Die Geschichte einer Frau, die sich unsterblich in ein Fahrgeschäft verliebt

Zoé Wittocks Film „Jumbo“ zeigt auf einfühlsame Weise, was Objektsexualität bedeutet.
Interview von Luis Nicolas Jachmann
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Foto: Mike Zenari

Zoé Wittock, 30, hat acht Jahre lang an ihrem ersten Spielfilm gearbeitet. Auf der Berlinale hat die junge belgische Regisseurin „Jumbo“ vorgestellt. Der Film erzählt die Geschichte einer Frau, die sich in ein Fahrgeschäft verliebt und zeigt auf einfühlsame Weise, was Objektsexualität bedeutet. Doch wegen der Corona-Pandemie musste der Kinostart erst einmal verschoben werden. Wir haben mit der Regisseurin, die sich zurzeit auf der französischen Insel Ile de Ré in Quarantäne befindet, via Skype gesprochen.

jetzt: Wie bist du auf die Idee gekommen, einen Film über eine junge Frau zu machen, die sich unsterblich in ein Fahrgeschäft verliebt?

Zoé Wittock: Per Zufall habe ich einen Artikel über eine Frau gelesen, die sich in den Eiffelturm verliebt hat. Ich habe darüber erstmal gelacht. Aber es war ganz offensichtlich nicht nur ein Fetischismus. Nein, diese Frau, Erika Eiffel, hat in aller Öffentlichkeit den Eiffelturm geheiratet. Und sie hat den Namen des Pariser Turms angenommen. Diese Geschichte hat mich nicht mehr losgelassen und nach einer Weile habe ich Erika Eiffel angerufen. Ich wollte unbedingt einen Film über das Thema machen. Aber an einer Biographie dieser Frau hatte ich kein Interesse, aber ich habe mich von ihr inspirieren lassen. Ich wollte meine Geschichte in einem Freizeitpark spielen lassen. Denn ich fand es passend, dass sich meine Protagonistin in ein Fahrgeschäft verliebt.

„Ich habe verstanden, was es bedeutet, objektsexuell zu sein“

Wie hat Erika Eiffel reagiert, als du mehr über sie wissen wolltest?

Sie war erst sehr zurückhaltend. Sie hatte Angst, dass ich mich über sie lustig machen könnte, dass ich ihre Geschichte ins Lächerliche ziehe. Aber dann hat sie verstanden, dass ich mich wirklich für dafür interessierte – auch für die Psychologie dahinter. Sie hat mir Vertrauen geschenkt. Wir haben uns fortan ausgetauscht. Sie hat sich mir geöffnet. Was ich anfangs als abstruse, verrückte Love-Story abgetan hatte, begriff ich nun als eine von vielen Liebesbeziehungen. Ich habe so verstanden, was es bedeutet, objektsexuell zu sein: eine Beziehung zu einem Gegenstand aufzubauen, wie es sonst zwischen Menschen gewöhnlich ist. Dazu gehört auch Erotik und Sex. Ab diesem Moment wusste ich, dass ich auch in meinem Film viel mehr wollte, als nur an der Oberfläche des Themas zu kratzen.

Hast du beim Schreiben des Drehbuches auch wissenschaftlich dazu viel gelesen?

Ich habe unglaublich viel im Internet recherchiert. Aber vor sechs, sieben Jahren gab es noch sehr wenige Texte, Erfahrungsberichte und Dokumentationen über Objektsexualität. Das Thema fand einfach nicht statt. Es war ein klassisches Tabuthema. Aber schon zwei Jahre später gab es deutlich mehr Stoff dazu. Vor allem Psychiater haben sich geäußert. Sie sprechen von einer sexuellen Abweichung. Ich wollte aber aus meinem Film keine psychologische Abhandlung machen. Mir geht es bei „Jumbo“ darum, eine Liebesgeschichte zu erzählen. Ich will Emotionen zeigen und wie das Umfeld, die Familie, die Freunde mit dieser Form von Liebe umgehen.

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Foto: Caroline Fauvet
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Foto: Mike Zenari

Als du angefangen hast das Drehbuch zu schreiben und die Finanzierung für den Film auf die Beine zu stellen, warst du eine junge Regisseurin, die gerade von der Filmschule kam. Welche Hürden gab es, „Jumbo“ umzusetzen?

Ehrlich gesagt gab es viele Hürden. Wenn ich damals eine gestandene Regisseurin gewesen wäre, hätten mich viele ernster genommen. Ich war jung, dazu eine Frau und ich wagte mich an ein ungewöhnliches Thema heran. Mir fehlte in Gesprächen oftmals die Glaubwürdigkeit nach wenigen Kurzfilmen, so ein großes Projekt zu stemmen. Mir hat in die Karten gespielt, dass über Gender-Themen immer mehr in den sozialen Netzwerken diskutiert wurde. Es gab plötzlich auch in meiner Filmbranche mehr Interesse am Thema Objektsexualität. Hinzu kommt, dass mir die offene Debatte über Frauen am Filmset geholfen hat.

„Jumbo“ hat auf der Berlinale Premiere gefeiert, danach noch in einigen französischen Städten exklusive Vorpremieren. Doch der eigentliche Kinostart wurde wegen der Corona-Krise erst einmal abgesagt.

„Jugendliche in den Kinosälen waren überrumpelt von dieser Form der Liebe“

Wie waren die ersten Reaktionen auf den Film?

Ich bin wirklich überrascht. Eigentlich ist „Jumbo“ eher ein Film für junge Leute, die offen für solche Themen sind. Im belgischen Waterloo bei einer Vorpremiere kam plötzlich ein Kino-Club auf mich zu. Die Jüngsten waren 60 Jahre alt, die Ältesten 90 Jahre alt. Sie waren begeistert von der Poesie des Films und berührt von der jungen Frau, die unsterblich in ein Fahrgeschäft verliebt ist. Es ist nicht eine Frage des Alters, sondern der Mentalität, ob man akzeptiert, dass diese Form der Liebe möglich ist.

Ist der Film für viele Kinogänger der erste Berührungspunkt mit Objektsexualität?

Viele haben davon noch nie zuvor gehört. Aber es gab genauso auch Leute, die etwa die Geschichte von Erika Eiffel kannten. Die Jugendlichen in den Kinosälen waren oftmals überrumpelt von dieser Form der Liebe, manchmal auch etwas angeekelt. Aber ich habe auch eine schöne Reaktion häufiger gehört: Viele haben das Verhalten der Mutter im Film nicht verstanden. Warum akzeptiere sie nicht, wie ihre Tochter ist. Letztlich schade sie doch keinem mit ihrer ungewöhnlichen Liebe.

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