Wieso der Rassismus in Hollywood wirtschaftlich Sinn macht

Und warum er unbedingt ein Ende finden muss.
Von Niko Kappel

Die Besetzung von Kelly Marie Tran in Star Wars sollte ein Zeichen für mehr Diversität in Hollywood setzen.

Fotos: ap, dpa

Asiatische Rollen in Hollywood-Filmen sind voll von Stereotypen. Klar, es gibt starke asiatische Rollen, zum Beispiel eine Lucy Liu in „Drei Engel für Charlie“ oder eine Chiaki Kuriyama in „Kill Bill“. Meistens sehen wir aber eher jemanden wie Ken Jeong in „Hangover“, Harold Lee in „Harold und Kumar“ oder Tobit Raphael im Google-Film „practi.com“. Asiaten sind in Hollywood meistens Sonderlinge, Kriminelle oder Nerds.

Die Produzenten von Star Wars gingen Ende 2017 einen anderen Weg. Kelly Marie Tran, eine US-amerikanische Schauspielerin vietnamesischer Abstammung, spielt im achten Teil der Science-Fiction Reihe Rose Tico. Rose ist „typisch asiatisch“, zumindest am Anfang. Sie arbeitet als Technikerin auf einem Raumschiff, ist nerdig, schüchtern und wenig feminin. Allerdings wird sie im Laufe der Geschichte mutiger. Sie versucht schließlich, mit dem männlichen Hauptcharakter Finn das Raumschiff des Feindes zu zerstören. In der finalen Schlacht am Ende des Films rettet sie Finn vor dem sicheren Tod.

Nachdem der Film in die Kinos kam, wurde die Instagram-Seite von Kelly Marie Tran mit rassistischen und sexistischen Kommentaren überflutet. Tenor: Was hat eine asiatische Frau in dieser Heldenrolle in so einem Film zu suchen?

Das ging so lange weiter, bis Tran vor zwei Wochen alle ihre Instagram-Bilder löschte und sich aus der Öffentlichkeit zurückzog. Ein Teil des Shitstorms war die Änderung einen Eintrags der Schauspielerin im Star Wars Fanlexikon „Wookipedia“. Ihr Name wurde dort in „Ching Chong Wing Tong" geändert, in die Charakterbeschreibung schrieben die Trolle „Hitler and I don’t know why I was fastet in a good movie like Star Wars.“ Die Betreiber der Seite löschten den Eintrag und erklärten, dass Rassismus auf ihrer Plattform nichts zu suchen habe.

Letzte Woche bekannte sich eine Facebook-Gruppe mit dem Namen „Down With Disney’s Treatment of Franchises and its Fanboys“ zu dem organisierten Shitstorm gegen die Schauspielerin.

Screenshot: Facebook

Die Internettrolle von „Down With Disney’s Treatment of Franchises and its Fanboys“ werfen Kathleen Kennedy, der Produzentin von Star Wars vor, dass sie mit ihrer Besetzung der Filme den „straight white male hero" zerstören würde. Die Gruppe ruft außerdem zum „Krieg gegen Kathleen Kennedy und ihre feministischen Soldaten“ auf. Das alles hat für sie einen Sinn: Zurück zu Filmen mit Helden, die weiß, hetero und männlich sind.

 

Asiatische Rollen werden von Hollywood seit Jahrzehnten "weißgewaschen"

Wenn Asiaten in Hollywood-Filmen auftauchten, strotzten sie oft nur so vor Klischees. Ein bekanntes Beispiel ist der Klassiker „Breakfast at Tiffany’s“ mit Audrey Hepburn. Die Rolle des „Mr. Yunioshi“ ist voll von rassistischen Klischees: Der nervige, vertrottelte, fotografierende, japanische Nachbar mit schlechtem Akzent. Mr. Yunioshi wird allerdings gar nicht von einem Japaner gespielt: Der inzwischen verstorbene Schauspieler Mickey Rooney war ein weißer Amerikaner.

Dieses Phänomen nennt sich Whitewashing. Asiatische Rollen werden mit weißen Schauspielern besetzt, um beim Publikum besser anzukommen. Ein aktuelleres Beispiel: Für ein„Hellboy“-Remake wurde im August 2017 der weiße Darsteller Ed Skrein verpflichtet. Die Rolle: Ben Diamio, ein japanischer Ex-Marine. Wenn man sich die Comicbücher, die als Vorlage für den Film dienen anschaut, fällt es schwer nachzuvollziehen, wie man diesen Charakter mit einem Weißen besetzen konnte.

Nachdem im Internet der Vorwurf des Whitewashings immer lauter wurde, verkündigte Skrein auf Twitter, dass er die Rolle doch nicht annehmen werde. Sie solle ethnisch korrekt besetzt werden, er habe nicht gewusst, dass es sich hier um die Rolle eines asiatischen Charakters handle. Ben Diamio wurde schließlich mit Daniel Dae Kim besetzt, der in Südkorea geboren wurde.

Ed Skrein und Ben Diamio

Screenshot: deadline.com

Weniger einsichtig war Scarlett Johansson. Auch ihre Besetzung als Hauptdarstellerin im Film „Ghost in the Shell“ wurde heftig als Whitewashing kritisiert. Die Rolle: Motoko Kusanagi, eine japanische Kämpferin. Der Film basiert auf einer japanische Anime-Serie. Scarlett Johansson äußerte sich zu den Vorwürfen: “I certainly would never presume to play another race of a person.“ – und spielte die Rolle trotzdem.

Nhi Le, eine vietnamesisch-deutsche Bloggerin, die sich viel mit Whitewashing beschäftigt, findet, dass der Film „Ghost in a Shell“ eine Chance gewesen wäre: „Viele asiatische Frauen hätten sich eine starke asiatische Rolle gewünscht. Die Caster dachten aber einfach, dass ein Film mit Scarlett Johannson besser läuft als mit jeder Asiatin.“

Nhi sagt, dass Whitewashing eigentlich immer aus zwei Komponenten besteht. Die erste ist klar rassistisch motiviert: „Manche Menschen wollen einfach keine Asiatin in so einer Rolle.“ Die zweite Komponente ist, wie so oft, das Geld: „Durch bekannte Gesichter lockt man mehr Zuschauer ins Kino. Mit divers besetzten Rollen geht man in Hollywood ein finanzielles Risiko ein.“

Das denken Produktionsfirmen seit Jahrzehnten, sagt auch Medienwissenschaftler Gerd Hallenberger. „Kein Amerikaner will Schauspieler sehen, die er nicht kennt. Deshalb drehen Produktionsfirmen in Hollywood auch immer ausländische Filme nach, die in Amerika auf den Markt kommen.“ Wie zum Beispiel der deutsche Til-Schweiger-Film „Honig im Kopf“, der grade mit amerikanischen Darstellern nachgedreht wird.

Hollywood will verkaufen, aber Fremdes verkauft sich in Amerika nicht

„Asiaten galten in Amerika lange als fremd“, sagt Gerd Hallenberger. „Mit ihnen assoziierte man Adjektive wie mystisch, exotisch, komisch und gefährlich.“ Das kommt unter anderem aus dem zweiten Weltkrieg, meint Prof. Hallenberger. „Während des Krieges gegen Deutschland und Japan wurden Japaner in Amerika als Feinde im eigenen Land angesehen und massiv ausgegrenzt.“ Die amerikanische Regierung verfrachteten hunderttausend japanischstämmige Staatsbürger in Lager und überwachte sie dort, um Spionage zu verhindern.

Es folgten Fernseh- und Kinorollen wie die des Mr. Yunioshi in „Breakfast at Tiffanys“, die das Bild des „yellow-faced weirdo“ weiter prägten. Vor allem für asiatische Frauen bildeten sich über die Jahre bestimmte Rollenbilder. Nhi zählt drei davon auf: „Es gibt die ‚Dragon-Lady‘, die Kampfsport kann. Die ‚Lotusblume‘, die sehr zerbrechlich ist und unselbständig. Und die ‚Tiger-Mum', die sehr ehrgeizig und streng sind.“ Wenn man darüber nachdenkt, fallen einem wenige asiatische Rollen ein, die nicht in diese drei Schemata passen, oder?

Auch in Deutschland tut man sich mit Asiaten in Heldenrollen schwer. „Das sollte man aber nicht mit Hollywood vergleichen“, meint Nhi. Die Schauspiellandschaft sei hier nicht so divers wie in Amerika. Trotzdem werden auch in Deutschland die Klischees bedient. Ein Beispiel: Die Viet-Deutsche Mai Duong Kieu spielte in der ZDF-Serie „Bad Banks“ eine Hauptrolle: Investmentbankerin Thao Hoang, ergeizig und Kampfsportlerin. Das ist kein Whitewashing, aber trotzdem ein Spiel mit Klischees der „Dragon Lady“.

Die Besetzung von Kelly Marie Tran war eine Chance

Zurück zu Kelly Marie Tran. Bei ihrem Fall müsse man das Publikum von Star Wars genauer betrachten, meint Gerd Hallenberger. „Das Star Wars Publikum ist ziemlich konservativ. Das liegt zum einen daran, dass die Fans, die den ersten Film mit zehn Jahren gesehen haben, heute über 50 sind.“

Zum anderen enthält Star Wars viele Elemente aus Märchen. Da wäre Prinzessin Leia, die gerettet werden muss, Darth Vader, der böse Vater, oder Han Solo und Chewbacca, die treuen Gefährten. „Das sind alles Elemente, die extrem konservatives Publikum anziehen“, sagt Gerd Hallenberger.

Auch Nhi meint, dass der Hate-Speech gegen Kelly Marie Tran speziell ist, weil es sich um die gezielte Aktion einer Gruppierung handelte. „Das sind Nerds, die sich in ihrer Welt angegriffen fühlen. Sie wollen keine Veränderungen in Star Wars.“ Kelly Marie Tran erfüllt für die Hater gleich zwei Feindbilder: „Sie hat nicht nur Rassismus abbekommen, sondern auch Sexismus,“ sagt Nhi.

Was an dem ganzen Fall so traurig ist? Die Geschichte von Kelly Marie Tran bestätigt die Filmindustrie und das jahrzehntelange Whitewashing von asiatischen Charakteren. Das Mobbing gegen sie erweckt den Eindruck, dass das Publikum wirklich keine Asiatinnen in Hauptrollen sehen will. Hollywood will Filme verkaufen. Und wenn das Publikum eine Schauspielerin nicht akzeptiert, dann verkauft sich der Film schlecht.

„Die Leute, die Filme besetzen, haben ihre Vorstellung davon, was das Publikum sehen will“, sagt Gerd Hallenberger. Das Produktionsteam von Star Wars hat sich über diese Vorstellung hinweggesetzt. Jetzt wäre das Publikum dran gewesen, indem es eine asiatische Star Wars-Hauptdarstellerin akzeptiert hätte. Das ist nicht leider passiert. Wegen ein paar Menschen, die ihren Hass im Internet gestreut haben.

 

Was noch so in Hollywood falsch läuft:

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