Warum "Upskirting" oft nicht geahndet wird

Wenn Männer Frauen heimlich unter den Rock fotografieren, kommen sie oft damit davon.
Von Berit Dießelkämper
Illustration: Daniela Rudolf

Die Bilder von Paris Hilton, wie sie vermeintlich ungeschickt aus einem tiefergelegten Auto aussteigt und freien Blick unter ihren Rock gewährt, sind legendär. Kaum ein erfolgreiches Popsternchen, das seine Bühnenshows performt, ohne dass der Minirock hochwirbelt und unter ihm eine farblich perfekt abgestimmte Panty hervorblitzt. Das ist von Reality-TV-Stars, Kostümbildnern oder Designern auch genau so geplant und, zugegeben, das ist auch ziemlich sexy.

Weniger sexy und weniger glamourös ist es hingegen, wenn dies unfreiwillig geschieht. Wenn die Einblicke nicht gegeben werden, sondern wenn jemand sie sich einfach nimmt, indem er heimlich unter den Rock oder das Kleid einer Frau fotografiert. Das nennt sich dann Upskirting und ist ein nicht zu unterschätzender unschöner Trend.

Gina Martin, 25, ist genau das passiert. Auf einem Musikfestival im Londoner Hyde Park fotografierte ihr jemand unter den Rock. Es geschah, als sie in der Menge vor der Bühne auf die nächste Band wartete. Neben ihr zwei junge Männer – die mutmaßlichen Täter. Sie habe sich zuvor kurz mit ihnen unterhalten. Im Nachhinein beschreibt Gina sie als „creepy“. Wenig später sah sie, als sie auf das Handy des einen Mannes blickte, ein Upskirt-Foto. „Es war kein schnell gemachtes, verwackeltes Fotos, es war ein sehr gutes Bild. Und ich wusste sofort: Das bin ich! Ich wusste es einfach. Auch weil sie sich so komisch benahmen. Also nahm ich das Handy und rannte weg”, sagte Gina der BBC im Interview.

Sie rannte zu den Sicherheitskräften, die daraufhin die Polizei alarmierten. Dann der Schock: Zwar sei das Bild mit Sicherheit sehr unangenehm für Gina, aber es sei nicht anstößig. Die Beamten könnten nicht viel machen. Hätte Gina keine Unterwäsche getragen, wäre es etwas anderes. Wenige Tage später erhielt sie einen Anruf von der Polizei: Die Ermittlungen wurden eingestellt.

Es kommt also nicht darauf an, was einer der Männer vermeintlich getan hat, sondern darauf, was Gina unter ihrem Rock trägt oder eben nicht. Das ist absurd. In dem Moment, in dem das Foto gemacht wird, weiß der Fotograf nicht, ob die Frau Unterwäsche trägt oder nicht. Er weiß also nicht, ob er eine Straftat begeht oder nicht.

„Vergiss nie ihre Gesichter zu fotografieren...!"

Bei den Recherchen zu Upskirting trifft man auf viele Pornowebsiten, die Upskirting-Bilder von Stars, einer Nachbarin und Ex-Freundin anbieten. Die Pornoindustrie hat offenbar die Nachfrage erkannt und produziert professionell inszenierte Upskirt-Bilder. Aber auch das findet man: Foren, in denen Tipps ausgetauscht werden, wie man das beste Upskirt-Bild schießt. Die User fachsimpeln über die richtige Kamera, über Konstruktionen, wie Kameras in Einkaufstüten versteckt und fixiert werden können und wie man sich möglichst unauffällig verhält. Einer schreibt: „Vergiss nie ihre Gesichter zu fotografieren, vorher oder hinterher, um zu wissen, welchem Mädchen der Arsch gehört… Nach den ersten 50 Ärschen, sehen sie alle gleich aus und du verlierst den Spaß dran.”

In diesen Foren stellen sie außerdem ihre Ausbeute zur Schau: Es sind Frauen, die am Strand oder in Parks liegen, auf Treppen oder Mauern sitzen oder auf Rolltreppen stehen. Ihnen allen wurde unter den Rock fotografiert. In den Kommentaren werden sowohl die Qualität der Bilder, als auch die der Frauen bewertet. Einer schreibt: „Danke für die großartigen Kommentare, das inspiriert mich, raus auf die Jagd nach mehr zu gehen.”

Kaum eine der Frauen wird wissen, dass es diese Bilder gibt und was auf diesen Seiten geschieht. Den meisten Frauen würde sicher übel werden, wenn sie wüssten, dass solche Bilder von ihnen im Netz kursieren. Bilder, auf die irgendeiner in diesem Moment schaut und seinen Kommentar zu ihnen und ihren Körper ablässt. Oder andere Dinge tut.

 

In Lifestyle-Magazinen gibt es regelmäßig ganze Bilderstrecken von "Höschenblitzer-Pannen" der Stars, sodass davon auszugehen ist, dass auch bei Otto-Normalverbraucher ein gewisses Interesse als solch frivolen Bildern besteht. Dass diese Bilder ein massiver Eingriff in die Persönlichkeitsrechte eines Menschen sind und dass das auch für Stars gilt, ist vielen im ersten Moment nicht klar. In einem Interview erzählte Emma Watson einmal, als sie die Party zu ihrem 18. Geburtstag verließ, habe sich ein Paparazzo auf den Gehweg gelegt, um ihr unter das Kleid zu fotografieren. Die Bilder wurden am nächsten Morgen in den englischen Boulevardmedien veröffentlicht. Noch 24 Stunden zuvor wären sie illegal gewesen.

 

Auch in Deutschland gab es bereits Upskirting-Fälle. 2014 verurteilte das Amtsgericht München den 56-Jährigen ehemaligen ersten Bürgermeister von Scheyern zu einer Geldstrafe von 5250 Euro. Er hatte am Münchner Stachus mehrfach Frauen unter den Rock fotografiert. Auf einem Speicherchip fand man 99 Upskirt-Bilder und 27 Filme.

 

Der Tatbestand des Upskirting wird vom Deutschen Strafgesetzbuch nicht explizit abgedeckt. Bisher wurde es als eine Beleidigung mit sexuellem Hintergrund verfolgt. Zudem handelt es sich beim Upskirting um einen Antragsdelikt. Das heißt, dass die betroffene Person die Strafanzeige stellen muss. Und darin liegt auch das Problem: Die meisten Frauen bemerken es nicht, wenn sie Opfer vom Upskirting werden.

 

Gina Martin hat es bemerkt und sie startete eine Petition. Das Ziel: Upskirt-Fotos sollen als Tatbestand in das englische Sexualstrafrecht aufgenommen werden. Bereits 63.000 Menschen haben ihre Petition unterstützt. Vor circa einem Monat dann die Nachricht: Die Polizei nimmt die Ermittlungen wieder auf. 

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