Oktoberfestportal diskriminiert Homosexuelle mit Tipps

Die Betreiber der privaten Seite bitten um Zurückhaltung beim Flirten.
Von Lara Thiede
Foto: Günther Reger / Bearbeitung: Daniela Rudolf

Wahrscheinlich hat es das Münchner Oktoberfestportal nur gut gemeint mit seinen „Tipps für schwule Wiesn-Gänger“. Schließlich gibt es in München häufiger verbale oder körperliche Übergriffe auf Homosexuelle, besonders auf schwule Männer. Rausgekommen ist dabei allerdings nichts als Diskriminierung und Victim-Blaming vom Feinsten.

Die Tipps für Schwule – die zwar so heißen, sich teilweise aber auch an Lesben richten – sind in Frage-Antwort-Form verfasst und beginnen so: „Darf ich auf der Wiesn flirten?“ Antwort im aufgeklärten Deutschland sollte heißen: „Natürlich!“ Stattdessen meinen die Seitenbetreiber: „Generell gilt eine gewisse Zurückhaltung auf der Wiesn.“

Dass diese Behauptung vollkommen abwegig ist und schlichtweg nicht stimmt, dürfte jedem klar sein, der schon einmal die Wiesn besucht, von ihr gehört oder gelesen hat. Schließlich steht das Oktoberfest wie kaum ein anderes Fest in Deutschland für Exzess – und das eben nicht nur beim Biertrinken. Nur für Homosexuelle soll das nicht gelten?

Da hilft auch der hinterhergeschobene Satz nichts, dass schließlich nicht jeder Wiesnbesucher so tolerant sei, dass er sich über ein schwules Männerpärchen freuen könnte.

Im Gegenteil. In diesem Satz steckt eine doppelte Diskriminierung: Erstens verlangen die Seitenbetreiber damit von schwulen Männern, sich an die Vorstellung homophober Menschen anzupassen. Zweitens suggeriert diese Aussage, dass knutschende Frauen dann wiederum doch okay wären. Das scheint für viele heterosexuelle Männer schließlich kein Problem, sondern eine Freude.

Hannah Lea vom Lesben- und Schwulenverband in Bayern (LSVD) verurteilt die Tipps: „Diese Aufforderung zur Zurückhaltung ist dumm. Es ist wie vor Jahrzehnten, als Frauen noch aufgefordert wurden, nicht zu trinken und sich nicht allzu freizügig anzuziehen. Diese Tipps sollte man auf keinen Fall ernst nehmen.“

Die Frage, die im Wiesn-Guide daraufhin tiefer auf das Thema eingehen soll, ist wahrscheinlich die absurdeste: „Ist Flirten für Gays auf der Wiesn verboten?“ Hannah Lea lacht schallend. Denn auf sowas müsse man erst einmal kommen, findet sie. Dass das Flirten auch für Homosexuelle nicht verboten ist, steht dann glücklicherweise auch in der Antwort. Allerdings wird darin erneut zur Zurückhaltung aufgerufen. Denn das Bierzelt sei kein Ort, um Begriffe wie „Toleranz“ zu erklären.

 

Danach räumen die Seitenbetreiber ein, dass es auch „schwule Wiesnevents“ gebe, wo man ruhig sein Glück versuchen und offen flirten dürfe. „Nur die männlichen Bedienungen in den Zelten bleiben natürlich tabu!“, stellen sie dann klar. Das ist der Moment, in dem Hannah Lea die Augen verdreht und erst mal eine Pause braucht, bevor sie den letzten Absatz liest. Ob schwule Jungs auf der rosa Wiesn auch Tracht trügen? Hierauf möchte Hannah Lea antworten: „Selbstverständlich tragen die Tracht – besonders gerne auch zur bairischen Hochzeit.“

 

Zur Vorbeugung von sexuellen Übergriffen durch Hetero-Männer findet sich übrigens nichts auf der Seite. Vielmehr bietet sie für heterosexuelle Singles eine Auswahl an guten Anmachsprüchen an.

 

Wichtig ist bei all dem natürlich, zu bedenken, dass es sich beim Oktoberfestportal um eine private Seite handelt, die nichts mit der Stadt München zu tun hat. Deshalb fällt es Hannah Lea auch leichter, über die Tipps zu lachen. Sie glaubt nicht, dass Menschen diese Tipps lesen, geschweige denn befolgen würden.

 

„Das Interessanteste fände ich eigentlich, mal mit dem Beitreiber der Seite zu sprechen. Herauszufinden, was er sich dabei gedacht hat. Aber wahrscheinlich hat er gar nicht gedacht,“ meint Hannah Lea.

 

Die Frage, welche Gedankengänge hinter den Tipps für Schwule stehen, haben wir den Machern von Oktoberfestportal.de auch gestellt. Die Verantwortlichen wollten sich einen Tag vor Beginn der Wiesn leider nicht mehr äußern.

 

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