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Fotos: chuttersnap, Unsplash / Julian Stratenschulte, dpa / Bearbeitung: jetzt.de

Abgase von deutschen Autos, getestet an Affen – mit diesen Tierversuchen haben sich deutsche Autohersteller in den vergangenen Tagen einen absoluten PR-Gau gegönnt. Aber können solche Tests manchmal vielleicht wirklich nötig sein, um Menschen vor gefährlichen Schadstoffen zu schützen? Sind Tierversuche in manchen Fällen das einzige Mittel? Und: Wie fühlt man sich, wenn man sie durchführt? 

Darüber haben wir mit Florian Dehmelt geredet. Er ist Hirnforscher an der Uniklinik Tübingen und engagiert sich ehrenamtlich im Verein Pro-Test Deutschland e.V., in dem sich junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um einen offeneren Umgang mit Tierversuchen bemühen.

jetzt: Florian, wie hast du als Tierversuch-Aufklärer auf die Schlagzeilen zu den Abgastests an Affen durch VW, BMW und Daimler reagiert?


Florian Dehmelt: Ich habe es wirklich nicht glauben können! Meine Bauchreaktion war: Diese Versuche sind moralisch absolut gar nicht zu rechtfertigen und hätten in Deutschland zum Glück niemals genehmigt werden können. Dass sie in den USA stattgefunden haben, ist vielleicht kein Zufall, da Tierversuche dort meines Wissens nach anderen Regeln genehmigt werden. Als ich mich dann wieder etwas abgeregt hatte, dachte ich mir: Rein prinzipiell könnten solche Versuche schon sinnvoll sein, auch wenn es in diesem Fall nicht so aussieht.

Gibt es denn nicht zumindest ähnliche Versuche in Deutschland?


Ja, im Prinzip gibt es auch in Deutschland sehr viele Tierversuche, bei denen die Giftigkeit von Substanzen untersucht wird. Die haben meist nichts mit der Forschung zu tun, sondern sind gesetzlich vorgeschrieben, etwa zum Verbraucherschutz. Ich kann mir solche Versuche vorstellen, zum Beispiel dann, wenn plötzlich ein gefährlicher Stoff in Autoabgasen auftaucht, den niemand je wirklich berücksichtigt hat und der möglichst schnell getestet werden muss, weil Millionen Menschen betroffen sein könnten. Dann sind Abgastests denkbar, möglicherweise auch mit Affen. Toxikologie ist aber nicht mein Spezialgebiet, und ich bin deshalb kein Experte. Mit Menschen hat es solche Versuche durchaus gegeben, in Aachen zum Beispiel. Wenn man das mit Freiwilligen durchführt, in minimalen Dosen, mit maximal eingehegtem Risiko und vorheriger eingehender Aufklärung, kann so etwas genehmigt werden. Auch wenn es erst einmal seltsam klingt, Menschen Abgas einatmen lassen.

Zurück zum Tier: Wenn du etwas erforschen willst, wie entscheidest du, ob ein Tierversuch nötig und gerechtfertigt ist?

Grundsätzlich erst einmal: Ich bin nicht derjenige, der darüber entscheidet, ob es sich um einen „guten“ oder „schlechten“ Tierversuch handelt. Das entscheidet in meinem Fall eine staatliche Genehmigungsbehörde, in Baden-Württemberg zum Beispiel das Regierungspräsidium. Die tun das in Zusammenarbeit mit einer sogenannten Paragraph-15-Kommission, die ebenfalls noch einmal auf den Tierschutz achtet und eine Empfehlung ausspricht. Welche Behörde zuständig ist, hängt immer vom Bundesland ab. Jeder einzelne Versuch muss über solche Verfahren beantragt und genehmigt werden. Schon im Antrag muss ich begründen, warum ich den Versuch für vertretbar halte. Zunächst geht es darum, ob meine Forschungsfrage überhaupt sinnvoll ist, egal wie schonend oder schadend der dafür geplante Versuch für das Tier sein mag. Außerdem muss ich ausgeschlossen haben, dass sich meine Frage auch ohne Tierversuch beantworten ließe. 

Du hast im Rahmen deiner Forschung Versuche mit Ratten durchgeführt. Wie genau läuft so etwas ab?


Das ist eine sehr durchorganisierte Sache, man steht nicht morgens auf und denkt sich: Ach, heute teste ich mal ein paar Tiere. Wenn man die Genehmigung für einen Versuch bekommen hat, bereitet man das Labor vor, dann geht man zu der Abteilung, an der die Tiere gehalten werden. Dort hat man sich bereits vorher angemeldet und kann die Ratte in einer vorbereiteten Transportbox abholen. Die Ratte ist in ihrer neuen Umgebung natürlich meistens nervös, weswegen ich sie dann immer erst einmal in die Hand genommen und beruhigt habe. Es ist nämlich Pflicht, dem Tier den Versuch so stress- und schmerzfrei wie möglich zu gestalten. Danach habe ich sie betäubt und der Versuch hat begonnen. 



Und worin bestand der Versuch?


Die Frage war – mal ganz vereinfacht gesprochen – wie sich Gehirnzellen untereinander abstimmen, welche Signale sie austauschen, wie sie „miteinander sprechen“. In dem konkreten Tierversuch ging es um die Wahrnehmung von Geräuschen. Es gibt dabei die Möglichkeit, Stoffe ins Gehirn einzubringen, die dann je nach Aktivität im Gehirn unterschiedlich stark leuchten. Um das zu beobachten, musste ich mit dem Mikroskop ins Gehirn blicken können, weswegen ich der Ratte ein etwa ein Millimeter breites Loch in den Schädel gebohrt habe. Die Öffnung habe ich dann mit durchsichtigem Kunststoff abgedeckt, damit das Gehirn keinen Schaden nimmt. Während all dem blieb die Ratte unter Narkose, sie hat also nichts mitbekommen und keinen Schmerz empfunden. Am Ende des Versuchs musste ich sie aber töten.


Warum?

Ich hatte ja trotz allem ihren Schädel beschädigt, konnte also nicht ausschließen, dass sie im Nachhinein Schmerzen oder Entzündungen haben könnte. Es wäre bei vielen Versuchen rein theoretisch möglich, den Tieren danach unter medizinischer Aufsicht eine Art „Gnadenhof“-Dasein zu ermöglichen, was ich gut fände. Aber für Ratten gibt es da keinerlei Konzepte oder Gelder. Die meisten Tiere werden nach dem Versuch getötet, weil das so vorgeschrieben ist.

Hat dich das Überwindung gekostet?

Absolut! Hat man erst mal mit dem Versuch begonnen, hat man ja eine eher kühle Sicht auf das Tier, wie ein Arzt bei einer OP. Aber nach dem ganzen technischen Vorgang hat man wieder das Lebewesen vor sich, das da quasi schlafend vor einem liegt. Und dem muss man dann eine Überdosis Betäubungsmittel geben. Das fällt sehr schwer und ist belastend. Ich würde fast sagen, dass Menschen, die Tierversuche durchführen, sich viel intensiver mit dem Leid von Tieren beschäftigen als ein Durchschnittsbürger. Wir haben ja ständig damit zu tun und stellen uns viele Fragen zum Umgang mit ihnen.

Mal abgesehen von ethischen Bedenken heißt es oft von der Tierversuch-Contra-Seite, dass diese nicht mehr zeitgemäß sind, da ihre Ergebnisse nicht auf den Menschen übertragen werden können. Was sagst du zu solchen Argumenten?


Das will ja auch keiner! Kein Wissenschaftler denkt, dass ein Mensch im Grunde nicht mehr ist als eine 70 Kilogramm schwere Ratte und sich alles einfach übertragen ließe. Aber wenn ich zum Beispiel im Gehirn einer Maus Zusammenhänge erkenne, ist die Wahrscheinlichkeit nicht ganz gering, dass da gewisse Dinge beim Menschen ähnlich laufen könnten. Diese Wahrscheinlichkeit hat der Forscher natürlich vorher schon berücksichtigt und abgeschätzt, das ist Teil seiner Arbeit. Es gibt gute Gründe, gegen Tierversuche zu sein, gerade auf der ethisch-moralischen Seite. Dieses vermeintlich sachliche Argument, dass Tierversuche nichts bringen, ist aber einfach objektiv abwegig. Ich könnte eine endlos lange Liste an medizinischen Fortschritten nennen, die zum Beispiel auf Versuche an Affen zurückgehen, zum Beispiel, dass hunderttausende Menschen viel weniger Parkinson-Symptome zeigen, weil sie einen Hirnschrittmacher im Kopf haben. 



Werden Tierversuche denn auf lange Sicht ersetzbar durch andere Methoden?


Es gibt Forscher in anderen Bereichen, die sich dafür einsetzen. Ein mir bekannter Chirurg zum Beispiel hat durchgesetzt, dass in großen Teilen der Ausbildung an seiner Klinik mittlerweile kaum noch Tiere als „Trainingsmaterial“ benutzt werden müssen. Das ist natürlich großartig. Wenn ich aber nun verstehen will, wie das Gehirn funktioniert, sind die Alternativen zum Tierversuch eben bisher nicht wirklich vorhanden. Man kann noch kein lebendiges Gehirn im Reagenzglas züchten. Tierversuche, für die es geeignete Ersatzverfahren gibt, dürfen ja schon heute nicht länger durchgeführt werden. Und das will dann auch niemand. Ich bezweifle aber, dass sich in naher Zukunft alle wissenschaftlichen Fragen auch ohne Tierversuche lösen lassen werden. Die Fragen werden nämlich nicht weniger, sondern mehr. Und da müssen wir uns als Gesellschaft fragen: Wollen wir diese und jene Forschungsfrage mithilfe von Tierversuchen beantworten, oder verzichten wir darauf? Wollen wir uns, zum Beispiel, bei möglicherweise krebserregenden Stoffen ein gewisses Restrisiko leisten? Das ist aber keine wissenschaftliche, sondern eine gesellschaftliche Frage. Und über die müssen wir streiten.

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