"Dann bin ich halt schwul"

Unser Autor erzählt, wie schön es war, statt mit einer Frau endlich mal mit einem Mann zu schlafen.
Illustration: Veronika Günther

Irgendwie komisch – mehr als das hat es in mir nicht ausgelöst, als ich zum ersten Mal eine Frauenbrust berührt habe. Ich war 18 und wir saßen im Auto. Nachts, auf dem Sparkassenparkplatz bei ihr im Dorf. Es gibt anregendere Orte. Doch ich hätte mich in der Situation wahrscheinlich überall fremd gefühlt. Ich war neugierig, das schon. Aber mein Interesse war eher ein naturwissenschaftliches. Wie schwer so eine Brust wohl ist, habe ich mich gefragt. Und mir Mühe gegeben, sie möglichst unbemerkt in meiner Hand zu wiegen. Da sie ein paar Minuten später plötzlich nach Hause musste, nehme ich an, dass mir das nicht gelungen ist.

Das Mädchen, mit dem ich damals auf der Rückbank saß, war meine Freundin. Zumindest für ein paar Wochen. Unsere „Beziehung“ war bei weitem nicht so aufregend, wie es bei meinen Freunden immer klang, wenn sie von ihren Freundinnen erzählt haben. Gehört halt dazu, dachte ich. Was daran toll sein soll, wenn man den Atem einer Frau auf sich spürt? Hab ich nicht verstanden. Stattdessen hatte ich das Gefühl, dass sie mir die Luft wegatmet. Das Trara um das Thema Sex? Hab ich noch weniger verstanden.

Entsprechend nüchtern habe ich reagiert, als meine Freundin sich von mir getrennt hat. Es war nach der Schule, ich stand im Garten, sie auf der anderen Seite des Zauns. Ein Kuss auf die Wange, alles Gute, ciao. Danach bin ich auf mein Zimmer gegangen und habe Musik gehört. Irgendwas von Leonard Cohen. Am Abend hatte ich das Schlimmste hinter mir. Dass ich schwul bin, war mir da schon lange klar. Weil es mich nie interessiert hat, wenn die anderen über Mädchen gesprochen haben. Weil ich Mädchen nie so angeschaut habe, wie die anderen das taten. Vor allem auch, weil ich die Freundinnen der Jungs, die ich selbst gut fand, nie wirklich leiden konnte. Aber ich war gut darin, das zu verdrängen.

Man gewöhnt sich daran, dass die Verwandtschaft an Weihnachten fragt, was mit den Mädchen in der Klasse so geht. Man lernt, es souverän abzunicken, wenn Großtanten analysieren: „Der Junge lässt sich halt Zeit.“ Und man kann sich eine ganze Weile hinter dem Gedanken verstecken, dass das bestimmt bald weggeht – was natürlich Blödsinn ist. Ich konnte mich noch so lange in Musik und Popkultur hinein nerden, noch so lange so tun, als würde mich der ganze Zweisamkeitskram nicht interessieren: Irgendwann ging das nicht mehr. Irgendwann wollte ich wissen, wie sich das anfühlt, wovon gefühlt 95 Prozent aller Popsongs handeln.

Ich war 20, als ich mein erstes Mal hatte. Ich habe ihn im Club kennengelernt, nach ein paar Drinks ging es über die Und-du-so-Ebene hinaus. Noch ein paar Drinks später habe ich die Frage gestellt, die ich nur aus Erzählungen kannte: zu dir oder mir? Und plötzlich habe ich gemerkt, was es heißt, aufgeregt zu sein. Wie richtig sich das anfühlen kann und vor allem: wie egal Naturwissenschaftliches in dem Moment ist. Am Tag danach bin ich einkaufen gegangen. Ich weiß noch, dass ich ziemlich beschwingt durch die Straßen gelaufen bin. Beschwingter als die Jahre davor. Dann ist das halt so, dachte ich, dann bin ich halt schwul. Im Sommer darauf habe ich mich erst vor meinen Freunden, dann vor meiner Familie geoutet. Die häufigste Reaktion: „War mir seit Jahren klar.“

Und prompt war ich in der Phase, die meine Freunde fünf, sechs Jahre vorher hatten: die Zeit, in der man seine sexuelle Reife offen und, ja, auch etwas prollig rausposaunt. In der man Frauen oder Männern deutlicher nachschaut als nötig. In der man unbedingt drüber sprechen muss, wen man gut findet und warum. Schulhof-Talk. Mit Anfang 20 wirkt das auf andere etwas befremdlich. War mir aber egal. Gehört halt dazu.

Meine erste richtige Trennung hat mich dann deutlich länger beschäftigt als einen Nachmittag. Mit ein paar Stunden Musikhören war es diesmal nicht getan. Dafür habe ich danach verstanden, wovon Leonard Cohen und all die anderen singen. Konnte mitreden, wenn es beim Feierabendbier um Beziehungskram ging. Endlich. Irgendwie schön.

Die Redaktion kennt den Autor und respektiert seinen Wunsch, diesen Text anonym zu veröffentlichen. 

So erlebte unsere Autorin das "richtige" erste Mal: 

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