„Die Frauen werden menschlich und seelisch verschlissen“

Der Film „Lovemobil“ begleitet Milena (23) und Rita (24), die in Wohnwägen als Prostituierte arbeiten.
Interview von Laura Hornberger

Still: Christoph Rohrscheidt (Film: Lovemobil)

Milena (23) und Rita (24) arbeiten als Prostituierte. Sie sitzen hinter den Scheiben ihrer Wohnwägen an der Landstraße zwischen Gifhorn und Wolfsburg und warten darauf, dass Männer anhalten und sie für Sex bezahlen. Die mit Lichterketten beleuchteten Camper, in denen die Frauen leben, gehören für die Regisseurin Elke Margarete Lehrenkrauss (40) zum Landschaftsbild ihrer Heimat. In Niedersachsen stehen sie auf vielen Straßen im Abstand von zweihundert Metern. Deshalb hat sie den Film Lovemobil gedreht, der derzeit auf dem Münchner DOK.fest läuft.

Milena (23) kam aus Bulgarien nach Deutschland. Sie hat einen jüngeren Bruder, dem sie einen Teil ihres Verdienst nach Hause schickt.

Still: Christoph Rohrscheidt (Film: Lovemobil)

Rita (24) ist aus Nigeria geflohen, um in Deutschland Geld zu verdienen.  Mittlerweile wohnt sie wieder in ihrer Heimat und schreibt ein Buch.

Still: Christoph Rohrscheidt (Film: Lovemobil)

jetzt: Wie funktioniert das Lovemobil-Business?

Elke Margarete Lehrenkrauss:  Zuhälterei ist ja in Deutschland verboten. Die „Zuhälter“ im Film sind offiziell Busvermieter und bekommen dafür Miete. Die Frauen können diese Wägen mieten und dort ihre Tätigkeit ausüben. Das Verhältnis zwischen den Vermietern und den Prostituierten aus meiner Dokumentation war aber sehr angespannt. Wenn Rita an einem Tag nichts verdient und die Vermieterin dann trotzdem 50 Euro will, wo soll sie die dann hernehmen? Dennoch bieten die Busvermieter auch eine Art Schutz, weil sie auch regelmäßig vorbeischauen und die Frauen versorgen. Sie bringen Gasflaschen, teilweise auch Essen.

Wie hast du Milena und Rita, die Protagonistinnen deiner Dokumentation, gefunden?

Am Anfang bin ich tatsächlich zu den Wohnwägen gegangen und habe geklopft. Die meiste Zeit hagelte es Absagen. Zuerst war ich mit deutschen Frauen in Kontakt, das sind aber sehr wenige. Von zehn Frauen, die in Lovemobilen arbeiten, ist eine deutsch. Nach zwei Jahren haben wir Milena und dann auch Rita getroffen. Wir haben viel geredet und so kam auch das Vertrauen und die Offenheit gegenüber der Kamera. In dem Moment, in dem jemand zustimmt sich in einem Film zu zeigen, entsteht ein Prozess, sich öffnen zu wollen. Ich glaube, die Kamera und das Team waren auch eine Art Schutzraum: Jemand der dich begleitet und dabei unterstützt, herauszukommen. Das größte Problem, das die Frauen haben, ist nämlich ihre Einsamkeit.

„Es war tatsächlich das kleinstes Problem, Männer zu finden, die sich beim Sex mit Prostituierten filmen lassen.“

Wie hast du es geschafft, dass sich auch die Freier haben filmen lassen?

Wir haben mit den Frauen gesprochen, wer ihre Stammkunden sind. Dann haben sie diese gefragt und man glaubt es nicht, aber die meisten waren sehr aufgeschlossen der Kamera gegenüber. Wir hatten mehr Anfragen, als wir annehmen konnten. Es war tatsächlich das kleinstes Problem, Männer zu finden, die sich beim Sex mit Prostituierten filmen lassen. Es waren oftmals Männer, bei denen man es einfach nicht denkt. Es gibt keine bestimmte Art Mann, der zu Prostituierten geht: Vom Anwalt über den Manager bis hin zum Bandarbeiter war alles dabei. Man kann auch keine soziale oder intellektuelle Schicht ausmachen.

In einer Szene schwärmt Rita für einen Freier. Hatten die Frauen die Hoffnung, dass ein Mann kommt, der sie da rausholt?

Ja, das war tatsächlich so. Die Frauen leben zwar in einem Wohnwagen und üben dort diesen Job aus, aber sie sind ja trotzdem noch Menschen, die auch andere Facetten haben. Sie haben sich auch verliebt und hatten natürlich auch ein Sozialleben. Aber diese Hoffnungen sind aufgrund der schlechten Erfahrungen schnell verblasst. So sehr, dass sie ihren allgemeinen Glauben an die Männer verloren haben. So klischeehaft das klingt.

Was vom Dreh ist dir in Erinnerung geblieben?

Neben ihrer Arbeit im Wohnwagen versucht Rita auch als Prostituierte in einem Club anzuheuern. Da sitzen dann diese drei schrecklichen Typen, die sich aber etwas anderes wünschen als Rita, die aus Nigeria kommt. Sie wollen eine „weiße Frau“. Da ging ganz viel für mich kaputt. Rita fragt dann noch einmal den Besitzer und bittet darum, dort arbeiten zu dürfen. Dieser ist ein knallharter Geschäftsmann und sagt nein. Er will weiße Frauen, weil er mit denen mehr Geld verdient. Weiß läuft, schwarz nicht. Das ist natürlich hochgradig rassistisch. Da wurde es mir richtig schlecht und ich musste rausgehen.

Musstest du dich zusammenreißen, da nicht einzugreifen?

Ja, ich musste aufpassen, dass ich nicht ausflippe und dem Typen rechts und links eine wische. Aber in erster Linie sind wir Filmemacher. Wenn wir eingreifen, können wir die Wirklichkeit nicht dokumentieren. Wir greifen ein, sobald Gewalt passiert, aber bis zu einem bestimmten Punkt ist es unser Job, die Sachen zu beobachten. Für mich gehört es aber auch dazu, die Protagonisten im Nachhinein aufzufangen, sie nicht alleine zu lassen und ihnen auch andere Wege aufzuzeigen.

„Wenn man einmal als Prostituierte gearbeitet hat, gibt es eine große Scham und aufgrund dieser ist es schwer aufzuhören.“

Viele würden jetzt wahrscheinlich sagen, dass es immer andere Wege gibt.

Aus der Perspektive eines Deutschen, der eine gute Bildung und einen deutschen Pass hat, ist das einfach zu sagen. Aber für jemanden, der aus dem Ausland kommt, der Verantwortung für die Menschen Zuhause spürt und schnell an Geld kommen muss, ist Prostitution oftmals der einfachste Weg. Es ist der falsche, aber die Frauen sehen es als eine Chance. Sie kommen motiviert in Deutschland an, um dann festzustellen, dass es nicht einfach ist, Geld zu verdienen. Das hat viel mit Verantwortung, Gesellschaft und dem kapitalistischen System zutun.

Hinzu kommt ein Stigma: Wenn man einmal als Prostituierte gearbeitet hat, gibt es eine große Scham und aufgrund dieser ist es schwer aufzuhören. Rita sagte einmal, sie habe das Gefühl, egal wo sie ist, dass man es ihr ansieht. „Die Leute sehen, dass ich als Prostituierte arbeite“, hat sie gesagt. Das ist ein Gefühl, das durch diesen Missbrauch kommt. Das Gefühl, wertlos zu sein. Dieses Stigma war für sie ein Problem, wieder Mut zu fassen und in einen normaleren Beruf einzusteigen.

Waren die Frauen deiner Beobachtung nach Gewalt ausgesetzt?

Während der Dreharbeiten hat sich das natürlich kein Freier getraut. Aber die Frauen haben trotzdem schlimme Sachen erlebt. Da war dieser Typ, der sich „Deep-Throat“ mit „schlucken“ von Rita wünschte. Danach war sie halt einfach total fertig. In so einem Fall ist sie keine Sexarbeiterin mehr, sondern ein Gewaltopfer. Das ist ein ganz schmaler Grat. Die Frauen werden menschlich und seelisch verschlissen.

LOVEMOBIL - Film Teaser

Während den Dreharbeiten passierte ein Mord. Eine Prostituierte in Rita und Milenas Nachbarschaft wurde von einem Freier umgebracht. Was hat das mit den Frauen gemacht?

Die ganze Szene war erschüttert. Im Grunde hat dieser Mord dazu geführt, dass die Frauen anfingen, aufzubrechen. Milena ist danach zu einer Freundin nach Berlin gezogen. Dort arbeitet sie nun in einer Bar. Rita hat das eher von sich weg geschoben, aber man hat gemerkt, dass auch sie es dann nicht mehr im Lovemobil ausgehalten hat. Sie ist dann zurück nach Nigeria. 

Prostitution durchläuft gerade einen Imagewandel. Vom Zwang hin zur selbstbestimmten Sexarbeiterin. Wie bewertest du das?

Ich spüre diesen Wandel auch, aber man muss da aufpassen. Jeder Mensch hat das Recht über seinen Körper zu bestimmten. Wenn Frauen sich mit absoluter Freiwilligkeit prostituieren, ist das okay. Das ist der feministische Gedanke dahinter. Aber der gleiche feministische Gedanke ist, dass man Frauen schützen muss, die ausgebeutet werden. Das sind oftmals Frauen, die aus dem Ausland kommen, die es nur für das Geld machen.

Man muss unterscheiden, ob es eine deutsche Frau ist, die alle Möglichkeiten hat und sich selbst dazu entschließt. Oder ob es eine Frau aus Bulgarien oder Nigeria ist, die es eigentlich nur macht, weil sie über die Runden kommen will. Diese Frauen erleben dann nicht immer einen Zwang, im Sinne, dass sie dazu genötigt werden, aber es sind wirtschaftliche Zwänge. Ich glaube die selbstbestimmte Sexworkerin oder Domina, das sind sehr wenige. Das sind die Frauen, die an die Öffentlichkeit treten, weil sie das ja auch wollen. Es ist wichtig und richtig, dass es das gibt, aber es überschattet alles andere. Der größte Teil findet noch immer im Dunkeln statt. Man muss differenzieren zwischen Gewaltopfern, Zwangsprostitution und Selbstbestimmtheit.

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