Deutsches Fernsehen ist zu hetero

Aber wie könnte man das ändern?
Von Katja Lewina

Bildrechte: complize / photocase; Illustration: Federico Delfrati

Auf dem Dorf zu leben, ist für junge Menschen meist eh schon das Letzte. Aber Teenager, die merken, dass sie irgendwie anders gepolt sind, sind ganz besonders angeschmiert. Denn schwul, lesbisch, trans und all die anderen Spielarten von sexueller Orientierung jenseits vom binären „Mann plus Frau“ sind dort so gut wie nicht sichtbar. Dummerweise hilft einem auf der Suche nach seiner eigenen Identität dann nichtmal das Fenster in die große weite Welt aka die deutsche Medienlandschaft, denn die hat mit dem Dorf vor allem eins gemein: Sie ist absolut hetero.

Jenny Renner, 35, hat genau das erlebt. In einem kleinen Ort in Thüringen aufgewachsen, hat sie erst nach einigem Zögern mit zwanzig als Lesbe geoutet. Ihre Geschichte erzählt Jenny bei einem Live-Talk der #darüberreden-Kampagne der Antidiskriminierungsstelle des Bundes: „Es hat lange gedauert, bis ich begriffen habe, dass das okay ist, dass ich kein Alien bin, nur, weil ich Frauen toll finde.“ Sie ist sich sicher: Ihre Sexualität und damit sich selbst hätte sie schon viel früher als normal empfinden können, hätte es in den Medien Role Models gegeben, an denen sie sich hätte orientieren können.

„Wenn es da zum Beispiel zwei Lesben gibt, dann geht es nur ums Kinderkriegen, als ob Frauen nichts anderes wollen könnten“

Inzwischen ist Jenny nicht nur im Vorstand des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD) Thüringen, sondern steht auch als LGBTIQ-Vertreterin im ZDF-Fernsehrat für die Interessen aller Menschen, die sich selbst als lesbisch, schwul, bisexuell, transgender, transsexuell, intersexuell oder in sonstigem Rahmen als queer bezeichnen. Als eins von 60 Ratsmitgliedern, die die Allgemeinheit gegenüber dem ZDF vertreten, berät sie den Sender zur Abbildung von sexueller Diversität — denn gesellschaftlicher Vielfalt hat sich das ZDF genau wie alle anderen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender mit dem Rundfunkstaatsvertrag verpflichtet.

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Tatsächlich aber wird die Lebensrealität der 7,4 Prozent LGBTIQ Menschen, die in Deutschland leben, im Fernsehen so gut wie gar nicht dargestellt. Zu diesem Ergebnis kommt auch die von Maria Furtwänglers MaLisaStiftung initiierte Studie „Audiovisuelle Diversität? Geschlechterdarstellungen in Film und Fernsehen in Deutschland” der Universität Rostock aus dem Jahr 2017. Hier wurde vor allem das mediale Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen erforscht. Die Analyse von 3.500 Stunden privaten und öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramms aus dem Jahr 2016 sowie von über 800 deutschsprachigen Kinofilmen ergab aber auch: 60 Prozent der Protagonisten sind heterosexuell, bei 40 Prozent ist die Sexualität nicht eindeutig erkennbar bzw. wird gar nicht erst thematisiert. Offene Homo- oder Bisexualität kommt nur sehr vereinzelt (und im Untersuchungszeitraum gar nicht) vor. „Und wenn es so etwas im Fernsehen mal gibt, dann zu Unzeiten, also mitten in der Nacht. Oft werden dann aber auch nur Klischees wiedergegeben. Wenn es da zum Beispiel zwei Lesben gibt, dann geht es nur ums Kinderkriegen, als ob Frauen nichts anderes wollen könnten“, kritisiert Jenny. Funk, das junge Online-Angebot von ARD und ZDF, nimmt sie aber ausdrücklich von ihrer Kritik aus. „Die machen das schon sehr gut“, findet sie.

Für Funk arbeitet auch Tarik Tesfu, 33. Als Host der Sendung Jäger und Sammler widmet er sich vor allem Themen rund um Gender und Rassismus — Probleme, die ihn auch selbst betreffen, denn er ist schwarz und schwul. Er sagt: „Es ist wichtig, dass die Mehrheitsgesellschaft sensibilisiert wird für diese Themen, zum Beispiel über solche Kampagnen wie die von #darüberreden. Es ist wichtig, dass zugehört wird, dass Menschen darin bestärkt werden, über ihre Erfahrungen zu reden — und zwar ohne gleich verurteilt zu werden.“ Aber das sei nur die halbe Miete. Ebenso wichtig seien die richtigen Vorbilder: „Ich hatte niemanden, bei dem ich gesagt hätte: Wow, das ist eine Person, die mich empowert, weil ich schwarz bin oder weil ich schwul bin. Und genau deswegen brauchen wir neue Medienbilder, diversere Moderator*innen, Besetzungen in Serien und so weiter.“ Tarik ist überzeugt davon, dass sich die öffentlich-rechtlichen Sender, so wie sie jetzt Geschlechter und sexuelle Orientierungen zeigen, sich selbst schaden — denn gesellschaftlich seien wir schon viel weiter. Netflix und Funk zum Beispiel schafften es ja auch, diese Wirklichkeit abzubilden. Überhaupt gehe es nicht nur um sexuelle Diversität, das ist Tarik und Jenny wichtig, sondern um Entdiskriminierung in jeglicher Hinsicht. Dicke Menschen zum Beispiel, People of Color oder Personen mit Behinderung sind medial genau so unterrepräsentiert wie sexuelle Minderheiten — und das muss sich ändern.

Dafür braucht es auch nicht unbedingt eigene Fernsehsendungen oder Magazine (auch wenn die super sind!), sondern einfach nur: Normalität. Zum Beispiel, indem Familien nicht mehr nur als Vater-Mutter-Kind-Einheit dargestellt werden. Oder Liebespaare nicht automatisch nur Mann und Frau sind. Wenn Protagonistinnen und Protagonisten auch mal einen Trans-Hintergrund haben oder polyamor leben können, ohne, dass das groß zum Thema gemacht wird. Und damit diese Dinge irgendwann für uns alle ganz selbstverständlich werden, brauchen Verlage und Sendeanstalten Diversity-Konzepte. „Gleichzeitig müssen in deren Redaktionskonferenzen Menschen sitzen, die das auch persönlich betrifft“, sagt Jenny. „Denn die können Stereotype und Diskriminierungen im Zweifel auch eher entlarven.“

Dazu gehört zum Beispiel auch diskriminierungsfreie Sprache. „Wenn man sich feministisch positioniert, dann gehört Sprache automatisch mit dazu. Auch über Sprache wird ausgeschlossen, auch da werden wieder Machtmechanismen reproduziert“, findet Tarik. Gendern mit Unterstrich oder Sternchen bietet im Gegensatz zur durchgehend männlichen Form auch weiblichen, Trans- oder non-binären Personen die Möglichkeit, sich mitgemeint zu fühlen. „Sich für eine faire Welt einzusetzen, heißt auch, fair zu sprechen.“ Tarik benutzt diese Form in der gesprochenen Sprache, indem er an Stelle des Unterstrichs oder Sternchens eine kurze Pause lässt. Und er tut es auch in seinen Sendungen, wo das noch lange nicht Common Sense ist. „Als man mich zum ZDF holte, hat man sich aber nicht gewundert, dass ich das mache, weil alles andere ja auch nicht zu mir passen würde. Ich finde, man muss sich diesen Freiraum einfach nehmen, vielleicht auch gegen Widerstände, denn das inspiriert dann wiederum auch andere.“

 

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