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Foto: youtube / Bundeswehr / freepik / Collage: jetzt.de

Dafür, dass Robert Marc Lehmann angeblich Outdoor-Spezialist ist, heult er sehr viel rum. Der Tierfilmer hat es sich laut Ankündigung zur Aufgabe gemacht, als „einer von euch“, also von „uns“, die KSK (Kommando Spezialkräfte) beim Training im Dschungel zu begleiten, verpackt in der Youtube-Serie „KSK – kämpfe nie für dich allein“.

Die KSK hat nichts mit Sozialleistungen für Künstler zu tun, sondern ist ein Spezialkommando der Bundeswehr. Und da dieses nicht aus Tieren, aber ultimativ harten Kerls besteht, tut Lehmann als Vertreter von „uns“ Normalsterblichen alle paar Minuten irgendwas weh. Hintern, Knie, Oberschenkel, alles schmerzt, der Schlaf war beschissen, die Hängematte war scheiße, dann regnet's auch noch. Und kein frisches paar Socken mehr da! Alles zu heiß, zu kalt, zu nass.

Die echten KSKler betonen unterdessen ständig, wie wenig ihnen das alles anhaben kann, von Regentropfen bis Giftschlange. Sie sind sehr hart, so viel ist sicher. Was sie sonst machen: geheime Dinge, Terrorbekämpfung, Geiselbefreiung et cetera. Und weil von den tatsächlichen Taktiken und so weiter nichts an die Öffentlichkeit dringen darf, begleitet Lehmann genau genommen auch nicht die KSK selbst, sondern deren Unterstützer-Kompanie. Hatte ich schon erwähnt, dass das sehr sehr harte Kerle sind? Manchmal müssen sie sogar ihre Hängematten im Dunklen aufbauen. Richtig krass, findet „unser“ Protagonist.

Wer will, könnte sich 24 Stunden am Tag auf drölfzig Plattformen mit der KSK beschäftigen

Tatsächlich ist Lehmann, der mit Vollbart und bunt verspiegelter Sportsonnenbrille aussieht wie eine Kreuzung aus Kollegah und einem Rave-Insekt, nicht im Auftrag von „uns“ unterwegs, sondern vielmehr als eine Art embedded influencer, bezahlt von der Bundeswehr. Die hat wegen des Endes der Wehrpflicht ein Nachwuchs-Problem, weswegen sie für die Produktion und Vermarktung der KSK-Serie ganze sechs Millionen Euro in die Hand genommen hat. Die flossen wiederum nicht nur in die Serie und Plakatwände in deutschen Großstädten, sondern auch in eigene Accounts auf Instagram, Facebook und Snapchat, in Spotify-Playlists, einen i-Tunes-Podcast und ein KSK-Workout auf Alexa.

Dazu noch ein Whatsapp-Chatbot, der auf Wunsch Miniclips, Audio-Nachrichten und Bildern in „unsere“ Handys „ballert“, um es mal in Lehmanns Sprache auszudrücken. Wer will, könnte sich also locker 24 Stunden am Tag auf drölfzig Plattformen ausschließlich mit der KSK beschäftigen. Und das sieht durchaus zeitgemäß aus: Schnelle Cuts, 4-Blocks-Hip-Hop, Ballerspiel-Ästhetik und ein bisschen Bear-Grylls-Atmosphäre, was will man mehr? Ob sich das ganze tatsächlich als „Deutschlands erste Whatsapp-Serie“ bezeichnen lässt, nur weil man sich per Abo in sehr unregelmäßigen Abständen kumpelige Nachrichten und Clips schicken lassen kann? Eher weniger.

Aber auch das Kernstück, die „Doku“ selbst, lässt vermutlich beim Bundeswehr-affinen Zuschauer Fragen offen. Problem des Konzepts: Rein inhaltlich kommt außer der „Ihr seid so hart und ich so schwach“–Gebetsmühle von Erklärbär Lehmann ziemlich wenig an. „Wer sind die Menschen hinter den Masken? Wie geht's denen? Sind die cool?“ Das fragt sich Lehmann vor seiner Abreise in den Dschungel. Außer ihren Decknamen und, achja, hatte ich schon erwähnt, dass sie sehr hart im Nehmen sind, erfährt man kaum etwas über die Hintergründe oder den Alltag eines KSK-Soldaten. Neben seiner Kleinjungen-Begeisterung für Survivalkram und dem Mitfliegen in einem Huschrauber-Modell, das schon den Amerikanern in Vietnam bei mehr als fragwürdigen Einsätzen geholfen hat („100 Meter über'm Boden, Rauchgranate geworfen, Alter war das geil!“) vergisst Lehmann sein vermeintliches Vorhaben, hinter die Kulissen zu blicken.

Die „KSK“-Folgen haben meist Hunterttausende Aufrufe

Dass dabei auch jede auch nur im Ansatz kritische Nachfrage zum Thema Bundeswehr ausbleibt – eh klar. Wenn Hauptfeldwebel Dieter zum Beispiel im Training rät, dass man bei einer Personenkontrolle in einem fremden Land „einem Typen nicht gleich in den Kopf schießen“ muss, wenn er ein Taschenmesser trägt, wäre vielleicht ein kleine Nachfrage zum Thema Professionalität nicht verkehrt gewesen. Naja, den Klickzahlen tut das keinen Abklang, die „KSK“-Folgen haben meist Hunterttausende Aufrufe und dürften wie die Vorgängerserien „Die Rekruten“ und „Mali“ die Zugriffe auf die Bewerberplattformen etwas erhöhen.

Betrachtet man „KSK“ aber tatsächlich als Doku-Serie, fragt man sich, ob sich Lehmanns ach so kräftezehrender Einsatz gelohnt hat. Lernt man einen Menschen hinter der Maske tatsächlich näher kennen, wenn man ihm nicht mehr entlockt als Weisheiten wie „Eine Gruppe ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied“, „Quäle deinen Körper, oder dein Körper quält dich“ oder „Der Dschungel kann dein Freund sein, oder dein Feind sein“? Man würde es Lehmann gönnen, irgendwie ist er ja ganz nett. „Zerschunden, zerstochen, zerdschungelt“ sei er, sagt er nach ein paar Tagen Urwald. Für uns! Es war wohl leider umsonst.

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