Zeigt mehr Drag Kings!

Warum nicht nur Drag Queens in den Mainstream gehören.
Von Elena Bavandpoori

Fotos: Photocase Bearbeitung: jetzt

Glitzernde Kostüme, pinke Wände und tanzende Männer in Perücken. Vor einigen Jahren eröffnete sich mir eine neue, schillernde Welt, als ich die US-Talentshow „RuPaul’s Drag Race“ (Netflix) kennenlernte. Moderiert wird die Sendung von RuPaul, einer weltbekannten Drag Queen. Sie führt sowohl in Herrenanzügen durch die Sendung, als auch in voller Montur im Abendkleid, mit auffälligen Accessoires und Make-up. Er oder sie? Ganz egal. Das ist ja das faszinierende an dem Format. 

So entdeckte ich meine Leidenschaft für Drag. Ich schaute jede Folge von „RuPaul’s Drag Race“, wurde von Youtube mit Spin-offs der Show und Dokus zur Drag-Subkultur beschossen und besuchte Shows von Drag Queens. Es schien wie eine Parallelwelt, in der das Geschlecht endlich als Konstrukt enthüllt wurde. Nun kommt auch eine solche Drag-Sendung mit dem Titel „Queen of Drags“ nach Deutschland, in der Drag Queens im Wettbewerb um den ersten Platz antreten. Moderiert wird die Show von Heidi Klum.

Wo sind die Personen, die sich das männliche Geschlechterbild vorknöpfen?

Die deutschen Fernsehproduktionen trauen sich mehr: Die Drag-Szene wird zur Hauptsendezeit auf einem der wichtigsten deutschen Privatsender präsentiert. Aber wie auch schon bei „RuPaul’s Drag Race“ frage ich mich, wo eigentlich die Drag Kings in diesen Shows sind? Wo sind die Personen, die sich das männliche Geschlechterbild vorknöpfen und es ad absurdum treiben?

„Drag“ bedeutet, dass eine Person über zum Beispiel Kleidung, Make-up und verändertes Verhalten, in eine andere Geschlechterrolle schlüpft. Der Begriff wurde ursprünglich zur Zeit Shakespeares geprägt, da die Theaterbühnen nur für Männer zugänglich waren. „Drag“ ist die Kurzform von „dressed as a girl“ und beschrieb im Elisabethanischen Theater jene Männer, die Frauen auf der Bühne spielten.

Wenn ich an Drag denke, dann denke ich erstmal an Drag Queens. Also vor allem an Männer, die in Frauenrolle performen. RuPaul oder Olivia Jones sind mit die bekanntesten Drag Queens. Dabei gibt es auch im Drag Vielfalt. Es gibt genderfuck, bei dem erwartete Geschlechtervorstellungen gestört werden und die Kategorien „männlich“ oder „weiblich“ nicht mehr wirken. Es gibt Frauen, die – wie Drag Queens auch – in die traditionell weibliche Rolle schlüpfen, genannt Bio Queens. Und dann gibt es eben die Drag Kings. Personen, die sich nicht als männlich identifizieren, sich aber in ein männlich konnotiertes Geschlechterkonstrukt begeben und so Männlichkeit hinterfragen.

Drag kann eine therapeutische Funktion haben, die einigen Menschen in ihrer Auseinandersetzung mit Geschlecht oder Sexualität helfen kann. Diese Kunstform kann vermitteln, dass Geschlecht die Nachahmung von uns auferlegten Gendernormen ist, wie die Philosophin Judith Butler sagt. Auch bei mir hat Drag dazu geführt, dass ich mein eigenes Geschlechterbild viel stärker hinterfrage. Deshalb will ich ja auch unbedingt Frauen* sehen, die ganz bewusst in eine männlich konnotierte Rolle gehen und sie gar persiflieren.

Drag kann eine therapeutische Funktion haben

 

Warum sind die nicht im Fernsehen? Warum zeigen „RuPaul’s Drag Race“ oder „Queen of Drags“ keine Frauen*, die Männlichkeit performen und sich über männliche Stereotype lustig machen? Wenn alles nur Verkleidung und Humor ist, dann dürfte es doch kein Problem sein, auch Drag Kings auf die große Bühne zu holen?

Für mich als Frau bieten Drag Kings einen Referenzpunkt, um über meine weiblich sozialisierten Verhaltensweisen zu reflektieren. Gender- und Medienpädagogin Stephanie Weber aus Köln kann mein Gefühl nachvollziehen. Sie gibt Drag-Workshops und performt selbst als Drag King: „Drag Kings zu sehen, bricht mit unseren Sehgewohnheiten. Du würdest bei meinem Bühnencharakter im ersten Moment nicht denken, dass da eine Frau hinter ist. Drag arbeitet mit der eigenen Verwirrung und kann auch Zuschauer*innen damit gewissermaßen von ihrer Geschlechtervorstellung befreien.“

Indem Drag Queens in weibliche Geschlechterrollen gehen, üben sie einen Akt männlicher Befreiung aus. Weiblich konnotierte Kleidung kann bei Männern als Tabu gesehen werden: Es wäre sensationell und schockierend, würde sich unser Heimatminister im Rock präsentieren. Frauen in Hosenanzügen sind allerdings nicht mehr revolutionär. Daher ist die Kleidung bei Drag Kings nicht immer ausschlaggebend. Es geht um die Parodie und die Überzeichnung des männlichen Geschlechts und ist damit automatisch auch kritisch gegenüber Geschlechterbildern.

Drag Kings reflektieren Ungerechtigkeiten und rütteln an patriarchalen Strukturen

In ihren Performances erobern Drag Kings für Frauen verbotenes Terrain und nehmen sich Raum, was als Angriff auf Männlichkeit gesehen werden kann. Dadurch reflektieren sie tatsächliche Ungerechtigkeiten und rütteln an patriarchalen Strukturen. Vielleicht sehen wir deshalb aber auch so viel häufiger Drag Queens als Drag Kings: Es scheint einfacher, in eine weibliche Rolle zu schlüpfen, weil sich davon keine Frau wirklich verletzt fühlt. In der Öffentlichkeit werden Frauen und ihre Weiblichkeit sowieso schon stark diskutiert und bewertet. Männlichkeit hingegen wirkt immer noch unantastbar. Auch im Drag stellt sich also die Frage, inwiefern Mann* und Frau* wirklich auf Augenhöhe sind.

Unsere Autorin probierte sich für diesen Text auch selbst als Drag King aus.

Foto: privat

Das merkte ich auch in meinem Selbstversuch: Aus meiner Liebe zu Drag zog ich mir vor einigen Tagen einen Anzug an, setzte mir einen großen Hut auf, malte mir einen Schnäuzer und Koteletten und ging mit Freundinnen feiern. Ich merkte, wie ich breitbeinig ging, wie ich mir mehr Raum nahm und auf der Straße nicht ausweichte, wenn mir jemand entgegenkam. Vor der Diskothek schaute mich der Türsteher verwundert an, lachte und klopfte mir auf die Schulter: „Schon mal für Karneval üben? Gut, aber bloß nicht frech werden.“ Und das war der springende Punkt: Als Frau* in eine männliche Rolle zu gehen, wird als Frechheit angesehen – gar als Bedrohung. Damit sich das ändert und Frauen* mehr Raum für ihre Kunst bekommen, sollten sie auch im Fernsehen eine größere Plattform erhalten.

„Queen of Drags“ mit Heidi Klum ist ein Format, das möglichst viele Zuschauer*innen ansprechen soll. Das schafft die Show eben auch mit einem kommerziell erfolgreichen Supermodel wie Heidi Klum, die sogar dafür berühmt ist, Weiblichkeit und Performance zu bewerten. Die Show wird also nicht zu politisch sein. Mit der Drag-Szene selbst hat das nur begrenzt zu tun. Drag Kings haben oft einen feministischen Hintergrund, weshalb eine Realityshow mit Challenges und künstlich kreiertem Klatsch und Tratsch, für sie vermutlich nicht authentisch wäre. Solange Drag-Shows wie „Queen of Drags“ und „RuPaul’s Drag Race“ also auf Wettbewerb und Zickereien setzen, werden Drag Kings eher außen vor bleiben. Aber meine Bitte an den Mainstream ist: Zeigt die Drag Kings! Und zwar in einem anderen Format. Vielleicht als Dokureihe.

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