„Es gibt keinen Orden dafür, besonders gut zu trauern“

Als der Vater einer Freundin starb, schrieb unserer Autorin ihr den Brief, den sie gerne bekommen hätte, als ihr eigener Vater starb.
Von Anonym*

Illustration: Julia Schubert

Liebe K.,

ich habe lange überlegt, ob ich dir diesen Brief schreibe, aber ich hätte mir damals, als mein Vater gestorben ist, gewünscht, dass mir jemand so etwas schreibt. Vielleicht kannst du damit gerade überhaupt nichts anfangen, jeder trauert anders, aber ich will dir einfach nur irgendwie helfen.

Nachdem mein Vater gestorben ist, habe ich mir so sehr eine Art Handlungsanweisung gewünscht. So etwas wie „befolge diese drei einfachen Schritte und dann wird alles wieder gut“. Oder dass jemand vorbeikommt und sagt, „Das tut mir wirklich sehr leid, aber mach dir keine Sorgen, ich habe einen Plan, wie wir das alles wieder hinbekommen!“

Die unschöne Nachricht zuerst: Du wirst es nie alles wieder hinbekommen. Es wird niemals einfach „wieder gut“ sein und wer immer dir das erzählt, lügt. Es wird nur weniger schlimm werden – das ist alles.

Das ist nichts, was man in deiner Situation jetzt hören möchte. Weil man sich so sehr wünscht, dass einfach alles wieder gut wird. Dass er nicht tot ist, sondern einfach nur für eine Weile weg, aber jeden Moment wieder zur Tür hereinkommen kann. Und trotzdem schreibe ich dir jetzt – ohne, dass ich eine „Lösung“ hätte. Alles was ich tun kann, ist dir zu erzählen, was mir damals geholfen hat. Vielleicht ist etwas dabei, was auch dir hilft. Und wenn nichts dabei ist, ist das auch gut, weil dann hast du schon mal einige Optionen aussortiert.

Für mich war es wichtig, darüber zu reden. Über alles. Darüber, wie scheiße weh es tut, weil man noch so viel gemeinsam tun und erleben wollte und das jetzt einfach nicht mehr geht. Wie unfair das Ganze ist, weil man dachte, dass man noch mindestens 15 Jahre Zeit hat, bevor man sich mit all dem auseinandersetzen muss. Wie nervig es ist, weil man jetzt alles, was man so geplant und sich überlegt hat für das eigene Leben nochmal wieder neu sortieren muss. Und wie beschädigt man für alle anderen ist, weil man jetzt „die mit dem toten Vater“ ist.

Ich glaube, es ist sehr wichtig für dich zu wissen, dass es okay ist, wenn es nicht okay ist. Machen wir uns nichts vor: Menschen werden auf dich gucken, was du machst und wie du mit dem Verlust umgehst. In den meisten Fällen machen sie das, weil du ihnen wichtig bist und sich sorgen. Aber du musst deswegen nicht irgendwie anders verhalten, um die anderen nicht zu beunruhigen. Es gibt keinen Orden dafür, besonders gut zu trauern – oder besonders wenig anstrengend zu sein. Niemand wird dir applaudieren, wenn du nur ein Mal pro Woche weinst, anstatt alle fünf Minuten. Es wird Menschen geben, die zu dir sagen, „Du bist so stark!“, und sie meinen es als Kompliment. Das ist sehr nett, aber tatsächlich ist es nichts wert. Es wird am Ende niemand kommen, dir auf die Schulter klopfen und sagen: „Weil du so tapfer warst, bekommst du deinen Vater jetzt zurück.“ Wird nicht passieren.

Du musst nicht hoffen, dass alle vergessen, dass es überhaupt passiert ist und dich so niemand mehr darauf anspricht

Sei traurig, sei anstrengend, sei genau das, was sich für dich richtig anfühlt. Es wird auch Menschen geben, die das nicht verstehen oder die nicht damit umgehen können. Du kannst versuchen, das nachzuvollziehen, weil auch für sie ist die Situation nicht leicht. Aber verlier dich selbst nicht aus den Augen. Es kann passieren, dass du für eine kurze Weile ein paar Menschen aus deinem Leben aussortieren musst und auch das ist okay.

Nimm dir die Zeit, die du brauchst. Du musst nicht so schnell wie möglich in dein „altes“ Leben zurück und so tun, als wäre nichts gewesen und sein Tod nur eine kleine Randnotiz. Du musst nicht hoffen, dass alle vergessen, dass es überhaupt passiert ist und dich so niemand mehr darauf anspricht. Und was das Ansprechen angeht: Sehr viele Menschen werden nicht so recht wissen, wie sie mit dir reden sollen. Aber glaub mir, es ist leichter zu versuchen, ihnen die Angst zu nehmen, als jedes Mal wieder ihre Unsicherheit aushalten zu müssen. Es gibt kaum etwas Schlimmeres als zu wissen, dass die Person dir gegenüber an deinen Schmerz denkt, gleichzeitig aber krampfhaft versucht, ihn auf gar keinen Fall anzusprechen. Auch nicht aus Versehen, weil sie Angst hat, dir wehzutun. Meistens klappt das eh nicht, weil der Tod deines Vaters jetzt einfach ein Teil von dir ist. Deswegen sag ihnen, dass sie dich ruhig darauf ansprechen sollen. Wenn du dann drüber sprechen willst, kannst du es tun und wenn nicht, dann nicht.

Manchmal ist es schwer, mit den Menschen um dich herum über alles, worüber du nachdenkst, zu sprechen. Weil es zu persönlich ist oder weil dir die Gedanken vielleicht auch Angst machen. Dafür gibt es Therapeutinnen und Therapeuten. Manchmal hilft es auch, das, was gerade passiert, zu verstehen. Es gibt viele Internetseiten, auf denen über Trauer und Trauerbewältigung gesprochen und geschrieben wird. Dort wird erklärt, was Trauer ist, wofür sie wichtig ist oder in welchen verschiedenen Phasen sie abläuft. Natürlich kann dich das auch verrückt machen oder verunsichern, weil jeder Mensch trauert anders und vielleicht stellst du auch fest, dass dir das alles so gar nicht hilft. Ich glaube nur, dass es sehr wichtig ist, Trauer und Traurigkeit ernst zu nehmen.

Du schaffst das!

*Die Autorin ist der Redaktion bekannt, will hier aber nicht namentlich genannt werden. 

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