„Euphoria“ ist besser als „Tote Mädchen lügen nicht“

Auch diese Serie zeigt explizit sexuelle Gewalt und psychische Krankheiten. Dabei klärt sie aber auf.
Von Lena Mändlen

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Die Netflix-Produktion „Tote Mädchen lügen nicht“ stand wiederholt dafür in der Kritik, dass sie Inhalte wie sexuelle Gewalt und Suizid extrem bildlich darstellt. Vergangenen Juli reagierte der Streaming-Anbieter, indem er die umstrittene Suizid-Szene aus der Serie entfernte. Das hielt die Macher*innen von „Euphoria“ jedoch nicht davon ab, ein Teen-Drama zu kreieren, das „Tote Mädchen lügen nicht“ in Sachen explizite Inhalte blass aussehen lässt. Trotzdem macht „Euphoria“ alles richtig, was die Netflix-Produktion falsch gemacht hat. Denn im Gegensatz zu „Tote Mädchen lügen nicht“ schafft es die neue Serie, auf realistische Art mit ihren Inhalten umzugehen. In Deutschland ist sie jetzt erstmals bei Sky verfügbar, in den USA sorgt sie seit der Erstausstrahlung im Juni für Kontroversen.

Im Zentrum der Serie steht eine Gruppe Schüler*innen, deren Leben augenscheinlich aus Sex, Partys und Alkohol- und Drogenexzessen besteht. Kommentiert wird die Handlung von der selbstzerstörerischen Rue, die nach einem Drogenentzug an die High-School zurückkehrt. In einer Rückblende wird gezeigt, dass sie vor dem Entzug infolge einer Überdosis fast an ihrem eigenen Erbrochenen erstickt wäre. Die 17-Jährige erklärt, dass ihr unter anderem eine bipolare Störung diagnostiziert wurde – eine psychische Erkrankung, bei der Betroffene unter manischen und depressiven Stimmungsschwankungen leiden. Durch Drogenkonsum versucht sie, den depressiven Phasen ihrer Erkrankung temporär zu entkommen.

„Euphoria“ provoziert. Schon in der ersten Folge wird gezeigt, wie ein minderjähriges transsexuelles Mädchen extrem aggressiven Sex mit einem älteren Mann hat. In einer anderen Szene wird eine weitere Protagonistin beim Sex mit einem Mitschüler ungewollt von ihm gewürgt. Ihren Höhepunkt nimmt die Provokation aber in einer Szene der zweiten Folge, in der Schüler sich nach dem Sport in einer Gemeinschaftsumkleide umziehen. An sich nichts Schockierendes – jedoch sieht man währenddessen nicht weniger als 30 Penisse.

„Euphoria“ zeigt, wie die schmerzhafte Realität einer depressiven Episode aussehen kann

Wegen solcher Szenen warnt die US-amerikanische Organisation „Parents Television Council“ vor der Serie. Tim Winter, der Präsident, erklärte, „Euphoria“ würde „unverhohlen und zielgerichtet extreme graphische Inhalte für Erwachsene (...) an Teenager und noch jüngere Menschen vermarkten“. Jedoch ist die Serie zwar über Teenager, aber nicht für sie, wie der Drehbuchautor Sam Levinson erklärte. Laut ihm ist „Euphoria“ nicht für Zuschauer*innen unter 17 Jahren geeignet, und auch Zendaya, die Darstellerin von Rue, warnte in einem Instagram-Post davor, „Euphoria“ als Minderjährige*r anzuschauen. Außerdem: Wer sich die Serie ansieht, merkt schnell, dass von Vermarktung nicht die Rede sein kann. Denn nichts an „Euphoria“ ist glorifizierend.

Das größte Verdienst der Serie ist ihr realistischer Umgang mit Rues psychischen Problemen. Rues Gefühlswelt gleicht einer Achterbahnfahrt: Im einen Moment ist sie aufgedreht und euphorisch, im nächsten apathisch, wütend oder voller Selbstzweifel. Und während man Hannah in „Tote Mädchen lügen nicht“ selten die Depression anmerkt, zeigt „Euphoria“, wie die schmerzhafte Realität einer depressiven Episode aussehen kann. In einer Folge verbringt Rue beispielsweise 22 Stunden damit, im Bett „Love Island“ anzuschauen. Es fällt ihr so schwer, aus dem Bett zu kommen, dass sie das nicht mal schafft, um auf die Toilette zu gehen – sie bekommt daraufhin eine Harnwegsinfektion mit Nierenschmerzen und muss von ihrer Mutter gepflegt werden. „Das Schlimmste an einer Depression ist, dass man weiß, dass man depressiv ist, und es trotzdem nicht schafft, zu verhindern, dass es einem noch schlechter geht“, kommentiert Rue die Szene.

Keine der Sexszenen in „Euphoria“ wird auf erotische Weise inszeniert

Ein weiteres Beispiel dafür, dass die Serie ihre Inhalte nicht beschönigt, ist der Antagonist Nate. Wie Bryce in „Tote Mädchen lügen nicht“ ist er gutaussehend, beliebt und der König des Football-Teams. Und gleichzeitig gefühlskalt, manipulativ und gewalttätig. Auch bei ihm ist der Ursprung seines Verhaltens das gestörte Verhältnis zu seinen Eltern, vor allem zu seinem Vater. Und auch er führt eine Beziehung. Der Unterschied: Während es in der dritten Staffel von „Tote Mädchen lügen nicht“ so dargestellt wird, als wäre es größtenteils unproblematisch, sich mit einem nahezu untherapierten Gewalttäter einzulassen, sieht das in „Euphoria“ anders aus. Denn Nates Freundin versucht immer wieder, von ihm loszukommen, wird aber von ihm so manipuliert, dass sie sich doch nicht von ihm trennen kann. Nichts an der Darstellung der Beziehung ist romantisch. Und dass sich Zuschauer*innen – egal, welchen Alters – davon negativ beeinflussen lassen, ist unwahrscheinlich.

Der größte Kritikpunkt an „Euphoria“ ist jedoch die explizite Darstellung von Sex, der in der Serie größtenteils auf extrem grobe Weise stattfindet. Schon in der ersten Folge wird deutlich, dass das Frauenbild der Protagonisten von Pornos geprägt ist. So werden die Protagonistinnen hauptsächlich als Objekte gesehen und werden beim Sex meistens dominiert. Jedoch sehen sie dabei auch nicht aus, als würde ihnen das Spaß machen. Auch wird keine der Sexszenen auf erotische Weise inszeniert, etwa durch langsame Kameraführung oder begleitende Musik. Das zeigt: „Euphoria“ möchte das Frauenbild der Protagonisten nicht weitervermitteln, sondern die Problematik dahinter ansprechen. Und das gelingt.

Dass „Euphoria“ manchen zu hart sein könnte, steht außer Frage. Die Serie sollte nur ansehen, wer mit schonungslosen Gewaltdarstellungen und expliziten Sexszenen umgehen kann. Doch im Gegensatz zu „Tote Mädchen lügen nicht“ gelingt es „Euphoria“ tatsächlich, über komplexe Themen wie psychische Probleme, sexuelle Gewalt, Drogenmissbrauch und toxische Beziehungen aufzuklären. Und wer darüber besorgt ist, dass Minderjährige sich ein Beispiel am Verhalten der Charaktere nehmen könnten, kann beruhigt sein. Denn „Euphoria“ ist vor allem eins: abschreckend.

Euphoria läuft seit dem 16. Oktober bei Sky

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