Hört auf, die Corona-Krise zum Generationenkonflikt zu machen!

Junge Leute würden Corona bald munter weiterverbreiten, so der Vorwurf eines SPD-Politikers. Das ist nicht nur unfair, sondern auch gefährlich.
Kommentar von Felix Haselsteiner
corona generationenkonflikt cover

Foto: Gift Habeshaw / Craig Whitehead / Unsplash / Bearbeitung: jetzt

Eigentlich wollte sich der Gesundheitspolitiker Dr. Karl Lauterbach (SPD) ja nur zum Fußball in Zeiten des Coronavirus äußern. „Wenn jetzt noch die Bundesliga startet“, schrieb er bei Twitter, „denken junge Leute: das liegt hinter uns.“ Nun, über die Sinnhaftigkeit des Neustarts der Fußballliga im Mai kann man diskutieren – nicht aber darüber, an wen Lauterbach seine Kritik richtet.

Karl Lauterbach trägt zu dem gefährlichen Narrativ bei, „junge Leute“ seien eine Gefahr für den Rest der Gesellschaft

Die „jungen Leute“, würden also beim Start der Bundesliga denken, die Corona-Krise läge hinter ihnen? Würden sich dann zum gemeinsamen Schauen treffen, damit gegen die geltenden Bestimmungen verstoßen und einfach so weitermachen, als wäre seit Februar nichts passiert. Ein heftiger Vorwurf, den wir jungen Leute uns seit Wochen gefallen lassen müssen und der so nicht tragbar ist.

Mit seinen Äußerungen trägt Karl Lauterbach zu dem gefährlichen und spaltenden Narrativ bei, dass die Gruppe der sogenannten „jungen Leute“ eine Gefahr für den Rest der Gesellschaft sei. Die Wahrheit ist jedoch eine andere. Die jungen Leute sind sich ihrer Rolle als mögliche Überträger*innen des Virus bewusst und verzichten derzeit auf vieles, was ihnen als freie Bürgerinnen und Bürger eines Landes eigentlich zusteht und was sie besonders schätzen. Wer jetzt primär an Kneipenbesuche, Clubs und Dating denkt, denkt zu kurz.

Ob Bildung möglich ist, steht und fällt im Moment mit einer stabilen Internetverbindung

Wir jungen Menschen verzichten derzeit auf eine Ausbildung, die in der digitalen Welt längst nicht auf dem Niveau stattfinden kann wie an den Schulen und Universitäten im Land. Ob Bildung möglich ist, steht und fällt im Moment mit einer stabilen Internetverbindung und der Entscheidungsfähigkeit der Kultusministerien. Wir verzichten auch auf Praktika und berufliche Einstiegsmöglichkeiten, die Basis für unsere wirtschaftliche Unabhängigkeit sein sollen.

Junge Menschen verzichten darauf, sich Gehör zu verschaffen. Bis vor etwa zwei Monaten fanden sich jeden Freitag Hunderttausende genau dieser jetzt kritisch beäugten jungen Menschen auf den Straßen zusammen, um für den Klimaschutz zu protestieren. Damals wurden sie für ihr Engagement gelobt. Auch dieser Protest hat sich in die Internetwelt verlagert, wo ihn die Politik noch leichter ignorieren kann als ohnehin schon.

Junge Menschen werden zudem die langfristigen wirtschaftlichen und freiheitsrechtlichen Folgen dieser Krise am stärksten zu spüren bekommen. Wer in einer Welt ohne Grenzen aufgewachsen ist, fühlt sich in diesen Zeiten eingesperrt, in denen EU-Länder sich untereinander an der Anzahl der beschafften Masken messen, Grenzen schließen und Einwanderungsstopps verhängen. Die Einschränkung der Freiheit trifft auch uns, die nie ohne sie gelebt hat.

Junge Menschen sind dennoch solidarisch mit denen, die das Virus gesundheitlich hart trifft. Mit einer Gruppe übrigens, mit der sie bis vor Kurzem noch einen sehr ernsthaften politischen Diskurs geführt hat, in dem es um Klimaschutzmaßnahmen ging und um zukunfts- statt rückwärtsgewandte Politik. Das alles spielt nun, zurecht, kaum noch eine Rolle. Ältere müssen  den jüngeren Menschen dafür auch nicht dankbar sein – solidarisches Verhalten sollte in unserer Gesellschaft die Norm sein, nicht Grund für Lob.

Vorgreifende Kritik an der Sorglosigkeit der jungen Leute ist jedoch komplett fehl am Platz. Es sollte vielmehr allen Beteiligten, allen voran Politikern wie Karl Lauterbach, bewusst sein, dass diese Krise auch junge Menschen hart trifft. Dass uns aber bewusst ist, wie lang die Folgen dieser Krise zu spüren sein werden und wir uns dementsprechend verhalten müssen. Und dass man seine Worte vorsichtig wählen sollte, um aus der Corona-Krise nicht auch noch einen Generationenkonflikt zu machen.

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