Vermutlich wird Caren Miosga heute Abend gute Einschaltquoten haben. Ihre neue Sendung „Caren Miosga interviewt“ ist zwar bereits vergangene Woche gestartet (mit Ursula von der Leyen und Ingo Appelt als Gäste), aber das heute Abend ausgestrahlte Interview mit Barbara Hendricks sorgt jetzt schon für Schlagzeilen.

Moment, Barbara Hendricks? Ist das nicht die, ähm… genau, die Bundesumweltministerin. Die Schlagzeilen macht das Interview allerdings nicht, wie man denken könnte, weil Hendricks den Masterplan zur Rettung des Klimas vorstellen wird oder ein supertolles, für alle Menschen finanzierbares Elektroauto. Nein. Die krasse Neuigkeit, die derzeit durch alle großen Nachrichtenseiten gereicht wird, ist, dass Barbara Hendricks ein Mensch ist und möchte, dass sie die gleichen Rechte hat, wie andere Menschen auch.

Bitte was?

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks
dpa

In dem vorab aufgezeichneten Interview spricht sich Barbara Hendricks für die Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare aus. Und das ist auch schon die Schlagzeile, die Spiegel Online, FAZ und Tagesspiegel gerade verbreiten. Weil das tatsächlich nicht selbstverständlich ist – in Deutschland, einer der weltweit führenden Industrienationen, im Jahr 2016. Das ist traurig und peinlich zugleich.

 

Wer die Diskussion nicht aktiv verfolgt: In Deutschland dürfen sich Homosexuelle zwar zivilrechtlich miteinander verpartnern, der Begriff „Ehe“ ist allerdings allein heterosexuellen Paaren vorbehalten. Auch dürfen gleichgeschlechtliche Partner hier nicht gemeinsam ein Kind adoptieren.

 

Je nach Schätzung werden fünf bis zehn Prozent der deutschen Bevölkerung diskriminiert, weil die Kanzlerin sich mit einer anderen Regelung nicht gut fühlt

 

Viele Menschen empfinden, zu Recht, die eingetragene Lebenspartnerschaft wegen dieser Einschränkungen als „Ehe zweiter Klasse“. Als habe man mit Homosexuellen, trotz all der guten Vorbilder und der Erkenntnis, dass die keine kleinen Kinder essen, am Ende des Tages doch ein Problem. Und tatsächlich haben CDU und CSU damit eines, auch wenn sie das argumentativ nicht so darstellen können. Kanzlerin Angela Merkel sagte zumindest 2013 den denkwürdigen Satz "Ich sage Ihnen ganz ehrlich, dass ich mich schwertue mit der kompletten Gleichstellung (...) Ich bin unsicher, was das Kindeswohl anbelangt" und ignorierte damit zahlreiche Studien, die besagen, dass Kindern völlig wurscht ist, ob sie jetzt zwei Väter, Mütter oder sonstwas haben. Insofern die Eltern gut zusammenarbeiten, ist alles fein. Zusammengefasst kann man also sagen, dass, je nach Schätzung, fünf bis zehn Prozent der deutschen Bevölkerung diskriminiert werden, weil die Kanzlerin sich mit einer anderen Regelung nicht gut fühlt. Ach ja, und wegen der christlichen Werte in Deutschland, die an dieser Stelle auch immer gerne angeführt werden.

 

Umweltministerin Barbara Hendricks, und das muss man wohl leider 2016 in Deutschland immer noch gesondert erwähnen, ist Teil dieser fünf bis zehn Prozent. Sie hat seit 20 Jahren eine Lebensgefährtin und mit dieser auch eine eingetragene Lebenspartnerschaft. Aber eben keine Ehe. Verständlich also, dass Hendricks in dem Interview mit Caren Miosga auf die Frage nach dem „Warum darf das nicht Ehe heißen?“ sagt: "Das ist in der Tat eine Frage, die wir jetzt bald mal klären müssen“. Und dass die Lebenspartnerschaft zwar schon mal eine gute Sache sei, allerdings nicht „die Vollendung dessen, was notwendig ist“. Sie fordert hingegen eine „echte Gleichstellung, so wie es das Grundgesetz vorsieht".

 

Das Argument mit der „christlichen Tradition“ ist in der Zwischenzeit  angeschimmelt

 

Womit man wieder bei der Schlagzeile „Barbara Hendricks will Ehe für homosexuelle Paare öffnen“ wären. Das ist tatsächlich immer noch eine Meldung, weil sich halt auch sonst niemand ernsthaft für das Thema einsetzt. Also klar, Sigmar Gabriel findet die Ehe für Homosexuelle auch prima, die SPD ja sowieso. Aber als kleiner Koalitionspartner kann man sich so schlecht gegen die CDU durchsetzen und sich deshalb richtig doll streiten will ja auch niemand. Also bleibt alles, wie es ist – mit dem interessanten Effekt, dass die anderen Länder an uns vorbeiziehen.

 

Irland hat uns bereits vergangenes Jahr mit seinem Ja zur gleichgeschlechtlichen Ehe überholt, gestern kam die Meldung, dass auch Mexiko eine entsprechende Verfassungsänderung anstrebt. In Irland und Mexiko sind übrigens knapp 77 Prozent der Einwohner katholisch, in Deutschland knapp 30 Prozent. Das Argument mit der „christlichen Tradition“ ist also in der Zwischenzeit auch angeschimmelt.

 

Und wenn man jetzt noch nicht wütend genug ist: Barbara Hendricks äußert sich in dem Interview auch über die Zukunft der gleichgeschlechtlichen Ehe.  Dass das wohl innerhalb dieser Legislaturperiode nix mehr werde – wegen der CDU. Im aktuellen Deutschlandtrend hat die SPD übrigens ein historisches Tief von 20 Prozent erreicht, die nicht gerade als homosexuellenfreundlich bekannte AfD holt mit mittlerweile 15 Prozent auf. Die CDU würde weiterhin regieren. Von der Vorstellung, dass nach der kommenden Bundestagswahl etwas besser wird, sollten wir uns also verabschieden. Außer natürlich, Angela Merkel ändert ihr Bauchgefühl.