„Mit Gesundheit und Krankheit sollte man keinen Profit machen können“

Jana ist Krankenschwester und hat einen wütenden Brief an Gesundheitsminister Spahn geschrieben.
Interview von Josef Wirnshofer

Am vergangenen Sonntag hat Jana Langer einen Post auf Facebook abgesetzt, 16.39 Uhr. Ein offener Brief an Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Langer, 46, ist Fachkrankenschwester in einem Krankenhaus. Seit langem verfolgt sie die Debatten zum Pflegenotstand, sie schreibt darüber regelmäßig auf Facebook. Ihr offener Brief aber ist deutlicher als sonst. Wütender als sonst.

Der Anlass war eine Ausgabe von „Hart aber fair“, in der Jens Spahn unter anderem die private Krankenversicherung indirekt verteidigt hatte. Ein wunder Punkt, nicht zuletzt wird die Aufteilung in gesetzliche und private Krankenversicherung immer wieder als Zweiklassensystem kritisiert. Wir haben mit Jana Langer über ihren Brief gesprochen. Und darüber, was sich ihrer Meinung nach ändern muss.

jetzt: Jana, deinen Beitrag haben inzwischen mehr als 54.000 Menschen geliket, er wurde mehr als 55.000 Mal geteilt. Wie haben sich die vergangenen Tage für dich angefühlt?

Jana Langer: Stressig, die Resonanz war enorm. Es kamen unheimlich viele Anfragen bei mir an, viel Zuspruch, viele Erzählungen von Patienten. Vielleicht liegt das auch an der Personalie Spahn. Daran, wie er sich in den vergangenen Wochen zu Themen wie Hartz IV und Abtreibung positioniert hat.

Wurdest du von manchen Usern auch kritisiert?

Ja, ich habe zum Beispiel den Vorwurf bekommen, dass ich Spahns Sätze aus dem Zusammenhang gerissen hätte. Aber auch, wenn man sie im Zusammenhang liest, sind sie nicht viel besser. Manche Leute haben mir auch vorgeworfen, dass der Brief zu polemisch wäre. Nur: Hätte ich kein bisschen polemisiert, sondern Herrn Spahn eine Postkarte geschickt, auf der steht „Bitte ändern Sie das Gesundheitssystem “, dann würden jetzt nicht annähernd so viele Leute über das Thema sprechen.

Du bezeichnest die Pflege in Deutschland als ein „menschenunwürdiges System“. Wie zeigt sich das im Arbeitsalltag des Personals?

Als ich 1993 meine Ausbildung begonnen habe, hatten wir nie mehr als sechs bis acht Patienten während einer Schicht zu betreuen. Das ist inzwischen eine absolute Traumvorstellung. Heute müssen Pfleger zum Teil doppelt so viele Patienten oder noch mehr am Tag betreuen. Nachts kann es dann passieren, dass eine Schwester allein auf der Station arbeitet – bei Stationsgrößen bis zu 40 Menschen, manche davon schwerstkrank. In Pflegeheimen ist es noch schlimmer, da hat man bis zu 100 Bewohner, für die nachts zum Teil nur eine Pflegekraft zuständig ist.

Was bedeutet das für die Patienten?

Dass bestimmte Arbeiten selektiert werden müssen, dass nur noch das Nötigste gemacht werden und man sich nicht mehr um das Wohlbefinden der Patienten kümmern kann – das ist es, was ich ankreide. Unser Beruf besteht ja zu einem wichtigen Teil daraus, die Patienten zu beobachten, mit ihnen zu sprechen. Um Veränderungen festzustellen und dann gegebenenfalls einen Arzt zu informieren. Oft sind es schon Kleinigkeiten, die nicht mehr erkannt werden. Zum Beispiel, dass ein Patient mal was trinken muss. Ich finde es auch extrem unmenschlich und erniedrigend, wenn ein Patient auf Toilette muss und keiner kommen kann. Wenn ich ein Auto habe, würde ich das doch niemals einem Mechaniker zur Reparatur bringen, der keine Hebebühne hat, kein Werkzeug. Unsere Patienten geben wir in Deutschland aber in Kliniken, in denen den Schwestern das wichtigste Werkzeug fehlt: ihre Zeit.

Ganz platt gefragt: Was müsste denn passieren, damit sich die Lage verbessert?

Ganz akut würde ich sagen: Wir brauchen sofort mehr Personal, um die Patienten adäquat und qualifiziert versorgen zu können. So, wie wir es in unseren Ausbildungen mal gelernt haben. Längerfristig würde ich sagen: Die Gesundheitsfürsorge gehört in staatliche Hand, nicht in private. Mit Gesundheit und Krankheit sollte man keinen Profit machen können.

Hast du nach deinem Post weitere Aktionen geplant?

Erst mal nicht. Eigentlich ist mein größtes Ziel ja nur, meine Arbeit weiter zu tun, denn ich liebe meinen Beruf. Ich möchte in Ruhe arbeiten – und dass die Politik versteht, dass sie beim Thema Gesundheit eine falsche Richtung einschlägt. Da fordere ich quasi eine Radikal-Kur.

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