Auch in Deutschland gibt es viele junge "Abgehängte"

Die Macher der Jugendstudie "Generation What" schlagen deshalb Alarm.
Von Charlotte Haunhorst
Foto: Generation What

Optimismus ist wichtig. Optimistische Menschen haben mehr Lust, sich für Anliegen einzusetzen, die ihnen wichtig sind. Sie ertragen Krisen und Rückschläge besser. Und sie bringen so ein Land voran. Deshalb fangen wir auch mit den optimistischen Ergebnissen der gerade frisch vom Sinus-Institut ausgewerteten Jugendstudie „Generation What“ an: 160.000 junge Menschen zwischen 18 und 34 haben zwischen April und Juni daran in Deutschland teilgenommen. Und denen scheinen Rechtspopulismus und Fremdenfeindlichkeit, wie sie ja von den Trumps, der AfD- und den Brexit-Anhängern dieser Welt verbreitet werden, nicht allzu viel anzuhaben:

  • 77 Prozent sehen in Zuwanderung eine Chance. Auch die Terroranschläge in Nizza, Würzburg und Ansbach im Juli 2016, die explizit abgefragt wurden, haben daran wenig geändert.
  • Drei Viertel betrachten mit Sorge den zunehmenden Nationalismus in Europa.
  • Nur ein Viertel der Befragten ist für die Bevorzugung von Deutschen bei der Arbeitsplatzvergabe in Krisenzeiten.
  • Nur elf Prozent finden, Deutschland sollte aus der EU austreten.
  • Drei Prozent wollen die deutschen Grenzen für alle schließen.
  • Die Mehrheit vertraut der deutschen Justiz und Polizei.

Wir haben ein Vertrauensproblem

Leider ist allein die optimistische Sicht auf eine Geschichte nie vollständig. Deshalb müssen wir auch über die beunruhigenden Ergebnisse der Studie sprechen. Die zeigen nämlich vor allem: Wir haben abseits von Justiz und Polizei ein massives Vertrauensproblem.

  • Nur ein (!) Prozent der jungen Deutschen vertraut völlig in die Politik, 71 Prozent haben hingegen überhaupt kein oder eher kein Vertrauen.
  • Fünf Prozent vertrauen "völlig" in Europa.
  • 83 Prozent haben kein oder sehr wenig Vertrauen in religiöse Institutionen wie die Kirche.
  • 65 Prozent vertrauen Medien gar nicht oder stehen ihnen eher skeptisch gegenüber.

 

Diese Zahlen zeigen: Ein gewisses Maß an "man kann denen da oben nicht vertrauen" ist eben doch auch bei der Jugend angekommen. Was prinzipiell natürlich okay ist – niemand sollte unkritisch alles hinnehmen, das ihm vorgesetzt wird. Andererseits schürt diese Skepsis aber auch Unsicherheiten. Viele fragen sich: Was wird aus mir und uns? Und blicken dabei fatalistisch in die Zukunft.

 

Die Auswertungen des Sinus-Institutes zeigen, dass junge Deutsche zwar immer noch denken, ihr Schicksal selbst in der Hand zu haben, die Angst davor, dass dem am Ende doch nicht so ist, aber wächst. So kritisierten die Befragten insbesondere das deutsche Bildungssystem als extrem ungerecht. Soziale Unruhen gaben die meisten als größte Angst an. 86 Prozent der Befragten waren sich sicher, dass die Ungleichheit in Deutschland zukünftig weiter wachsen würde.

 

Diese Werte werden umso höher, je geringer der Bildungsgrad des Befragten war. Die Forscher ziehen daraus das besorgniserregende Fazit: "Diese Unterschiede (...) weisen auf eine beachtliche Gruppe von Menschen hin, die sich extrem benachteiligt und orientierungslos fühlt und zunehmend das Gefühl hat, vom öffentlichen Leben ausgeschlossen zu sein. Vor allem in dieser Bevölkerungsgruppe befinden sich Modernisierungsverlierer, die anfällig für Populismus sind (...)."  

 

Wem es jetzt kalt den Rücken runterlauft, weil diese Sätze so bekannt wirken: Ja, genau das wurde auch über viele der Leute geschrieben, die vergangene Woche Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt haben.

 

Deutschland ist nicht allein mit fehlendem Vertrauen in die Politik

 

"Abgehängte" nannte man die. Und die "Generation What"- Studie zeigt, dass es davon auch viele unter den jungen Menschen in Deutschland gibt. Und man dringend darüber nachdenken sollte, wie man diese Leute wieder einbinden kann. Die Macher der Studie haben dafür sogar einen Vorschlag: "Stabilität und Sicherheit" seien für die junge, von Terror und Finanzkrisen geprägte Generation besonders wichtig. Dementsprechend sei es Aufgabe der Politik und des Rechtssystems, diese stabile Basis wieder zu schaffen. Nur so bekomme man wieder optimistische junge Leute, die in ihr Land vertrauen. Pessimisten würden hingegen stärker zum Nationalismus tendieren. Bedeutet meist: Abspaltung und Aufkündigung der Solidarität.

 

Auch wenn die Auswertung der Studie noch nicht abgeschlossen ist, zeigt sich im internationalen Vergleich bereits jetzt, dass Deutschland nicht allein mit dem fehlenden Vertrauen in die Politik ist. In Griechenland, Italien, Österreich, Belgien und Luxemburg sprechen die Generation-What-Macher sogar von einer "Untergangsstimmung". Dort haben die jungen Menschen überhaupt kein Vertrauen mehr in ihre politischen Vertreter. Und noch eine Sache haben die europäischen Länder gemein: Trotz aller Kritik am politischen Establishment will sich niemand von den jungen Menschen so richtig gerne dagegen auflehnen. Bis auf die Iren – die könnten sich das zumindest vorstellen.

 

 

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