Kim Frank und die beiden Schauspielerinnen Jana McKinnon und Alli Neumann.

Kim Frank und die beiden Schauspielerinnen Jana McKinnon und Alli Neumann.

Foto: ZDF / Clara Nebeling

Kim Franks Film „Wach“ handelt von zwei Teenagern, die ausbrechen aus ihrem bisherigen Leben. Sie bleiben wach, so lange sie können. Weil sie raus wollen aus dem tristen Alltag im Plattenbau, weil sie sich spüren wollen und weil sie keiner aufhalten kann.

Sie filmen sich, sie stellen den Film auf Youtube. Und landen am Ende doch wieder dort, wo sie herkamen.

Kim Franks Debütfilm ist anders als übliche Spielfime, er kommt der Realität erschreckend nahe. Kim Frank wurde Ender der 90er und Anfang 2000 berühmt mit Hits wie „Alles wird sich ändern, wenn wir groß sind“ und  dem Rio-Reiser-Cover „Junimond“ . Jetzt hat er endlich das gemacht, was er schon immer wollte: seinen ersten Film gedreht. Ein Gespräch über die eigene Kindheit, Lektionen im Leben und den Fluch, das Image des Teeniestars nicht loszuwerden.

jetzt: Kim, dein Film „Wach“ ist dunkel und hart und wirkt sehr authentisch. Du stammst selbst aus einfachen Verhältnissen. Ist das Ausbrechen aus der Perspektivlosigkeit auch autobiografisch?

Kim Frank: Ja, total. Die Hauptfiguren im Film sind beide ich. Die Welt, aus der sie kommen, ist im Grunde auch die Welt, aus der ich komme, die Sprache ist so, wie wir damals geredet haben. Meine Mutter hat wirklich einen super Job gemacht, wie sie meinen Bruder und mich alleine groß gezogen hat, aber sie hatte nur begrenzte Möglichkeiten, mich zu unterstützen. Schule und Umfeld suggerieren dir, dass aus dir nichts wird, wenn du aus so einem Umfeld kommst. Ich hatte dann das Glück, an einen Menschen, einen älteren Mitschüler zu geraten, der nicht nur an mich geglaubt hat, sondern der mich auch unterstützen konnte. Das war Jonas Schäfer, der auch unsere Schulband geleitet hat. Man durfte den Proberaum damals nur benutzen, wenn man eine Aufsicht hatte und er war derjenige, der uns beaufsichtigt hat. Er hat uns gesagt, dass wir alles können, aber anstatt es nur zu behaupten, konnte er uns auch dabei helfen und hat später die Plattenfirma gegründet, bei der Echt war. Das ist essenziell, wenn man aus einkommensschwachen Verhältnissen kommt: Du musst diesen einen Menschen treffen, der nicht nur redet, sondern auch etwas tun kann für dich.

WACH | Der Film | Trailer

Was war die wichtigste Lektion im Leben für dich?

Das Allerwichtigste ist, dass man nicht falsch ist. Das ist das, was ich jüngeren Menschen sagen würde: Du bist genau richtig, du bist ganz viel wert. Was ich wirklich schlimm finde, und das wollte ich mit diesem Film auch aufgreifen, ist diese Lüge, dass man alles erreichen kann. Das stimmt für ganz viele in unserem Land einfach nicht. Aber es erzeugt unheimlichen Druck, wenn einem vermittelt wird, dass Mittelmaß nicht reicht, dass jeder sich selbst verwirklichen muss. Ich wollte die Frage aufwerfen, ob das wirklich sein muss. Egal, was du mit deinem Leben machst, es ist richtig, so lange du niemand anderem dadurch schadest.

Aber das Thema, dass Teenager von zuhause abhauen und unzufrieden mit ihrem Alltag sind, ist nicht neu. Auch die Idee, durch Schlaflosigkeit in eine Art Rauschzustand zu gleiten, gab es schon. Was ist das Besondere an diesem Film?

An Coming-of-Age ist erstmal nichts besonders. Es geht darum, dass man feststellen muss, dass man nicht alles kann, dass dein Handeln Konsequenzen hat. Ich finde Coming-of-Age ein tolles und wichtiges Genre. Es ist nach wie vor sinnvoll, solche Filme zu machen, denn im besten Fall kannst du Fragen aufwerfen und inspirieren und gerade bei jungen Leuten vielleicht auch noch was bewegen. Ich glaube, das Spezielle an „Wach“ ist die Mischung: die Art, wie es gefilmt ist, dass die Hauptfiguren alles sozusagen selber filmen, das Tempo, weil es sehr schnell ist, dass es zwei Mädchen in den Hauptrollen sind; es ist Entertainment aber gleichzeitig auch anstrengend und der Film hat eine Aussage. Das ist für mein Empfinden schon etwas besonderes, weil ich glaube, mit Coming-of-Age verbindet man in Deutschland oft Komödie.

Früher standest du selbst auf der Bühne im Rampenlicht, jetzt agierst du hinter der Kamera. Wie fühlt sich das an?

Von der Befriedigung, die es mir gibt, fühlt es sich sehr ähnlich an. Wenn ich mich vor dem Drehtag anziehe, mein Equipment vorbereite, zum Dreh fahre, ist das, als wenn ich zu einem Konzert fahre. Nur dass das Konzert dann zehn Stunden dauert, oder halt so lange, wie der Drehtag dauert.

Du warst Schauspieler, hast ein Buch geschrieben und viele Musikvideos gedreht.

Das sah von außen vielleicht ein bisschen wahllos aus. Für mich war das immer ein Schritt zum Filmemachen, um zu lernen. Ich habe das Gefühl, dass sich im Filmemachen alles, was ich mag und was das Leben mir so mitgegeben hat, vereint.

Also haben deine Erfahrungen aus dem Showgeschäft, als Sänger und Schauspieler, dir weiterhelfen können bei deinem ersten Film? Definitiv. Filme machen verbindet so viele Kunstformen miteinander. Es gehört aber auch viel Vorbereitung, Teamführung, juristisches Verständnis von Verträgen und vieles mehr dazu. All das habe ich im Laufe des Lebens irgendwann gelernt. Und ich habe ein tolles Team um mich: Mit den meisten arbeite ich seit sechs Jahren zusammen.

Dein erster Film ist kein gewöhnlicher Spielfilm geworden, in gewisser Weise ist er ein Experiment. Kannst du dir auch den Dreh eines konventionellen Spielfilms vorstellen?

Die Drehbucharbeit, der Dreh und der Schnitt sind gelaufen wie bei einem konventionellen Film. Die Machart ist anders, das stimmt. Aber ich will nicht immer so experimentelle Dinge machen. Ich liebe klassische Bilder, es tat mir manchmal in der Seele weh, die Illusion zu kreieren, dass die Hauptfiguren in „Wach“ sich selber filmen. Das Wackeln, das Zoomen... das widerstrebt eigentlich meinem eigenen ästhetischen Gefühl. Aber ich interessiere mich sehr für politische Stoffe, ich liebe Thriller über alles, ich liebe klassische Kameraführung und ich mag das klassische, eben nicht naturalistische, Filmschauspiel sehr. Deswegen kann ich mir das auf jeden Fall vorstellen, aber ich bräuchte Einfluss auf den Stoff, der verfilmt werden soll.

„Wir haben als Band so viel Zeit miteinander verbracht, dass es für uns nicht mehr gut war“

Du wirst häufig noch als ehemaliger Sänger von Echt vorgestellt. Wie sehr nervt es dich, das Image des einstigen Teeniestars nicht wirklich loszuwerden?

Ich habe das Glück, dass ich stolz bin auf das, was wir damals gemacht haben. Die Assoziation mit der Band ruft in mir keine unguten Gefühle hervor, aber ja, manchmal nervt es mich trotzdem. Mich nervt vor allem die Formulierung „der Ex-Sänger von Echt.“ Das klingt so, als hätte die Band nach mir einen anderen Sänger gehabt. Ich bin der Sänger von Echt gewesen. Danach haben wir uns getrennt, das war eine Entscheidung, die wir mit Anfang 20 getroffen haben, weil wir andere Dinge verfolgen wollten in unserem Leben. Wir hatten bis dahin so viel Zeit miteinander verbracht, dass es für uns nicht mehr gut war. Ich frage mich, was passieren muss, um in der Außenwahrnehmung respektiert zu werden für das, was ich jetzt tue. Das klingt sehr emotional. Ich werde zwar akzeptiert für meine Arbeit, aber es ist ambivalent. Lass es mich so ausdrücken: Ich würde mich sehr freuen, wenn ich es mit Anfang 40 geschafft habe, dass man mich als Regisseur vorstellt (lacht).

Zieht es dich irgendwann auch wieder vor die Kamera? Vielleicht sogar ans Mikrophon als Sänger?

Als Sänger nicht mehr, schon gar nicht als Popsänger. Vielleicht als Schauspieler, wenn das richtige Projekt kommt und ich das Gefühl habe, dass es nicht auch zehn andere machen könnten. Aber ich habe mit schreiben und drehen und produzieren so viel zu tun gehabt, dass die Zeit, die ich in die Schauspielerei investieren müsste, mir eigentlich momentan zu kostbar ist. Es ist nicht meine Leidenschaft. Ich hatte nie den Wunsch, mein Gesicht zu zeigen. Ich habe die Musik damals nicht gemacht, um berühmt zu werden. Natürlich ist es schön, wenn so viele wie möglich mitbekommen, was man gemacht hat, aber ich brauche dazu kein Rampenlicht.

„Wach" ist am Montag, 17. September 2018, ab 20:00 Uhr, zuerst auf Youtube, in der ZDFmediathek und auf funk.net sehen. Das ZDF zeigt „Wach" am selben Abend um 0:05 Uhr. 

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