„Zu gutem Horror gehört für mich mehr als Erschrecken“

Foto: Priscilla Du Preez / Unsplash

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Toll sei das, wurde in der vergangenen Woche immer wieder kommentiert: In Cannes wurde endlich der Film einer Frau mit der goldenen Palme als „bester Film“ ausgezeichnet. Gewonnen hat diese Auszeichnung die Französin Julia Ducournau für ihren Film „Titane“. Und tatsächlich ist sie erst die zweite Frau, die den Preis in der mehr als 70-jährigen Geschichte des Filmfestivals verliehen bekommen hat. So groß ist die Freude, dass eine zweite Besonderheit des Filmes fast zu kurz kommt: „Titane“ ist ein Horrorfilm. Er gehört damit zu einem Genre, das sowohl unterschätzt wird, als auch für die längste Zeit eine Männerdomäne war. Aber warum ändert sich das gerade, oder ist „Titane“ am Ende doch eher eine Ausnahme? Und warum wäre es so wichtig, dass mehr Frauen Horrorfilme machen? Darüber haben wir mit Deniz Sertkol gesprochen. Die 35-jährige Medienwissenschaftlerin ist Programmkoordinatorin des Goethe-Instituts in New York, freiberufliche Film-Kuratorin, Filmemacherin und vor allem: Horror-Fan. 

jetzt: Deniz, wann hast du das Horror-Genre für dich entdeckt?

Deniz Sertkol: Es gab einen Schlüsselmoment, als ich ungefähr vier oder fünf Jahre alt war: Da habe ich alleine zuhause vor dem Fernseher zufällig Polanskis „Tanz der Vampire“ geschaut, obwohl ich noch viel zu jung dafür war. In einer Szene wird Sharon Tate in der Badewanne von einem Vampir überrascht. Das hat es mir irgendwie angetan, seitdem war ich angefixt.

Das ist aber schon etwas Besonderes, dass man sich als Mädchen und später als Frau für Horror-Filme begeistert.

Naja, ich kenne genügend Frauen, die sich Horror anschauen, und genügend Männer, die sich das lieber nicht antun. Es kommt immer darauf an, wie man sozialisiert wurde. Meine Eltern haben mich zum Beispiel so ziemlich alles schauen lassen. Aber auch darauf, wie gerne man sich mit solchen Ängsten auseinandersetzt.

„Mit so deutlich sexistischen Narrativen kann man die patriarchiale Struktur vieler Filme erkennen und hinterfragen“

  

Oft wird ja auch gesagt, dass es daran liege, wie Frauen in solchen Filmen dargestellt werden? Ist da was dran?

Ja, bestimmt auch. In den Slasher-Filmen der Achtzigerjahre gibt es etwa das sogenannte „Final Girl“ – also die eine junge Frau, die am Ende überlebt. Zumindest bis zur Fortsetzung. Das waren oft Frauenrollen, die abstinent und nicht sexuell aktiv waren oder keinen Alkohol getrunken haben. Die lasziveren Frauen, die das alles gemacht haben, kamen dagegen um. Es ist klar, dass man sich das als Frau nicht so gerne anschaut. Andererseits kann man mit so deutlich sexistischen Narrativen auch die patriarchale Struktur vieler Filme erkennen lernen und dann hinterfragen. 

Und weibliche Regisseurinnen machen bessere Horrorfilme?

Ich glaube schon, dass Regisseurinnen und alle Filmschaffende, die als Frauen gelesen werden, anders Filme machen. Ich halte es einfach manchmal für nicht so glaubwürdig, wie männliche Regisseure Frauen inszenieren – auch wenn es natürlich Gegenbeispiele gibt. Andererseits gibt es auch viele Regisseurinnen, die in die gleiche Falle wie ihre männlichen Kollegen tappen. Das passiert oft, wenn sie nicht versuchen, Geschichten authentisch zu erzählen. Ich denke da besonders an deutsche Horrorfilme. Aber bei denen hakt es ja oft schon an der Qualität der Dialoge.

„Wie Frauen von hinten bis vorne gequält werden, muss ich nicht sehen. Das brauche ich nicht.“

Bei welchem Film eines männlichen Regisseurs hat das denn beispielsweise gar nicht geklappt?

„The Descent“ war so ein Fall für mich. Das ist ein Film aus 2005 von Neil Marshall, der von vielen hochgelobt wird. Es geht um sechs Freundinnen, die sich auf eine Höhlenexpedition begeben. Eigentlich ein typisch männliches Terrain. Man könnte glauben, dass es sich um einen feministischen Film mit starken Frauen handelt. Letztendlich ist es aber ein sehr misogyner Film, der die Frauen gegeneinander ausspielt und natürlich geht es am Ende doch um einen Mann. Und ansonsten: Das ganze Subgenre „Torture Porn“ ist eine Unverschämtheit. Also alle „Saw“-Filme, „Hostel“, „The Hills have Eyes“ oder etwa „The Human Centipede“. Wie Frauen von hinten bis vorne gequält werden, muss ich nicht sehen. Das brauche ich nicht.

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Deniz Sertkol ist Film-Kuratorin, Filmemacherin und vor allem: Horror-Fan.

Foto: Michelle McSwain

Hast du ein Beispiel, wo weibliche Regisseurinnen es besser gemacht haben?

Sogar zwei, beide sind recht aktuell. Einer der letzten Horrorfilme, den ich jetzt gesehen habe, war „Saint Maud“ von Rose Glass. Da geht es um eine Palliativ-Schwester, die eine sehr enge Beziehung zu einer Patientin aufbaut – und sich gleichzeitig zu etwas Höherem berufen fühlt. Das wird psychologisch sehr interessant erzählt und lässt viel Raum für Interpretation. Man ist ganz bei der Hauptfigur, obwohl diese eigentlich „die Böse“ ist. Dass diese Kategorien „böse“ und „gut“ so aufgebrochen werden, finde ich sehr spannend. 

Und das zweite Beispiel?

„Shirley“ von Josephine Decker. Das ist eigentlich ein Biopic über die ikonische Horror-Autorin Shirley Jackson, das eben auch Elemente des Horrors-Genres einbindet. Da erzählt Decker Jacksons Geschichte und bindet gleichzeitig deren Werke ein. Das ist sehr intelligent gemacht und bereichert beide Genres.

„Das Horror-Genre ist in den letzten zehn Jahren  diverser, weiblicher und durchlässiger geworden.“

Ducournau, Glass, Decker: Gibt es heute mehr Frauen, die Horrorfilme machen oder sind das nur Ausreißerinnen?

Es gab natürlich schon früher Horrorfilme von Frauen. Stephanie Rothmans „Velvet Vampire“ oder Filme von Roberta Finley, daneben natürlich auch bekanntere Beispiele wie „American Psycho“ von Mary Harron, „Carrie“ von Kimberly Peirce, oder „Friedhof der Kurscheltiere“ von Mary Lambert. Das Horror-Genre ist in den letzten zehn Jahren aber definitiv diverser, weiblicher und durchlässiger geworden.

Und woher kommen all diese weiblichen Horror-Regisseurinnen jetzt auf einmal? 

Die hat es schon immer gegeben! Das hat sich etwa vor drei Jahren gezeigt. Da hat Jason Blum, einer der wichtigsten Horror-Produzenten, einen Kommentar darüber verfasst, warum seine Produktionsfirma keine Regisseurinnen beschäftigt. Blum meinte, es gäbe schlichtweg keine Frauen, die das Genre bedienten. Stimmt natürlich nicht. Deswegen gab es damals einen ziemlich großen Backlash. Es sind vielmehr die Strukturen der Filmindustrie, die dazu führen, dass Frauen ihre Filme nicht machen können – etwa wegen fehlender Finanzierung ihrer Projekte.

Jason Blum produziert jetzt auch einige Filme mit weiblichen Regisseurinnen.

Nach dem Shitstorm blieb ihm auch nicht viel anderes übrig.

„Hätte ein weißer Mann diesen Film machen können? Ich glaube nicht.“

Hältst du es für wichtig, dass Frauen Horrorfilme machen?

Ja, aber vor allem auch, dass insgesamt mehr Vielfalt an Filmsets vor und hinter der Kamera herrscht. Was am Horror ja besonders interessant ist, ist die Art und Weise, wie Angst verhandelt wird. Je mehr unterschiedliche Perspektiven sich also in diesem Genre wiederfinden, es prägen und verändern, umso besser. Dann gibt es vielleicht auch nicht mehr diese Tendenz, die zehnte Fortsetzung eines einigermaßen erfolgreichen Horrorfilms zu machen, sondern mehr „Original Content“ zu präsentieren. Zum Beispiel ist Ana Lili Amirpours „A Girl Walks Home Alone at Night“ ein toller Vampirfilm, der Feminismus intelligent und humorvoll in das Genre einbettet. Bestimmte Geschichten sind bei Regisseurinnen eben besser aufgehoben. Hätte ein weißer Mann diesen Film so machen können? Ich glaube nicht.

Jetzt mal ganz abgesehen davon: Was macht für dich guten Horror aus?

Klar, Jumpscares sind schön und gut, genauso wie maskierte Clowns, gehörnte Teufel oder creepy Puppen. Aber für mich ist es gruseliger, wenn ich das Böse oder die Psychologie dahinter spüre. Dafür muss ich es nicht mal unbedingt sehen. Zu gutem Horror gehört für mich aber auch mehr, als dass man sich erschreckt. Ich finde, auch die Themen müssen einen bereichern.

Hast du einen Tipp, wie man sich einen Horrorfilm anschauen kann, ohne sich danach im Dunkeln zu fürchten? 

Es kommt darauf an, ob man nach so einem Film tatsächlich auf lange Sicht verängstigt ist. Dann sollte man Horrorfilme vielleicht einfach nicht mehr anschauen. Ich persönlich kann nach einem Horrorfilm gut einschlafen, mir hilft etwa, im Nachhinein viel über den Film zu lesen und das Ganze zu interpretieren. Ansonsten ist es auch immer eine gute Idee, Horrorfilme nicht alleine anzuschauen, sondern als Gruppe. Horror ist ein soziales Genre. So ein Schrecken kann dann sehr kathartisch wirken oder gar Glückshormone freisetzen: Schließlich ist man selbst ja in Sicherheit, wenn auf dem Bildschirm auch noch so viel Blut spritzt. 

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