Auftritten schloss ich mich ein und steckte mir eine Hasenpfote in den Slip. Sie sah aus wie ein kleiner Pimmel. Alle dachten, ich hätte Angst vor meinem Solo und wäre deswegen so lange auf dem Klo. Ich wollte nicht im Kleid auf der Bühne angestarrt werden. Ich war nicht nur diese Krisztina! Niemand wusste, dass ich einen Penis hatte. 

ALGIS, 19, Student aus Litauen, ist homosexuell. Zurzeit studiert er über ein Austauschprogramm in Deutschland

Ich heiße Algis. Ich bin als Einzelkind in einem kleinen Dorf in Südlitauen geboren. Meine Eltern sind nach der Jahrtausendwende in unsere Hauptstadt, nach Wilna, gezogen. Das war mein großes Glück – ich bin kein Landmensch. Am liebsten habe ich mich hinter meinen Bilderbüchern verkrochen und Kostüme für meine Stofftiere gebastelt. Meine Mutter fand das erst süß. Später hat sie alles weggeschmissen und es mir verboten. Ich tobte und habe sie tagelang mit Schweigen bestraft. Heute ist mir klar, warum sie die Kostüme weggeworfen hat. Sie hat es früh gespürt …

KRISZTINA


In der Pubertät war ich in ein Mädchen verknallt. Margit und ich schwammen auf einer Welle. Sie war nicht wie die anderen in unserer Klasse. Mit 14 waren wir die ersten Punks. In schwarzen Klamotten liefen wir durch unsere streng kalvinistische Stadt. Gemeinsam schwänzten wir die Schule, gingen ins Kino, kifften, hörten Punk und tanzten wild. Ich gestand Margit meine Gefühle. Wir waren ziemlich betrunken und sind miteinander ins Bett gegangen. Wir beide dachten, jetzt sind wir lesbisch. Der Gedanke hat mir Angst gemacht. 

Von einem Tag auf den anderen war Schluss. Margit verliebte sich in einen Jungen. Überall quatschte sie herum, dass ich sie angemacht und verführt hätte. Das war nicht das Schlimmste. Es stimmte. Ich hatte sie ja verführt und fühlte mich dabei wie ein Junge. 

Was wirklich wehtat: Sie hatte mich verraten. Ich hatte ihr anvertraut, dass ich mir einen Penis wünschte und wie ein Junge fühlte. Ihre Eltern beschwerten sich in der Schule über mich. 

ALGIS


In der Oberstufe hatte ich einen Klassenkameraden. Kajus. Er hielt sich immer von allen fern. Die anderen fürchteten ihn, weil er sehr aggressiv sein konnte. Kajus war einmal sitzen geblieben und älter. Kajus wirkte sehr männlich, war muskulös und lief nur in Lederklamotten herum. Er machte kein Geheimnis daraus, dass er ein Rechter war und die Nazis cool fand. Das war ein großes Problem für mich. Einmal kam er in der Pause zu mir und sagte: »Ich will dir einen blasen.« Ich hätte mir fast in die Hose gemacht. Ich be- kämpfte die Rechten als Schulsprecher – und er ein Nazi! 

Aber die Lust, es zu machen ... erregte mich. Ich hatte Panik: »Was ist, wenn es meine Eltern erfahren? Werfen sie mich dann raus? Werde ich von der Schule fliegen ... verbaue ich mir das Studium?« Ich kannte solche Geschichten ... 

Meine Ängste waren stark, und doch war meine Neugier ... diese unheimliche Lust stärker. Wir trafen uns heimlich nach der Schule im Park. Es war aufregend und explosiv. Wir haben nie geredet, sondern hatten einfach Spaß.

Marianne Zücklers Buch "Osteuropaexpress" ist vergangenen Monat im Europaverlag erschienen.

Foto: Europaverlag

KRISZTINA 


Mein linkes Trommelfell ist geplatzt. Im ärztlichen Gutachten steht, dass ich durch die Gewalt der Täter schwer traumatisiert wurde. Gleichzeitig unterstellt mir der Gutachter, dass ich vermutlich nicht die ganze Wahrheit gesagt habe. Die Wahrheit – was ist das? Hätte ich ausgesagt, dass sie mich überfallen haben, weil ich transsexuell bin, hätte die Polizei meine Anzeige gar nicht aufgenommen. So läuft das hier, wenn Schwule, Lesben oder Menschen wie ich zusammengeschlagen werden. Ich will, dass die Täter ihre Strafe bekommen, und werde vor Gericht nicht sagen, dass ich transsexuell bin. 

 

ALGIS 


Ohne Rima hätte ich den Ausstieg aus der wilden Sexszene nicht gepackt. Und ob ich mein Abitur bestanden hätte? Ich war ziemlich schräg drauf. Kurz vorm Abkippen. Meine Karriere beim Radio und das ständige Versteckspiel auf der Arbeit und vor meinen Eltern … das machte mich echt fertig und krank. Rima hat mich nicht fallen gelassen. Er war immer da. Wir sind schon drei Jahre zusammen. Seine Familie weiß nichts von unserer Beziehung.

 

Ich wäre jetzt auch nicht in Deutschland ohne ihn und seinen Freund. Der ist Priester und hat ein hohes Amt in der litauischen Kirche. Sie haben Sponsoren gefunden, sodass ich an dem Austauschprogramm teilnehmen kann. Ich wollte erst gar nicht. Rima gab mir einen Schubs: »Das ist deine Chance! Du lernst viele neue Leute kennen und lernst schnell Deutsch. Vielleicht kannst du dort später studieren.« 

 

KRISZTINA 


Okay, jetzt ist es raus. Jetzt wissen meine Eltern, was mit mir los ist und dass ich eine Hormonbehandlung machen will. Mich umoperieren ... wie sie sagen. Ich lasse mich nicht umoperieren! 

 

Ich bin kein kaputtes Auto. Ich will eine Geschlechtsangleichung. Den Unterschied kapieren beide nicht! Papa sagt, wenn ich das tue, bin ich nicht mehr sein Kind. Das tut weh ... 

 

ALGIS 


Bei meiner Gastfamilie angekommen, habe ich mich langsam vorgetastet. Von Anfang an hatte ich ein gutes Verhältnis zu meiner Gastmutter. In der zweiten Woche zeigte sie mir den Englischen Garten in München. Dort saß eng umschlungen ein lesbisches Pärchen und küsste sich leidenschaftlich. Ehrlich ... das war mir unangenehm und meiner Gastmutter auch. Sie machte ihre Witze, und ich dachte: »Okay ...« 

 

In der ersten Zeit sprachen wir nur Englisch. Im Englischen gibt es nur wenige geschlechtsspezifische Endungen. »Friend« kann »Freund« oder »Freundin« sein. Als ich anfing, Deutsch zu sprechen, wollte ich mich nicht mehr verstellen. Meine Gastmutter schluckte, lachte und sagte: »Oje, Liebe hat keine Grenzen.« Das war alles ... cool! 

 

KRISZTINA 


Heute Nachmittag stand Papa plötzlich im Zimmer, setzte sich auf mein Bett und sagte: »Kriszti, du bist mein Mädchen, und das soll so bleiben. Deinen Schritt wirst du bereuen. Danach ist es zu spät.« Tränen liefen ihm übers Gesicht. Papa so leiden zu sehen nimmt mir die Luft. Er liebt mich. 

 

Ich will neu anfangen. Meine Behandlung beginnen. Ich erwarte keine Wunder, keinen perfekt verwandelten Körper. Es geht um die Befreiung aus einem Körper, der nicht ich bin. Es nie sein wird. 

 

ALGIS 


Zum CSD-Tag in München fragte man mich, ob ich einen Vortrag über die Situation für LGBTs in Litauen halten möchte. Zuerst wollte ich ablehnen. Ich komme mir manchmal wie ein Tanzbär vor. Dann überlegte ich es mir anders. Ich habe hier wirklich das Gefühl, so sein zu dürfen, wie ich bin. Alle sind nett und offen zu mir. Aber viele geben mir hier das Gefühl: »Ach, auch so ein bedauernswerter Schwuler aus dem Baltikum.« Wir wollen nicht bedauert werden. Das ist keine Solidarität. 

 

Es gibt bei uns Diskriminierung, und es wird noch lange dauern, bis auch wir heiraten und Kinder adoptieren dürfen. Aber es ist nicht so schlimm, wie es häufig in den Medien und Foren dargestellt wird. Es ist erniedrigend, wenn man uns nur in der Opferrolle sehen möchte. Diese westliche gönnerhafte Haltung kotzt mich an. Wir sind keine Verlierer oder Opfer. Wir sind Macher. Wir sind selbstbewusst und kreativ. Die westeuropäischen Länder können von uns lernen, wie man mit Krisen umgeht und sie effizient löst. Auch die westlichen LGBT-Organisationen können sich von unseren Strategien etwas abgucken. Wie gehen wir mit Diskriminierung um? Wie fördern wir Gleichheit, Vielfalt, Toleranz und Solidarität in unserer Gesellschaft? 

 

Ich bin Patriot und ein Kind der Freiheit. Ich könnte hier in Deutschland leben und studieren. Es wäre möglich. Aber ich möchte nicht, ich liebe Litauen. Es ist mein Land, und ich gehöre dorthin.

KRISZTINA 


Heimat ... Identität? Solange ich als Transsexuelle im falschen Körper stecke, kann ich meine Identität nicht leben. Ich werde immer eine ungarische Transsexuelle bleiben. Aber Heimat? 

 

Kann ich zu einem Land Heimat sagen, in dem die Mehrheit der Bewohner mich ablehnt und verachtet? Sagt, ich sei abnorm und krank? Kann ich zu einem Land Heimat sagen, in dem eine korrupte Regierung Menschen wie mir die europäischen Rechte verweigert? Kann ein Land meine Heimat sein, das mich vor die Wahl stellt: Anpassung oder Psychiatrie? Kann ein Land mein Zuhause sein, das mich ausgrenzt, weil ich von der Norm abweiche? Meine Heimat ist dort, wo ich meine Identität leben kann. 

 

ALGIS


Du solltest immer aufpassen, worüber und mit wem du redest. Du musst dein Benehmen und deine Bewegungen kontrollieren, damit man dich nicht bloßstellt. Mit der Zeit lernt man das, und es macht sogar Spaß. Man spielt eine Rolle. 

 

Als ich nach Deutschland kam, musste ich mich an die Freiheit gewöhnen. Einfach ich zu sein. Ohne Tarnung. Jetzt bewege ich mich ganz normal. Kein Mensch regt sich hier auf, ob meine Bewegungen weiblich sind oder meine Stimme vielleicht höher klingt. Alle scheinen es gleichgültig hinzunehmen, wenn sich auf dem CSD-Umzug Schwule und Transsexuelle in aller Öffentlichkeit nackt abschlecken. Das ist mir sogar zu viel und echt peinlich. 

 

Es soll provokant sein, ja. Aber ich weiß nicht, ob es in unserem Interesse ist, wenn wir so in der Öffentlichkeit auftreten. Würden wir in Litauen so provozieren, wäre Gewalt vorprogrammiert. 

 

Manchmal frage ich mich, was die Heteros in Deutschland wirklich denken, wenn sie uns so sehen ... nackt, geil, provozierend. Was fühlen sie ehrlich? Gleichgültigkeit ... Scham oder Aggression? 

 

KRISZTINA


Meine Freiheit liegt zum Greifen nah. Der Europäische Freiwilligendienst hat mich auserwählt! Von 150 Bewerbern aus ganz Europa. Einen Trans! Ein Jahr kann ich jetzt in Hamburg sein und in einer LGBT-Flüchtlingsunterkunft arbeiten. 

 

ALGIS 

Keine Ahnung, ob Martin die große Liebe ist. Zum ersten Mal kann ich mir vorstellen, mit dem gleichen Menschen jeden Tag in einem Bett zu schlafen. Gemeinsam aufzuwachen, den Tag zu leben, Zukunft zu planen ... einfach Verantwortung füreinander zu übernehmen. So starke Gefühle habe ich für einen Menschen noch nie gehabt. 

 

Meinen Berufsweg sehe ich ziemlich klar. Ich möchte Sinologie, Wirtschaft oder Internationales Recht und Völkerverständigung studieren. Ich will in die Politik gehen. Es geht nicht anders. Nur wenn ich diesen Weg gehe, kann ich Einfluss auf unsere Gesellschaft nehmen. 

 

KRISZTINA 


Was ich mir wünsche? Liebe. Freiheit. Endlich in meinem Körper zu sein. In Deutschland bleiben. Einen festen Job finden ... oder eine Ausbildung anfangen. Eine Gegenwart und Zukunft haben. Meine Ohnmacht und Wut hinter mir lassen. Meine Eltern lieben mich so, wie ich bin. 

 

Wieder schreiben und atmen können. Eine neue Band finden und in meiner Sprache singen. Einen Pass mit meiner männlichen Identität. Eine feste Partnerschaft. Eine Frau, die mich liebt und Kinder mit mir haben möchte. 

 

I have a dream: 

 

Kein Präsident mehr und keine korrupten Parteicliquen! Ich steige zum Star im internationalen Pop-Himmel auf. Alle lieben mich und meine Songs! Und ich gründe eine Stiftung für junge Transsexuelle. Dann müssen sie nicht mehr auf der Straße leben oder im Schrank auf ihre Befreiung warten. 

 

ALGIS 


Was ich jetzt aus Deutschland mitnehme? Martin im Herzen und meine Gastmama. Sie sagt, wenn ich ihre Unterstützung brauche, dann redet sie mit meinen Eltern. Ich kann auch jederzeit wiederkommen. 

 

Meinen Freunden bringe ich ganz klassisch Weißwürste und süßen Senf mit. Und für mich habe ich eine echte bayerische Lederhose gekauft. Das wird zu Hause der Hingucker! – Ich werde wieder nach Deutschland kommen. Ganz bestimmt. 

 

KRISZTINA

Sie haben mich zum Bahnhof gebracht.

Wir haben uns alle umarmt, als wäre es das letzte Mal. Als Letzte umarmte mich Mama. Sie gab mir Omas goldene Kette mit dem Kreuz. Ich wollte sie ihr zurückgeben. Mama hat darauf bestanden und sagte: »Wenn du sie trägst, weißt du, ich denke an dich.« Auf meinem Bett werden sie meinen ersten Songtext nach Wochen finden. Er ist noch nicht fertig. Ein Anfang. 

 

freiheit, liebe ...


die beiden brauch ich. 

 

weil mein geschlecht nicht eurem gleicht,

bin ich für euch krank und abnorm.
und meine art zu lieben


macht euch angst. 

 

ich ducke mich nicht mehr

verbiege mich nicht mehr

und lebe dafür:


ich zu sein. 

 

freiheit, liebe ...

beide brauch ich. 

 

für freiheit und liebe kämpfe ich. 

 

für freiheit und liebe

verlass ich mein land.  

Und wie tolerant ist Deutschland?

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