Das GoT-Staffelfinale ist wie die Trennung von einem geliebten Menschen

Brutale Serie, brutaler Abschied.
Von Leonie Sanke

Wer hat mehr Überlebenschance: Daenerys oder Jon Snow?

Foto: AP

Meine Augen ruhen auf dem Laptop-Bildschirm, auf dem in weißer Schrift Namen aufgelistet werden. Im Hintergrund läuft noch die Filmmusik der letzten Szene der vorletzten Staffel von „Game of Thrones“. Als sie schließlich verklingt, lässt auch mein Herzklopfen langsam nach – bis die Sky-Werbung erscheint und ein grinsender Elyas M’Barek mich in absolute Fassungslosigkeit stürzt. Die Fassungslosigkeit, dass es jetzt vorbei ist. Die Welt von Westeros, in der ich mich gerade noch befunden habe, ist verschwunden. Die Realität hat mich zurück. Noch nie habe ich Elyas M’Barek so gehasst.

Vermutlich wird kein Abspann so oft bis zum Schluss gesehen wie der eines Staffelfinales. Und vermutlich stürzt uns, die Generation Netflix, kein First-World-Problem so regelmäßig in tiefste Verzweiflung wie das Ende unserer Lieblingsserie – auch wenn es nur vorläufig ist.

Ich hänge nicht an einer Klippe. Ich hänge an einer gigantischen Mauer aus Eis. Unter mir mehr als ein Jahr, in dem ich nicht erfahren werde, wie es mit den Bewohnern von Westeros weitergeht.

Es gibt Serien, die sieht man nur aus dem Grund zu Ende, aus dem man auch ein mäßiges Buch nicht nach der Hälfte weg legt. Das sind oberflächliche Serien-Freundschaften. Man will eigentlich nur den neuesten Gossip hören und sich nicht mit ernsthaften Gefühlen auseinandersetzen. Bei Serien wie „Game of Thrones“ ist das anders. Klar, auch hier treiben einen die Plot-Twists und Cliffhanger immer wieder vor den Bildschirm. Aber was „Game of Thrones“ eigentlich ausmacht und über das schwächelnde Drehbuch hinweg sehen lässt, sind die Charaktere. Ich habe mit Jon und Daenerys in den vergangenen Wochen mehr Zeit verbracht als mit so manchem meiner Freunde. Ich habe mit Jorah gelitten und mit Tyrion triumphiert. Selbst meine Verachtung für Cersei werde ich vermissen.

Das Gefühl am Ende einer Staffel hat ein bisschen was von einer Fernbeziehung. Je näher der Abschied rückt, desto mehr schmerzt der Gedanke daran, dass bald eine Zeit der Abstinenz droht. Desto mehr Wert gewinnt das bisschen Zeit, das man noch miteinander verbringt. Die letzte Folge einer Staffel ist wie das Zum-Bahnhof-Bringen des Partners. Man will es möglichst lange hinauszögern. Man blickt innerlich verzweifelt auf die Uhr, um zu checken, wie viel Zeit noch bleibt, bis der Zug losfährt, beziehungsweise der Abspann die gemeinsame Zeit abrupt abreißt.

Nur ist der Serienabschied noch brutaler: Denn bei einer Fernbeziehung kann man sich zum Abschied wenigstens nochmal küssen und umarmen. Bei einem Staffelfinale gibt es zum Schluss nochmal maximale Spannung, maximale Gefühle, maximale Action. Es ist, als würde der Fernbeziehungspartner auf dem Gleis noch eine dramatische Streitszene mit abschließendem leidenschaftlichen Versöhnungssex inszenieren – und dann aber kurz vor Schluss einfach in den Zug springen.

Und jetzt? Was tun gegen den Serien-Liebeskummer? Kann es etwas anderes geben, das den Montag so zuverlässig zu einem erstrebenswerten Tag macht? Irgendetwas, das diesem Tag Sinn verleiht?

Während ich die erste von vielen Fan-Theorien lese, die beste Ersatzdroge, die ich kenne, wird mir bewusst, dass das Staffelfinale doch etwas Gutes hat: Kein Spoiler der Welt kann mir jetzt noch etwas anhaben. Ich bin unverwundbarer als ein White Walker und bald allwissender als Bran. Der anstrengende Kampf für meine Ahnungslosigkeit, den ich in den vergangenen Wochen Tag für Tag führen musste, ist vorbei. Ich kann befreit durchs Internet surfen, ohne hinter jeder Ecke Spoiler zu vermuten.

 

Zum Glück hat eine gute Serie auch etwas von einer guten Freundschaft: Sie hält es auch aus, wenn man sich mal lange Zeit nicht sieht. In der Zwischenzeit werde ich mich einem anderen guten Freund zuwenden: Auf Netflix laufen schon bald die neuen Staffeln von „Narcos“ und „Stranger Things“ an. Und reale Freunde habe ich ja auch noch.

 

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