Wem vertrauen wir heute noch?

Den Institutionen wie Politik und Medien nicht mehr, sagt die größte europaweite Jugend-Studie. Aber wem dann? Und wie gefährlich ist das?
Von Friedemann Karig
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.marqs / photocase.com / Illustration: Federico Delfrati

Die Mehrheit der jungen Generation in Europa misstraut der Politik, den Medien und der Justiz. Das ist die wichtigste Erkenntnis der Studie „Generation What?“, der bisher größten europaweiten Untersuchung von politischen Einstellungen junger Menschen zwischen 18 und 34 Jahren. Dabei genießen religiöse Institutionen bei den wenigsten noch Vertrauen (14%). Es folgen Politik (18%) und Medien (21%). Aber wem glauben wir dann? 

Seit ein paar Jahren haben ausgerechnet Comedians mit politischen Botschaften Erfolg. Als die neuen Felsen in der Brandung der Informationen und Meinungen gelten Amerikaner wie John Oliver, Moderator von „Last Week Tonight“. Oder Jon Stewart („Daily Show“) und Stephen Colbert („The Colbert Report“). In einer Studie von 2014 wurden diesen großen TV-Satirikern mehr geglaubt als traditionellen Medien, was wichtige Themen wie die Finanzkrise oder Migration angeht. Weil nur überdrehte Satiriker eine überdrehte Realität noch fassen können?

In Deutschland fallen einem die üblichen Verdächtigen ein, wenn es um die Verbindung von Spaß und Ernst geht: Jan Böhmermann und sein Podcast-Partner Olli Schulz. Deutlich seriöser, aber ebenso meinungsstark, die Journalistinnen Anja Reschke und Dunja Hayali. Und die Kabarettisten Claus von Wagner und Max Uthoff von „Die Anstalt“, die schon mit Sketchen über Aleppo oder den VW-Abgas-Skandal virale Erfolge landeten. 

„Mir schreiben Schüler wie Lehrer, dass sie unsere Beiträge als glaubwürdige Diskussionsanstöße sehen“, sagt Claus von Wagner. „Aber wir sind auch nur kleine Steine für den Bau der großen Kathedrale namens ‚Wahrheit’.“ Mit den aufwändigen Auftritten, bei denen die Kabarettisten, unterstützt von einer Redaktion, Themen solide recherchiert aufs Korn nehmen, schaffen sie genau das: das Vertrauen, dass sie nach bestem Wissen und Gewissen erzählen, was gerade ernsthaft schief läuft. Und das nicht trotz, sondern gerade weil sich die Protagonisten selbst nicht ernst nehmen. Ist das ein Problem?

„Die Hinwendung zum Humor muss kein schlechtes Zeichen sein“, sagt der Politikwissenschaftler Dr. Josef Haschke, der 2016 unter dem Titel „Politische Vertrauenskrise?“ dazu promovierte. "Solche Künstler leisten einen Beitrag, indem sie in überspitzter Form auf Fehler und Missstände hinweisen und zum Nachdenken anregen. Ihre Zuschauer haben sich ja nicht unbedingt von der Politik abgewendet, oft im Gegenteil. Es sind mitunter gerade die politisch Interessierten, die solche Formate schauen“ Und die Frontmänner und –frauen wie von Wagner scheinen nicht zu „den Medien“ sortiert zu werden, sondern als einzelne Persönlichkeiten authentisch genug zu sein, um ihnen zuzuhören.

Von Wagner spielt die eigene Rolle aber lieber herunter: „Wir sind Narren. Vielleicht stehen wir, um im Bild zu bleiben, auch eher vor der Kathedrale und versuchen die Leute mit Clownerie dafür zu begeistern, sich mit bestimmten Themen überhaupt auseinander zu setzen.“ Humor ist sein Medium, jeder Gag eine Belohnung. Nur eine gut und lustig erzählte Geschichte ist überzeugend. „Wir wollen die Eintrittsschwelle senken“, die Themen wie Rente oder Autobahnprivatisierung erst mal unzugänglich machen. „Deshalb ziehen wir uns Strumpfhosen und doofe Perücken an“, sagt von Wagner. 

Die „Generation What“-Studie sagt übrigens auch: Die Polizei (53%) und NGOs (59%) gelten als glaubwürdig. Die Polizei vermutlich, weil die meisten von uns keine negativen Erfahrungen mit ihr gemacht haben. Die NGOs – das zeigten schon frühere Studien wie der Jugendsurvey des Deutschen Jugendinstituts – weil sie für „postmaterialistische Werte“ stehen, also „die Guten“ sind. Dass viele Organisationen neben einem hehren Ziel auch eine eigene Agenda haben – und wenn es nur die Maximierung von Aufmerksamkeit und Spenden für eine gute Sache ist – scheinen wir nicht zu erkennen. Vielleicht wollen wir ihnen vertrauen, wenn sie schon antreten, die Welt zu verbessern. Aber ist Vertrauen überhaupt so wichtig? Und wenn ja, ist es wichtig, wem wir vertrauen? Können Institutionen ohne Vertrauen überleben?

Institutionen, so schrieb der Soziologe Niklas Luhmann, sind ein „Mechanismus der Reduktion von sozialer Komplexität“. In einer verwirrend vielfältigen Gesellschaft, tief und weit wie ein Ozean, in der ich täglich mit dutzenden Menschen und Einrichtungen zu tun habe, sind Institutionen rare Inseln der Verlässlichkeit. Ich kann mir einigermaßen ausrechnen, wie sich ein Gang zum Amt, eine Anzeige bei der Polizei oder eine Mail an meinen Professor auswirken wird. Das ist die Definition von Vertrauen: Zu glauben, dass sich etwas wie erwartet entwickelt, sich jemand wie erwartet verhält. Wie geht dieser Glaube verloren?

Die Psychologie weiß: Indem jemand systematisch anders handelt, als er es versprochen hat. Und wir die Folgen dieses Bruchs spüren. Ein Grund für den Vertrauensverlust, so die Verfasser von „Generation What“, könnte demnach die wachsende Ungleichheit sein, die viele wahrnehmen. Das betrifft vor allem die Politik. Eine politische Klasse, die zwar ständig „soziale Gerechtigkeit“ verspricht, sie aber nicht herzustellen vermag, verliert zwangsläufig an Glaubwürdigkeit, so die Studie.

Und eine Medienwelt, deren Alleindeutungsanspruch durch das Netz grundsätzlich erschüttert ist, auch. „Wir erleben eine Krise der wahrheitsfindenden Institutionen“, sagt Claus von Wagner. „Wie in der Zeit der Reformation. Damals waren ja auch unübersichtlich viele Informationen als Flugblätter unterwegs. Da hat man sich erst mal 200 Jahre lang über Standards zur Wahrheitsfindung gezankt.“ Es ist heute wieder ein Streit entbrannt, wer wie an der Kathedrale „Wahrheit“ mitarbeiten darf.

Was passiert mit einer Gesellschaft, in der immer weniger Menschen zwei der zentralen demokratischen Institutionen vertrauen?

So wissen heute alle: Nachrichten fallen nicht einfach vom Himmel. Nachrichten werden von Menschen gemacht. Und die können sich irren. Medien, die so etwas Fragiles wie „Wahrheit" versprechen, aber immer wieder falsch liegen, die sich Experten halten, aber von drastischen Entwicklungen wie Terror oder der Trump-Wahl überrascht werden, scheinen unser Vertrauen nicht verdient zu haben. Und: Medien und Politik sind verwoben, eine gesunde Distanz ist oft nicht festzustellen. Stecken die beiden unter einer Decke, potenziert das unser Misstrauen.

Gleichzeitig wird die Unterhaltung, die Medien heute auch bieten, immer inszenierter. Zwischen „Germany's Next Topmodel“ und „Berlin Tag und Nacht" gibt es immer mehr Schein, der seine Entzauberung schon in sich trägt. Der gar nicht erst erfolgreich behauptet, sich irgendwie zu verhalten. Diese maximal leeren Versprechungen nennt man „Trash“. Den noch von glaubwürdigen Informationen zu unterscheiden, scheint vielen schwer zu fallen. Sie stopfen alle diese kleinen und großen Lügen in einen Topf und schreiben „die Medien“ drauf. So ist auch der rechtskonservative Sender „Fox News“ laut der amerikanischen Studie zugleich für einen großen Teil der Menschen die glaubwürdigste wie unglaubwürdigste Quelle. Ständige Polarisierung schafft verhärtete Fronten. Aber was passiert mit einer Gesellschaft, in der immer weniger Menschen zwei der zentralen demokratischen Institutionen vertrauen?

In seinem Podcast „Freakonomics“ fragte der Journalist Stephen Dubner kurz nach der Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten genau das: Wieso misstrauen viele Amerikaner „der Politik“ so sehr, dass sie einen völligen Außenseiter wählen? Wo war das Vertrauen hin, das Trump mit seinem Versprechen, Amerika wieder „great“ zumachen, auf sich zog? Was macht es mit einer Gesellschaft, die nicht mehr vertraut?

„Vertrauen ist wie die Anti-Materie der Gesellschaft“, antwortet darauf David Halpern, ein britischer Professor für Verhaltensökonomie, „wir sehen sie nie. Wir verstehen sie zu wenig. Aber sie ist sehr wichtig.“ Vertrauen korreliere mit vielen wichtigen Indikatoren für den Zustand einer Gesellschaft: Wirtschaftswachstum, Gesundheit, Kriminalität. „Eine Gesellschaft, die sich und ihren Institutionen gar nicht mehr vertraut“, sagt auch Politikwissenschaftler Haschke, „kann auf Dauer nicht funktionieren.“  

Vertrauen ist wichtig. Sein Verlust nachvollziehbar, aber schwer aufzufangen, da seine Institutionen nicht von einzelnen Stars oder NGOs zu ersetzen sind. „Solange aber das Misstrauen nicht mit einer völligen Abkehr von der Politik einhergeht, muss es für eine Demokratie nicht schädlich sein. Manche Menschen wollen der Politik eben genau auf die Finger schauen, man kann das also auch als Zeichen einer wachen und kritischen Öffentlichkeit deuten“, sagt Haschke.

 

Also alles halb so schlimm, Herr von Wagner? „Ich bin da tatsächlich optimistisch“, sagt er. "Solche Krisen des Vertrauens sind anstrengend, aber geschichtlich gesehen normal. Und produktiv. Sie schärfen den Blick für die Mechanismen hinter den Fassaden. Und haben meine Arbeit als Kabarettist zwar schwerer, meine Kunst in meinen Augen aber auch besser gemacht.“

 

Fazit: Es wird komplizierter, aber nicht schlechter. Vielleicht ist die Gesellschaft in einer Pubertät. Und wird gerade erwachsen, was ihr Vertrauen angeht. Denn erst wer erwachsen ist, glaubt nicht mehr blind alles und jedem wie ein kleines Kind. Sondern weiß, wann sich Vertrauen lohnt. Und wann nicht.

 

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