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Illustration: Daniela Rudolf / Fotos: freepik

Als ich vor drei Jahren mit meiner ersten Freundin in einem hippen Technoschuppen in Berlin herumhing, setzte sich irgendwann ein Typ im Tanktop neben sie. Er sah gut aus, Channing Tatum Gesicht, Dreitagebart, Bergarbeiterhände. Und das wusste er auch. Was er angesichts unserer ineinander geschlungener Finger aber noch wissen hätte können: Dass wir eher auf Kristen Stewart, Babyhaut und lackierte Nägel standen. Er lehnte sich zu meiner Freundin, kam ihr mit seinen Bartstoppeln seeehr nah und säuselte irgendwas. Also machte ich, was man eben so macht: Ich verteidigte mein Revier, sprang auf und zog ihn von ihr weg. Er guckte verdutzt, also half ich ihm höflich auf die Sprünge: „Sie ist meine Freundin“ . Er guckte immer noch verdutzt. „So zusammen sein, so Partnerschaft, weißt du?“ Jetzt verstand er. Aber anstatt, dass er weiter zog, zogen sich seine Mundwinkel dreckig nach oben. Seine Augen waren plötzlich hellwach. Das war der Moment der Realisation: LESBEN.

Diesen Moment musste ich seitdem noch eine Quadrillion Mal miterleben, und wie darauf weitere Flirtversuche folgten. Meist sogar motiviertere, denn klar scheint nun für den Mann: heute Abend wird auf jeden Fall was gehen. Wir werden nämlich als alles gesehen , wenn wir unsere Freundin ritterlich verteidigen: Als neues Opfer, Anheizer, netter Schmuck, Material für eine Ménage-à-trois, aber nie als Rivalinnen.

Und da frage ich mich: Nehmt ihr ernsthaft an, dass alle Händchen haltenden Frauen bisexuell sind? Und selbst wenn, würde das immer noch nicht erklären, warum wir keine ernst zu nehmenden Gegner für euch sind. Warum wir immer Prinzessin Peach, aber nie Bowser sind.

Man könnte auch einwenden, dass Männer im Club sich ja eher selten an Knigge-Regeln halten, in Technoschuppen, ( vor allem in hippen Berliner Schuppen), alle total druff sind und man sowieso aus dem Clubkosmos keine Rückschlüsse auf die reale Welt ziehen kann. Dann will ich noch einen Mundwinkel-Hochzieher-Momente erzählen, der tagsüber stattfand, außerhalb von wackelnden Wänden und Kiefern:

Ein Kerl in Flip-Flops und Goa-Hosen quatschte mich im Supermarkt an. Da shoppte meine Freundin gerade zwei Regale weiter. Er hatte diese esoterisch-harmlose Ausstrahlung, also unterhielt ich mich eine Weile mit ihm und nannte ihm leider meinen Namen, kurz bevor ich betonte, dass bei mir nichts zu holen ist, weil Lesbe und vergeben. In dem Moment kam dann auch meine Freundin voll beladen zurück und knutsche mich demonstrativ vor ihm ab. Er strahlte, wie das Kerle mit Goa-Hosen und esoterisch-harmloser Ausstrahlung eben so machen. Dachte ich.

Am nächsten Tag bekomme ich eine Nachrichtenanfrage auf Facebook. Inhalt: „Du bist so eine wahnsinnig tolle Frau“, blabla, „Das musste ich dir unbedingt sagen“ blabla „Vielleicht können wir uns mal wieder sehen“.

Wenn der erste Schock nachlässt, kommt die Wut. Und mit ihr beginnt das Tausch-Spiel in meinem Kopf: Hätte man meine Freundin im Supermarkt gegen einen Typen getauscht. Was wäre dann passiert? Hätte man mich gegen einen Typen im Club getauscht. Was wäre dann passiert? Beantworten muss ich mir das schon lange nicht mehr. Die Typen hätten sich davon gemacht oder wären erst gar nicht hergekommen. So wie es eben bei Hetero-Paaren ist. Das Spiel geht also jedes Mal gleich aus: Die Lesben verlieren.

Wenn man dann mal so einen Typen darauf anspricht, dann hört man diese schwubbelige Evolutions-Ausrede. Irgendwas von Jägern und Sammlern und davon, dass nur Mann mit Frau Nachwuchs zeugen kann und deshalb auch nur Mann ernsthafter Gegner sein kann. Das lasse ich aber nicht durchgehen. Denn trotz genetischer Veranlagung hängt da trotzdem auch ein Hirn unter der Schädeldecke, das Anstand und Moral versteht oder zumindest schon einmal davon gehört hat. Wenn jemand offensichtlich eine Beziehung führt, ob mit Mann, Transe, Frau, Frau-Mann, Mann-Frau-Mann, Fisch, Autolenkrad, Stein, dann hat man das zu respektieren oder zumindest die Schnauze zu halten.

Nur gibt es da ja auch so viele Beispielmänner, mit Manieren und All-Inclusive-Gentlemanpaket, die das mit dem Respekt trotzdem nicht so ganz schaffen. Und ich glaube, dass hier ein gängiges Hobby aus der Pubertät Mitschuld trägt: Pornos. In denen ist Lesbe gleich heiß. Lesbe ist gleich Anheizer. Lesbe ist gleich Schmuck, Lesbe ist gleich Ménage-à-trois. In Pornos ist es selbstverständlich, dass sich eine Lesbe auch hin und wieder von einem Monsterpenis durchnudeln lässt und dabei glücklich grunzt. Und selbst wenn sich nur zwei Frauen vor der Kamera vergnügen, dann räkeln sie sich doch immer so, als würden sie es gerade nur für den steifen Schwanz irgendeines Mannes tun. Und das zeigt dem Typen immer eines: Lesben sind für den Männerspaß da. Dass sie nur mit ihrer Freundin der Freundin wegen vögeln wollen oder gar einem Kerl die Freundin ausspannen könnten, das ist diesem Bild nach völlig absurd. Lesben als Rivalen zu sehen ist völlig absurd.

Deshalb gibt es auch das „Mit ner Frau geht schon“-Geblubber. Die Entscheidung vergebener Typen, die sie oft mit größter Genüsslichkeit ihrer Freundin mitteilen: „Mit ner Lesbe/Frau/Tusse kannst du was haben, das stört mich nicht“. Denn am Ende ist es ja nur um den Mann mit ein paar Phantasien heiß zu machen. Eine Gefahr stellen wir Lesben sowieso nicht dar. Als wäre es noch nie passiert, dass die Freundin dann plötzlich lieber neben Brüsten aufwacht.

Die lesbische Sängerin Marika Hackmann hat genau das in den triefend zynischen Song „Boyfriend“ gepackt. Sie singt aus der Sicht einer Lesbe, die sich mit einer vergebenen Frau trifft und nach einer gemeinsamen Nacht über deren Freund nachdenkt, der das scheinbar okay findet.

                                          „It's fine 'cause I am just a girl                                                                                                              It doesn't count

                      He knows a woman needs a man to make her shout“

Was der Freund nicht weiß: Seine Freundin sagt der Lesbe jedes Mal, dass sie in sie verliebt ist und ihre Hände mehr mag, weil sie weicher sind als die von Männern. Stichwort Bauarbeiterhände.

Für mich war „Boyfriend“ einer der Songs, die einem das Gefühl geben, dass man endlich verstanden wird auf dieser Welt. Und das ist ein absolut alarmierendes Zeichen. Genauso alarmierend, wie meine Clubbesuche, bei denen ich jeglichem Männerparfüm fünf Meter weit ausweiche.

Also schlagt euch die Pornolesbe endlich aus dem Kopf und setzt stattdessen eine rivalinnentaugliche hin. Denn man braucht keinen Penis, um eine Frau zu befriedigen oder ihr einen Ring anzustecken, das geht auch ganz gut ohne.

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