„Meiner Genderprofessorin wird das Herz brechen“

Junge Frauen erklären beim GNTM-Casting, warum sie sich trotz all der Kritik noch für die Show bewerben.
Protokolle von Lara Thiede

Das öffentliche Casting für GNTM 2020 fand dieses Jahr bei Kälte und Regen im Olympiapark in München statt.

Foto: Lara Thiede

2020 wird die 15. Staffel von Germany’s Next Topmodel ausgestrahlt werden. Und das, obwohl seit Jahren belegt ist, dass die Sendung kaum erreichbare Körperbilder idealisiert und dadurch Essstörungen verstärkt. Zudem wird dem Format vorgeworfen, den meist sehr jungen Bewerber*innen falsche Hoffnungen zu machen. Denn eine echte Modelkarriere erreichen die wenigsten Kandidatinnen. Auf Youtube erzählen außerdem zahlreiche enttäuschte Mädchen und Frauen, wie unangenehm das Casting ablief und wie schlecht sie sich im TV dargestellt fühlten. 

Dennoch pilgerten am Montagmorgen wieder Hunderte Mädchen zum offenen Casting im Münchner Olympiapark. Bei elf Grad und Regen warteten sie stundenlang auf ihren Auftritt, spazierten dann in Jeans und Top über den Outdoor-Laufsteg vor Heidi Klum und Modedesigner und Neujuror Julien Macdonald. Warum tun sich das junge Frauen heute noch an? Und wie stehen sie zur Kritik, die andere an GNTM üben? Wir haben einige von ihnen gefragt.  

„Meiner Genderprofessorin wird das Herz brechen, wenn sie sieht, dass ich mitmache“

Emilia, 26, ist Sozialarbeiterin im Jugendamt und war im Vorcasting in Berlin. Von dort wurde sie zum Hauptcasting mit Heidi in München geschickt.

Foto: Lara Thiede

„Dieses Jahr könnte meine letzte Chance für die GNTM-Erfahrung sein, weil ich schon so alt bin. Mich haben daher auch so viele Bekannte gedrängt, mich zu bewerben, dass ich dachte: warum nicht? Ich will es mir jetzt einfach selbst beweisen.

Ich habe Soziale Arbeit studiert und weiß daher, wie sehr das Format immer wieder in der Kritik steht. Im Studium haben wir auch behandelt, wie Sendungen wie GNTM sich auf das Selbstbild junger Frauen auswirken und dass das gefährlich werden kann. Meiner Genderprofessorin wird das Herz brechen, wenn sie sieht, dass ich hier mitmache. Aber ich glaube, das muss ich einfach für mich selbst entscheiden. Mir fiel außerdem auf, dass in den letzten Staffeln mehr Vielfalt gezeigt wurde. Heute kommen nicht mehr nur die ganz mageren, weißen, blonden Mädchen weiter, sondern alle aus den verschiedensten Kulturen und Geschlechterrollen dürfen teilnehmen. Deswegen bin auch ich mit dabei.”

„Ich habe gar nicht mitbekommen, was an GNTM kritisiert wird“

Ellen, 19, kommt aus Wolfenbüttel, und wurde im Auslandsjahr von ihrem Gastvater ermutigt, zum GNTM-Casting zu gehen.

Foto: Lara Thiede

„Ich komme aus einem kleinen Dorf, da habe ich ehrlich gesagt gar nicht mitbekommen, was an GNTM kritisiert wird. Ich sehe das ganze einfach als Riesen-Chance, im Modelbusiness durchzustarten. Mein Gastvater in Amerika hat mich dazu ermutigt und ich dachte mir einfach: warum nicht? Es wäre nicht schlimm, würde ich ausscheiden. Dann werde ich eben auf anderem Weg Model.“

„Du kannst auch anders aussehen und schön sein“

Mareike „Lee“, 24, arbeitet als Sachbearbeiterin und Sängerin. Sie kam für das Casting mit ihrem Manager von Berlin nach München.

Foto: Lara Thiede

„Ich bin hier, um die klassischen Stereotypen zu durchbrechen. Um zu zeigen: Du kannst gleichzeitig anders aussehen und schön sein. Menschen wie ich werden immer erstmal als tätowiert und asozial wahrgenommen. Das trifft aber nicht zu. Und weil man hier eine große Reichweite hat, dachte ich, mach ich mal mit. Sollte es nicht klappen, ist das kein Problem. Dann gehen wir Burger essen.“

„Unsere Familie wollte das auch schon immer“

Vivien und Chantal sind 19 Jahre alt und ein Zwillingspaar aus Bremen.

Foto: Lara Thiede

„Die Teilnahme an GNTM ist ein Lebenstraum von uns. Wir lieben Mode und lieben es, Fotos zu machen. Unsere Familie wollte das auch schon immer und hat uns jetzt den Arschtritt gegeben, dass wir uns endlich mal anmelden. Die Kritik an GNTM finden wir nicht schlimm, wir sehen das einfach anders. Wir haben kein Problem damit, uns öffentlich zu zeigen und denken auch nicht, dass wir jemanden mit unserem Aussehen verletzen könnten. Vielleicht motivieren wir die Leute da draußen sogar eher und können ein Vorbild sein. Wenn eine von uns ausscheiden würde, würde diejenige die Verbliebene auf jeden Fall unterstützen.“

„Jetzt fühle ich mich wieder nicht gut genug“

Dilara, 17, aus der Nähe von Marburg, wurde im Vorcasting ermutigt, von Heidi Klum aber in München aussortiert.

Foto: Lara Thiede

„Ich wollte Germany’s Next Topmodel werden, weil ich in der Schule gemobbt werde. Ich wollte den Leuten zeigen, dass ich sehr wohl etwas kann und etwas wert bin. Und eigentlich hat mir das Vorcasting in Frankfurt ein gutes Gefühl gegeben, mich selbstbewusster gemacht. Die Leute von Prosieben haben mich lange interviewt und gesagt, dass ich gute Chancen hätte. Mich belastet deshalb, dass Heidi nicht mal mit mir geredet hat und mir nicht erklärt hat, warum ich nicht mehr dabei bin. Jetzt fühle ich mich wieder nicht gut genug.

Ich werde die Sendung nie wieder anschauen. Meine Mutter hat etwa 600 bis 700 Euro investiert, damit ich hier dabei sein kann. Wir mussten 700 Kilometer fahren, im Hotel schlafen, einen Reisepass beantragen, Highheels kaufen und so weiter. Jetzt bewerbe ich mich lieber bei einer richtigen Modelagentur.“

„In den letzten Staffeln waren die sogar eher pummelig“

Anna, 28, (links) kommt aus Russland und arbeitet als Altenpflegerin in Heilbronn. Sie stand zusammen mit Grundschullehrerin Tatjana, 25, vor der Jury.

Foto: Lara Thiede

Anna: „Ich habe alle Staffeln von Germany’s Next Topmodel gesehen und finde überhaupt nicht, dass dabei ein zu mageres Ideal vermittelt wird. In den letzten Staffeln waren die sogar eher pummelig, also bestimmt nicht magersüchtig. Heidi isst ja außerdem auch, was sie will.“

Tatjana: „Ich finde auch, dass sich GNTM da zum Positiven verändert hat. Jetzt wollten wir uns einfach unseren langgehegten Traum verwirklichen, mal bei der Show dabei zu sein.“

„Das gehört eben zur Arbeit in der Branche dazu“

Gefion Naomi, 24, kommt aus Katzenelnbogen und hält die Kritik gegenübr GNTM für übertrieben.

Foto: Lara Thiede

„Klar waren vor vier, fünf Jahren hauptsächlich sehr dünne Frauen dabei. Aber das gehört eben zur Arbeit in der Branche dazu. Außerdem glaube ich auch nicht, dass das Ganze hier nur Show ist. Es geht hier schon immer noch vorrangig ums Modeln, GNTM ist dafür ein gutes Sprungbrett. Ich sehe das alles ganz locker. Man muss mit der Einstellung reingehen, dass man nicht weiterkommt. Dann ist man nicht enttäuscht.“

„Lange wurden alle nach Hause geschickt, die nicht mindestens 1,76 Meter groß waren“

Sabrina, 19, kommt aus Hockenheim und ist Verkäuferin. Sie nahm spontan am Casting teil.

Foto: Lara Thiede

„Früher war GNTM tatsächlich ziemlich unfair und hat auch mich ab und zu entmutigt. Ich gucke immerhin seit zwölf Jahren zu und lange wurden konsequent alle nach Hause geschickt, die nicht mindestens 1,76 Meter groß waren. Heute haben aber viel mehr Mädchen eine Chance: Kleine oder Frauen mit Plus Size und so weiter. Das finde ich total toll. Das Format hat sich weiterentwickelt, weil sich auch die Gesellschaft entwickelt hat. Vor allem durch Instagram und das Internet im Allgemeinen, wo sich immer mehr Menschen trauen, ihre Merkmale zu zeigen, die früher als Makel galten. Deswegen traue auch ich mich heute, spontan mitzumachen.“

„Ich habe in den vergangenen Monaten 20 Kilo abgenommen“

Dalin, 24, erzieht ihren zweijährigen Sohn alleine in Berlin. Käme sie weiter, würde ihre Mutter bei der Erziehung einspringen.

Foto: Lara Thiede

„Ich habe in den vergangenen Monaten 20 Kilo abgenommen. Natürlich nicht für GNTM, sondern nur für mich selbst. Ich fühle mich so einfach wohler. Ich hatte vor drei Jahren schon einmal so viel abgenommen und wollte mich da eigentlich auch bewerben – aber dann wurde ich schwanger. Sollte ich weiterkommen, würde ich sicher meinen Sohn vermissen, aber ich will mir auch meinen eigenen Traum erfüllen. Ich finde GNTM einfach nur toll, die Kritik anderer kann ich persönlich nicht nachvollziehen.“

„GNTM musste auf die Nachfrage reagieren, um die Zuschauer nicht zu verärgern“

Die Makeup-Artistin Vivian, 24, (links) kommt aus München. Beim Casting hat sie Kristina, 22, aus Regensburg kennengelernt.

Foto: Lara Thiede

Kristina: „Mir als Zuschauerin hat GNTM nie geschadet. Ich finde, man sollte sich nicht davon beeinflussen lassen, was man im Fernsehen sieht.“

Vivian: „Ich modele nebenbei und möchte das bald als Hauptberuf machen. Deshalb will ich GNTM nutzen, um zu lernen. Ich denke, die letzten Jahre gab es schon immer ein Idealbild von Models, die weiterkamen. Aber im Moment wird Diversity wichtiger, sogar Menschen, die mehr auf den Rippen haben oder Transgender sind, können mitmachen. Das finde ich eine tolle Sache. Ich denke, GNTM musste auf die Nachfrage reagieren, um die Zuschauer nicht zu verärgern. Die wollten in den vergangenen Jahren einfach nicht mehr so viele Magermodels sehen.“

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