David (Max Hegewald) kehrt nach der Tragödie in den Ort seiner Kindheit zurück.

David (Max Hegewald) kehrt nach der Tragödie in den Ort seiner Kindheit zurück.

Foto: Marcus Hafner

Davids Bruder hat bei einem Amoklauf in einer Schule mehrere Menschen getötet. Nun, vier Jahre später, kehrt David zurück in den kleinen Ort, aus dem er und seine Eltern nach der Tragödie geflohen sind. Dort taucht er in eine Welt ein, die ihm zutiefst vertraut ist, für die er jedoch nur eine grausame Erinnerung ist. 

Der Film „Am Tag die Sterne“ zeigt diese fiktive Heimkehr – er fasst in Bilder, wie es sich anfühlt, der Bruder des Täters zu sein. Der junge Filmemacher Simon Schneckenburger setzt sich dabei mit dem Thema Amok auseinander, ohne das Wort ein einziges Mal zu verwenden. Gedreht hat der 27-Jährige in seinem Heimatort Kirchzarten im Südschwarzwald. „Am Tag die Sterne“ ist die Abschlussarbeit seines Gestaltung-und-Produktion-Studiums in Offenburg. Wir haben uns von Simon erklären lassen, weshalb ihm das Thema so wichtig ist. 

 

jetzt: Simon, weshalb hast du dir deine Abschlussarbeit dieses Thema ausgesucht?

Simon: Ich wollte etwas darüber machen, dass Menschen gezwungen werden, ihre Heimat zu verlassen. Ich musste dabei immer wieder an das Thema Amoklauf denken. Damals sollten wir im Deutschunterricht über den Fall in Winnenden schreiben. Ich habe mich immer wieder gefragt, wie das Leben der Geschwister solcher Täter wohl weitergeht. Denn natürlich ist das auch für sie eine ganz extreme Situation, die von der eigenen Trauer über Stigmatisierung bis zur Flucht aus der gewohnten Heimat geht. Obwohl sie selbst jemanden verloren hat, gehört die Familie für viele eher zu der Täter- als zur Opfergemeinschaft.

Eine Perspektive, die man bisher nicht wirklich kennt. Wie hast du dich in diese Sichtweise eingearbeitet

Beim Schreiben habe ich schnell gemerkt, dass ich manchmal einfach ratlos war, welche Gefühle David in einer bestimmten Situation haben könnte oder wie er reagieren würde. Natürlich kam mir der Gedanke, Betroffene zu kontaktieren, doch das habe ich mir damals einfach nicht zugetraut. Ich hatte wirklich Angst, deren Heilungsprozess zu stören. Heute würde ich es vielleicht versuchen. 

Natürlich habe ich viel zum Thema gelesen und schließlich Kontakt zur einer Traumatherapeutin aufgenommen, die Opfer- und Täterfamilien nach Amokläufen in Deutschland betreute. Sie hat mir geholfen, mich ansatzweise in deren Situation hineinzuversetzen. Zusammen haben wir überlegt, wie die Szenen ablaufen könnten: Welche Gegenstände im Zimmer des Bruders könnten für David ein Trigger sein, wenn er es zum ersten Mal wieder betritt? Was löst in ihm etwas aus? Bei alten Fotos, Kleidungsstücken oder Liedern kommt natürlich Liebe hoch, schließlich ist es ja sein Bruder. Aber eben auch Hass, Wut und Schuldgefühle.

Filmemacher Simon Schneckenburger hat zwei Jahre lang an "Am Tag die Sterne" gearbeitet.

Filmemacher Simon Schneckenburger hat zwei Jahre lang an "Am Tag die Sterne" gearbeitet.

Foto: Dominik Sackmann

Ist es üblich, dass die Familie des Täters – wie im Film – eine neue Identität bekommt?

Bei meiner Recherche habe ich herausgefunden, dass es das manchmal gibt. Das hängt aber sicher von verschiedenen Aspekten ab: In der Anonymität einer Großstadt ist die direkte Stigmatisierung vielleicht geringer als in einem kleinen Ort. Ich selbst komme aus einem Dorf und kenne diese verstörende Eigendynamik nur zu gut, die in der Kleinstadtenge entstehen kann, wenn jemand etwas vermeintlich getan, gesagt oder verbrochen hat. Aber es spielen natürlich auch noch andere Aspekte eine Rolle: Hat jemand in der Familie irgendeine Art von Mitschuld, weil er vielleicht Anzeichen ignoriert hat? Woher stammt die Tatwaffe? Solche Fragen haben sicherlich Einfluss auf die gesellschaftliche Wut, mit der die Familie konfrontiert wird. 

 

Wenn Amokläufe und Anschläge passieren, wird oft bemängelt, dass mehr über die Täter als über die Opfer berichten wird.  Hat man dir das nie vorgeworfen?

Klar, damit bin ich schon konfrontiert worden. Für mich ist David aber auch ein Opfer dieser Tat. Denn er verliert dadurch seinen Bruder, Freunde, seine Heimat und seine gesamte Identität. Darüber hinaus wird er zur Zielscheibe der Wut seiner Mitmenschen, was ihn noch auf einer weiteren Ebene zum Opfer macht. Im Film gibt es eine Szene, in der David in die Dorf-Disco geht. Dort trifft er auf Jugendliche, deren Leben durch die Tat seines Bruders beeinflusst wurde. Er wird schließlich zusammengeschlagen und schleppt sich blutend aus dem Keller heraus.

 

 

Diese Prügelei ist ohnehin eine recht harte Szene.

Ja, ich habe viel darüber nachgedacht. Ich wollte die schmerzhafte Ungerechtigkeit, die David nach der Tat widerfahren ist, bildlich darstellen. Aber diese Konfrontation mit seinem alten Leben war für mich unausweichlich. Ursprünglich war diese Prügelei sogar noch brutaler und wir waren selbst sehr erschrocken darüber. Da fällt das Hinsehen natürlich schwer. Mittlerweile kann ich es mir fast nicht mehr anschauen, wenn über dem verletzten David noch eine Flasche Bier ausgeschüttet wird. Hier wird seine Isolation besonders deutlich. Ich habe schon mal gehört, dass das zu schwarz-weiß sei.

 

Wie reagierst du auf diesen Vorwurf? 

Ich empfinde diese Club-Szene nicht als schwarz-weiß, denn ich kann auch die Gefühle des Jugendlichen nachvollziehen, der dort auf David einschlägt. Hier spielen unterschiedliche Faktoren eine Rolle: Der Junge ist sichtlich alkoholisiert, gleichzeitig wirkt Davids äußere Ähnlichkeit zu seinem Bruder wie ein Trigger für ihn. 

 

Wie haben andere auf „Am Tag die Sterne reagiert“?

Das war anfangs schwierig. Als erstes habe ich meinem Kameramann, mit dem ich schon seit der Realschule Filme mache, von meiner Idee erzählt. Als ich sagte, ich wolle einen Film über den kleinen Bruder eines Amokläufers machen, habe ich sofort gemerkt, wie sehr ihn meine Themenwahl überrascht hat. Da wurde mir klar, dass ich nie mit diesem Wort „Amok“ anfangen darf, denn da gehen bei allen die Sirenen los. Das Wort hat so eine Wucht. Deshalb fällt es auch im ganzen Film kein einziges Mal. Der Zuschauer soll die Lücken einfach selbst füllen. Der Amoklauf steht dabei immer wie ein Elefant im Raum, den zwar jeder sieht, aber über den keiner spricht. Im Nachhinein merke ich aber, dass der Blickwinkel ankommt. Offenbar haben sich viele noch nie Gedanken über die Geschwister der Täter gemacht.

 

„Am Tag die Sterne“ ist am Freitag, den 24. November, auf dem Filmfestival in Hannover zu sehen und läuft zusätzlich auf der Filmschau in Stuttgart, wo er für den Baden-Württembergischen Filmpreis nominiert ist. 

 

 

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