„Wo sind eigentlich all die alten Männer falsch abgebogen?“

Berühmt wurde Martin Keß-Roche als Ehemann von Charlotte Roche. Uns hat er erzählt, was Mannsein im Jahr 2020 für ihn bedeutet.
Protokoll von Katja Lewina

Seinen Doppelnamen trägt Martin Keß-Roche mit Stolz — schließlich ist das sonst immer Frauensache.

Foto: Niels Friedel; Bearbeitung: jetzt

„Groß, stark und mächtig“ – in dieses Bild muss heute kein Mann mehr passen. Aber was kommt stattdessen? Das haben wir uns von alten und jungen, bekannten und ganz normalen Männer erzählen lassen. Jede Woche Donnerstag stellen wir hier einen vor. Folge 3: Berühmt wurde Martin „Marty“ Keß-Roche als Ehemann von Charlotte Roche, mit der er im Podcast „Paardiologie“ Beziehungs-Seelenschau betreibt. Früher machte er Karriere als Mitgründer der TV-Produktion „Brainpool“ und produzierte unter anderem „TV Total“, heute betreibt er in Köln mit zwei Partnerinnen die Kaffeerösterei Van Dyck. 

Was bedeutet für dich Männlichkeit?

Es gibt dieses erfolgreiche Buch für Männer, „Ein Mann – ein Buch“. Da steht alles drin, was ein Mann angeblich wissen muss: Wie man eine Krawatte bindet, Holz hackt, einen Autoreifen wechselt … Diese Herangehensweise finde ich ganz schön fad. Warum fragt man nicht, was uns verbindet, statt was uns trennt? Wir sind in der Menschheitsgeschichte an einem Punkt angekommen, an dem Geschlecht und Blut keine Rolle mehr spielen – oder spielen müssten. Frauen können alles, was Männer können und andersrum. Naja, mit Ausnahme der Geburt vielleicht. Aber das ist auch schon die einzige Einschränkung! Also warum tun wir immer noch so, als ob es da großartige Unterschiede gäbe?

Für mich selbst war es allerdings auch ein langer Prozess, das zu verinnerlichen. So, wie ich erzogen wurde, bedeutete Mannsein ganz klar, der Versorger zu sein. Der, der arbeiten geht. Der wenig mit Gefühlen am Hut hat. Die Idee, dass ich als Mann die Verantwortung für meine Familie trage, war wahnsinnig fest in mir verankert. In den ersten Jahren mit Charlotte, die wesentlich jünger ist als ich, hat das natürlich super funktioniert – schließlich hat vermutlich auch ein Vaterkomplex sie in meine Arme getrieben. So eine Rollenverteilung hat aber etwas Lähmendes: Einer ist stark und vernünftig und der andere dann automatisch schwach und hilflos. Diese Kategorien wollten wir beide nicht mehr erfüllen, das war dann auch ein großes Thema in unserer Paartherapie. Mittlerweile bekommen wir das aber immer besser hin.

Was auch am Alter liegt: Charlotte ist jetzt so alt wie ich damals, als wir uns kennenlernten. Es wäre also wirklich albern, wenn ich ihr noch immer sagen würde, wo es lang geht. Ich halte mich inzwischen aus ihren Entscheidungen raus, um gar nicht erst in Versuchung zu kommen, sie ihr abzunehmen. Ich weiß ja, ich wär sofort wieder in meiner alten Rolle. Jetzt sind wir miteinander auf Augenhöhe: verbunden, aber dabei unabhängig. Das ist zwar nicht immer einfach, aber es geht uns sehr viel besser damit.

Wie stehst du zu #metoo?

In den 80er und 90er Jahren habe ich fürs Fernsehen gearbeitet. Das war damals absolut männergeprägt. Alle wichtigen Entscheidungen wurden von Männern gefällt, für Frauen dagegen gab es sowohl vor als auch hinter der Kamera nur festgelegte Rollen. Es war völlig normal, dass irgendwer vor einer Sendung sagte: „Besorg doch noch eine, die blank zieht!“ Frauen hatten halt sexy zu sein. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich ein Mal als Producer einer Comedienne sagen musste, dass ihr Outfit nicht heiß genug ist. Mit meinem heutigen Wissen schäme ich mich dafür. Und das ist definitiv auch der #metoo-Debatte zu verdanken.

Überhaupt war mir früher nicht so bewusst, wie oft Frauen es schwerer haben als Männer. Inzwischen weiß ich, dass sie völlig zu recht wütend darüber sind, wenn es mit der Gleichberechtigung an vielen Stellen gar nicht so weit her ist. Es fällt mir heute viel leichter, die Notwendigkeit von Quoten zu verstehen und dieses Anliegen zu unterstützen. Und was allen Männern sowieso klar sein sollte: Vergewaltigung ist kein Sex und eine Frau, der das passiert, ist niemals selbst daran schuld. Das müsste eigentlich schon in der Schule vermittelt werden.

Ich frage mich oft: Wo sind eigentlich all die alten Männer falsch abgebogen, dass sie jetzt Angst haben, ihnen könnte irgendetwas weggenommen werden? Oft sind das kluge, gebildete Menschen, die als Jugendliche selbst auf der Suche nach Freiheit und neuen gesellschaftlichen Lösungen waren. Und jetzt merken sie nicht mal mehr, dass sie den gleichen Scheiß machen, für den sie früher ihre Eltern bekämpft haben. Das finde ich echt arm. Aber das ist nichts spezifisch Männliches. Genau so schlimm sind die älteren Frauen, die den jungen während der #metoo-Debatte in den Rücken gefallen sind. Da hieß es dann: „Stellt euch nicht so an.“ Oder: „Wenn die zu ihm aufs Hotelzimmer kommt, ist sie selbst schuld.“ Vielleicht ist dieses Verhalten auch eine Art Neid, dass die Frauen sich heute zur Wehr setzen können, während sie das früher einfach alles erdulden mussten. Ich würde jedenfalls sagen, dass es nicht nur alte weiße Männer gibt, sondern auch alte weiße Frauen. Von den Männern allerdings gibt es sehr, sehr viele mehr, darum rege ich mich auch lieber über die auf.

Ist heute alles besser?

Ich bin froh, in Zeiten wie diesen zu leben. Heute haben wir alle mehr Chancen, unser Leben so zu führen, wie wir das aus unserem Inneren heraus wollen – und nicht, wie es uns unsere Eltern sagen oder die Gesellschaft. Abgesehen von ein paar Ausnahmen in Metropolen muss das Anderssein in den 50er und 60er Jahren sehr einsam und schrecklich gewesen sein. Wie viele traurige, ungelebte Existenzen es gegeben haben muss, weil Männer ihre Homosexualität nicht ausleben konnten. Und Frauen natürlich auch. Allein schon dank der sozialen Medien ist es heute einfacher, sich nicht mehr wie ein Freak zu fühlen, wenn man anders ist. Weil man sich mit anderen vernetzen und so sichtbar werden kann.

Aber wenn ich mir so die Männer angucke, die deutlich jünger sind als ich, dann merke ich immer wieder: Die sind so viel weicher und emotionaler als die Männer meiner Generation – das finde ich toll! Und ich bin überzeugt davon, dass sich mit der Zeit auch in den Unternehmen eine Kultur durchsetzen wird, in der das Geschlecht keine Rolle mehr spielt.

Für mich tut es das jedenfalls jetzt schon kaum noch. Es gibt nur eine einzige Sache, die mich am Mannsein nervt: Ich finde, dass die Frauen uns mit ihrem Orgasmus deutlich überlegen sind. Auf den bin ich verdammt neidisch.

  • teilen
  • schließen