„Ich empfinde den Sex stimulierender als vorher“

Vier Männer erzählen von ihrer Beschneidung – und dem Leben danach.
Protokolle von Tasnim Rödder

Foto: unsplash/charlesdeluvio Bearbeitung: jetzt

Die Beschneidung ist ein sensibles Thema. Sie wird größtenteils aus religiösen Gründen vorgenommen: Sowohl im Islam als auch im Judentum hat die Beschneidung Tradition. 2012 verabschiedete der Deutsche Bundestages das Beschneidungsgesetz: Seither dürfen die Erziehungsberechtigten ihre Kinder gemäß Paragraf 1631d BGB beschneiden lassen – vorausgesetzt der Eingriff findet nach den „Regeln der ärztlichen Kunst“ statt. Abseits davon sprechen auch immer wieder medizinische Gründe für einen solchen Eingriff.

Das Thema Beschneidung ist aber heute sowohl in der öffentlichen Debatte als auch bei Bier und Snacks in der WG-Küche kaum Thema. Wir haben mit vier Männern über ihre Beschneidung gesprochen.*

„Ich finde es rückblickend wenig problematisch, dass ich als Kind ohne Mitbestimmung beschnitten wurde“

Foto: Nils Lucas

Demba, 26, studiert Geschichte und arbeitet als Tour-Manager für verschiedene Bands in Berlin

„Ich kann mir gar nicht vorstellen, eine Vorhaut zu haben. Ehrlich gesagt kann ich mich auch gar nicht mehr daran erinnern, wann ich genau beschnitten wurde oder wie. Ich vermute, dass ich in den ersten zwölf Monaten operiert wurde. Weil mein Vater Muslim ist, war es ihm wichtig, dass ich beschnitten werde. Auch wenn er nie versucht hat, mich zu einem gläubigen Muslim zu erziehen. Heute lebe ich atheistisch.

Bis ich in die Pubertät kam, war meine Beschneidung gar kein Thema für mich. Es war völlig okay für mich, ich fühlte mich nie in meiner körperlichen Unversehrtheit beschädigt. Auch hatte ich nicht das Gefühl, dass mir was fehlt. Ich kann mich noch an den Schwimmunterricht erinnern. Als ich in der Umkleide die nicht beschnittenen Penisse sah, dachte ich nur: ‚Das sieht viel stressiger aus!‘ Ich war auf jeden Fall auch nicht der einzige in meiner Klasse. Da waren mehrere muslimische Jungs, die beschnitten waren. Ich kann mich an einen muslimischen Mitschüler erinnern, der sich nie nackt auszog, vermutlich weil er beschnitten war.

Generell finde ich den beschnittenen Penis ästhetischer. Ich habe auch noch nie mit einer Frau geschlafen, der das irgendwie unangenehm war. Wenn, dann fragt sie immer nur aus Interesse. Man sagt ja immer, dass beschnittene Männer länger Sex haben können. Das kann ich schlecht beurteilen, weil ich ja nicht weiß, wie es mit Vorhaut ist.

Wenn ich mich heute entscheiden könnte, würde ich es noch mal machen, denke ich. Insbesondere wegen der hygienischen Vorteile. Ich finde es rückblickend wenig problematisch, dass ich als Kind ohne Mitbestimmung beschnitten wurde. Aber mit der religiösen Intention stimme ich nicht überein. Aus der Perspektive hätte ich es cooler gefunden, wenn ich älter gewesen wäre und meine Zustimmung hätte geben können.“

„Ich empfinde den Sex stimulierender als vorher und bin ausdauernder“

Markus, 32, arbeitet als Softwareentwickler in Berlin

„Ich bin seit fünf Jahren beschnitten. Damals bin ich zum Arzt gegangen, weil meine Vorhaut etwas länger war – das sah aus, als hätte ich einen kleinen Rüssel an der Penisspitze. Am meisten störte es beim Sex mit Kondom. Dauernd ist was schiefgelaufen, verrutscht, gerissen. Also bin ich zum Urologen gegangen und habe ihn gefragt, ob es sinnvoll ist, mich beschneiden zu lassen.

Er meinte damals, dass es jetzt kein großes Problem sei, doch dass im Alter Probleme aufkommen könnten. Zum Beispiel könnte im Alter die Vorhaut reißen und sich dann entzünden. Ich entschied mich für die Operation. Der Eingriff an sich war okay, ich hatte eine Vollnarkose. Aber die Wochen danach waren wirklich schmerzhaft – vor allem die ersten zwei. Jede Bewegung tat weh. Nach vier Wochen hatte ich das erste Mal wieder Sex, allerdings ganz vorsichtig. Erst nach sechs bis acht Wochen konnte ich wieder ganz ohne Schmerzen Sex haben.

Seither hat sich mein Sexleben aber erheblich verbessert. Da ist kein Kondom, das immer verrutscht oder eine Vorhaut, die immer hoch- und runterrutscht, sondern ein glattes, festes Glied. Ich empfinde den Sex stimulierender als vorher und bin ausdauernder. Nur der Handjob ist schwieriger geworden, das geht jetzt nur noch mit Gleitgel oder ähnlichem.

Auch meine damalige Freundin fand den beschnittenen Penis schöner. Ich meine, es hat mir auch vorher nie jemand gesagt, dass mein Penis hässlich sei, aber seit der Operation bekomme ich ein deutlich besseres Feedback: Jede dritte bis vierte Sexpartnerin sagt mir, dass ich einen schönen Penis habe – trotz Narbe. Wenn ich es mir heute aussuchen könnte, hätte ich lieber einen gesunden, nicht beschnittenen Penis. Besonders auf die Operation und die Schmerzen hätte ich gern verzichtet.“

 

„Es war einfach etwas, das gemacht werden musste, wie ein Zahnarzttermin“

Walid, 45, selbstständiger Filmemacher in Berlin

„Ich wurde mit fünf Jahren in Afghanistan beschnitten. Bis ich 14 Jahre alt war, wuchs ich dort als Kind liberaler, atheistischer Eltern auf. Ich kann mich noch gut an den Tag der Beschneidung erinnern, das war kurz vor der Einschulung. Mein drei Jahre älterer Bruder und ich sollten am selben Tag operiert werden. Es war einfach etwas, das gemacht werden musste, wie ein Zahnarzttermin. Mein Bruder wehrte sich jedoch mit Händen und Füßen, er wusste natürlich viel genauer, was da auf ihn zukommt.

Ich kann mich nicht daran erinnern, ob ich betäubt wurde. Ich weiß nur, dass ich den Starken spielen wollte, dann als erster drankam und viel geheult und geschrien hab. Warum ich erst so spät beschnitten wurde, weiß ich nicht genau. In der Regel sind alle Afghanen operiert. Mein Vater wollte aber erstmal nicht, dass wir beschnitten werden, weil Beschneidung für ihn zu einer Welt gehörte, die er ablehnte. Mein Vater wurde während der politischen Unruhen in Afghanistan ermordet, daher entschied meine Mutter über unsere Beschneidung. Ich vermute, sie wollte, dass wir nicht auffielen in der traditionell afghanischen Gesellschaft, in der moralische Normen und soziale Homogenisierung mit Gewalt durchgesetzt werden.

In der Regel kamen von Frauen eher positive Rückmeldung. Meine jetzige Partnerin findet es zum Beispiel ästhetischer und auch vom Geruch her angenehmer. Ich bewege mich sehr viel in der US-dominierten Kultur, auch in Deutschland, das durch Hollywood-Filme und -Serien geprägt ist. Da ist es eher verpönt, wenn ein Mann nicht beschnitten ist. Man sieht in den Filmen immer wieder, wie darüber Witze gemacht und Leute dafür gehänselt werden, besonders in den High-School-Filmen.

Auch wenn ich mich heute entscheiden könnte, würde ich mich wieder beschneiden lassen. Ich finde, ein Penis mit Vorhaut sieht aus wie ein Nacktmull oder Wurm. Beziehungsweise: Hast du schon mal einen Dildo mit Vorhaut gesehen? Ein beschnittener Penis ist einfach attraktiver. Ich nehme es meiner Mutter kein bisschen Übel, dass sie damals so für uns entschieden hat. Ich sehe die Beschneidung mehr wie einen medizinischen Eingriff, so wie eine Impfung – obwohl sie natürlich viel gravierender ist.“

„Der nicht-beschnittene Penis sieht für mich aus wie ein kleiner Döner-Spieß“

Foto: privat

Sebastian, 29, Festival-Programmleiter in Köln

„Meine Beschneidung lief sehr chaotisch ab – ansonsten kann ich mich an wenig erinnern. Ich war sieben Jahre alt und musste wegen eines Leistenbruchs operiert werden. Im selben Zug wurde ich unter Narkose beschnitten. Ich hatte eine Phimose, eine Vorhautverengung. Die war ziemlich stark, ich konnte damals noch nicht mal richtig pinkeln.

Wozu die Operation gut war und wofür ich nach der Operation ziemliche Schmerzen erleiden musste, habe ich erst viel später gecheckt. Damals war es kaum Thema für mich, dass ich beschnitten bin. Erst als ich angefangen habe, zu masturbieren und mich für meinen Penis zu interessieren, wurde es eines. Mir ist erst aufgefallen, dass ich beschnitten, beziehungsweise anders bin, als ich andere Penisse unter der Dusche beim Schwimmunterricht sah. Das Problem ist natürlich, dass alles, was in dem Alter anders ist, nicht nur spannend ist, sondern auch Potential zum Mobbing bietet. Ich wurde zwar nicht gemobbt, aber aufgezogen – und ich kann mich daran erinnern, dass ich kurze Zeit nur mit Badehose unter die Dusche gegangen bin.

Ich finde ehrlich gesagt, dass der beschnittene Penis normaler ausschaut. Der nicht-beschnittene Penis sieht für mich aus wie ein kleiner Döner-Spieß. Nun ist es natürlich auch so, dass die meisten Penisse in Pornos beschnitten sind, weil in den USA die Beschneidung ja quasi Standard ist. Ich habe in meiner Jugend auf jeden Fall ziemlich viele Pornos konsumiert. Deswegen habe ich auch meine Beschneidung immer als völlig normal betrachtet.

Wo ich mir auf jeden Fall sicher bin, ist, dass ich unempfindlicher geworden bin. Ich kann zum Beispiel ohne Problem eine Badehose mit so einem Inlay-Netz tragen – früher fand ich das unangenehm. Sexuell wurde meine Beschneidung erst Thema, als ich das erste Mal Petting hatte. Da musste ich jedes Mal erklären, dass der Handjob nur mit Spucke oder Gleitgel funktioniert. Ab und zu habe ich auch schon von einer Frau gehört, dass es schöner aussieht – aber sonst kam es kaum zur Sprache. Ich denke auch, dass der größere Effekt bei mir liegt, nicht bei der Frau. Zum Beispiel kenne ich das Phänomen Eichelkäse nicht – zum Glück. Ich bin also ziemlich fein damit beschnitten zu sein, ich kann es aber auch nicht wirklich vergleichen. Aber ich meine, mir einzubilden, dass ich es so besser finde. Es gibt halt keine Nachteile für mich und ich empfinde die hygienischen Vorteile als sehr angenehm.“

*Wir haben diese Einleitung nach Erscheinen der Protokolle eingefügt.

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