Von der Gefangenen zur Youtuberin

Früher war Jessica Kent im Gefängnis und drogensüchtig. Jetzt klärt sie über das Strafjustizsystem in den USA auf.
Von Franziska Setare Koohestani
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Foto: privat; Bearbeitung: jetzt

Die gesamte Schwangerschaft über haben ihr die anderen Insassinnen Schreckliches prophezeit. Man würde ihr das Baby wegnehmen. Niemals würde sie das Sorgerecht bekommen. Deshalb hat Jessica einen Entschluss gefasst: Sie wird ihr Baby nach der Geburt nicht ansehen. Dadurch wird sie es auch nicht lieben. Und somit bleibt ihr aller Trennungsschmerz erspart. Als es soweit ist, wendet sie ihren Blick sofort von dem Neugeborenen ab. Doch dann befiehlt die anwesende Justizvollzugsbeamtin: „Jetzt schau schon hin, Mädchen!“. Jessica gehorcht und verliebt sich augenblicklich in ihr Baby. Vier Stunden später folgt dann ein weiterer Befehl: Jessicas Füße müssen sofort an das Bett gefesselt werden. Das sei Vorschrift. Nach 48 Stunden nimmt man ihr das Baby dann weg, es kommt zu einer Pflegefamilie. Jessica selbst muss zurück in die Gefängniszelle. Danach kann sie wochenlang nicht sprechen, hat Suizidgedanken. Ihre Brüste müssen abgebunden werden, sie produzieren weiterhin Milch für die verlorene Tochter, die sie nicht stillen kann. Die seelischen und körperlichen Schmerzen sind unerträglich. Aber bald. Bald würde alles besser werden. 

I Had A Baby In Pr*son

 „I Had a Baby in Prison“, heißt das Youtube-Video, in dem Jessica Kent über die Gefängnis-Geburt ihrer ersten Tochter spricht. Es ist mit 1,5 Millionen Aufrufen das meistgeklickte auf ihrem Kanal. In dem Video sitzt sie vor einem ordentlich gemachten Bett, geschmückt mit pastellrosafarbenen Kissen und weißen Blumen – darüber hängt ein eingerahmtes Schild mit dem Schriftzug „Thankful“, dankbar. Dieses Set-Up ist zwar typisch für Youtube, aber nicht für die Rolle, die Jessica auf der Plattform einnimmt: Sie ist „Prison-Youtuberin“. Ihre Videos handeln also von Drogensucht, psychischen Krankheiten und ihren eigenen Erlebnissen hinter Gittern. Damit ist sie eine von nur zwei Frauen, die auf Youtube reichweitenstarken Gefängnis-Content hochladen. Denn „Prison-Youtube“ besteht sonst vornehmlich aus tättowierten, breitschultrigen Männern, die mehr oder weniger mackerhaft ihre Gefängnis-Überlebensstrategien teilen. Aber Jessicas Kanal ist anders: Sie möchte kritisch über das Gefängnissystem sprechen, über Ungerechtigkeiten und die Notwendigkeit von Reformen. 

Ihren Kanal betreibt sie nicht vom Gefängnis aus, das ist nicht erlaubt. Auch wurde sie bereits vor sieben Jahren entlassen – diese Distanz war ihr aber wichtig, um reflektierter auf die Vergangenheit im Knast blicken zu können. Während Jessica im Video von der Gefängnis-Geburt ihrer Tochter berichtet, spricht sie klar und fest, fixiert mit wachem Blick die Kamera und wirkt erstaunlich gefasst. Doch je mehr sich die Geschichte dem Moment der Entbindung nähert, desto öfter muss sie seufzen, sich mit den Händen Luft ins Gesicht fächern, die Fassung wiedergewinnen. Dann füllen sich ihre großen Augen mit Tränen. 

„Ich konnte im Gefängnis genauso leicht an Drogen kommen wie draußen“

„Nach der Geburt meiner Tochter im Gefängnis zu sein, war die schwierigste Erfahrung meines Lebens“, erzählt Jessica, 30, im Videochat mit jetzt. „Aber ich habe auch plötzlich angefangen, mich zu fragen: Warum ist alles so gelaufen? Nach und nach habe ich verstanden, dass ich nicht nur gegen die Drogensucht kämpfe, sondern auch gegen Depressionen und Traumata.“ Jessica ist davon überzeugt, dass Drogenabhängige eine Suchtbehandlung, einen betreuten Entzug benötigen – und nicht eine Gefängnisstrafe, wie in den USA üblich. Sie sagt: „Gefängnisse sind wichtig in unserer Gesellschaft. Aber müssen wir jede suchtkranke Person einsperren? Ich denke nicht.“ 

Kontrovers ist das Gefängnissystem in den USA in vielerlei Hinsicht. Zum Beispiel, weil die Gefängnisse in einigen Bundesstaaten von privaten Unternehmen betrieben werden, die davon profitieren, wenn die Gefängnisse ausgelastet sind (allein für Anrufe mit Angehörigen müssen die Insass*innen zahlen). Die Gefangenenrate in den USA ist eine der höchsten weltweit – mit 431 Gefangenen auf 100 000 Einwohner*innen (Stand: 2018). Das hängt auch mit den hohen Mindeststrafen für den Besitz und Handel von Drogen in den USA zusammen – den sogenannten mandatory sentences. „Außerdem ist das Gefängnissystem hier auch ziemlich korrupt“, sagt Jessica im Videochat und erläutert sofort: „Ich konnte im Gefängnis genauso leicht an Drogen kommen wie draußen.“

Besonders beliebt sind auch die Videos über Gefängnis-Make-up oder Gefängnis-Hautpflege-Routine

Das Konzept von Jessicas Youtube-Kanal ist eine Mischung aus Unterhaltung und Aufklärung. Sie möchte also über das Gefängnissystem, die Ursachen von psychischen Erkrankungen und Drogenkriminalität aufklären, aber dabei auch unterhalten. Deshalb zeigt sie beispielsweise, wie sie aus den im Gefängnis erhältlichen Zutaten Pizza oder Kuchen macht. Besonders beliebt sind auch die Videos über Gefängnis-Make-up oder Gefängnis-Hautpflege-Routine. Sie zeigt, wie sie mit einem Stück Seife, Wasser und einer Zahnbürste – denn viel mehr bekamen die Insassinnen nicht – ihre Gesichtshaut peelt. „Ich möchte meine Zuschauer*innen auf eine kreative Weise informieren“, erklärt Jessica. „Wenn ich in einem Video über etwas rede, das vermeintlich oberflächlich ist, versuche ich dort zum Beispiel auch die Gefängnisreform anzusprechen“.  Sie möchte dadurch ganz unterschiedliche Menschen erreichen. Auch solche, die sich vielleicht nur für Beauty-Videos interessieren und dafür auf ihre Videos klicken – und nicht für das Gefängnissystem. Dadurch, dass es nur wenige weibliche „Prison-Youtuberinnen“ gibt, thematisiert Jessica auch, warum das Gefängnissystem insbesondere Frauen benachteiligt. Dann erzählt sie zum Beispiel, dass sie für ihre Periode jeweils nur ein bis zwei Binden pro Tag bekam, Tampons hingegen teuer kaufen musste. Sie habe Frauen gesehen, die deshalb ihre Kleidung vollbluteten. Durch ihre Kanal-Konzept hofft Jessica, eine breite Diskussion über das Strafjustizsystem und soziale Ungleichheit in den USA befördern. Die pädagogische Absicht merkt man ihr nur manchmal an der bedachten Sprechweise an.

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Foto: privat

Schon mit neun Jahren wurde sie das erste Mal von Polizist*innen festgenommen

Das typisch US-amerikanische Mantra: „Du kannst alles schaffen, wenn du nur hart genug dafür arbeitest“ ist nicht unbedingt das, was Jessica vermitteln will. Ihr geht es weniger um den American Dream als um die American Reality – also die real-gesellschaftlichen Strukturen, die es manchen Menschen leichter und manchen schwerer machen, ein gutes Leben zu führen: „Unser System ist darauf ausgerichtet, dass arme Menschen arm bleiben. Ich selbst bin in Armut aufgewachsen. Da rauszukommen ist unheimlich schwer”, sagt sie. Laut dem „Weltbericht zur globalen Ungleichheit 2018” ist die Vermögensungleichheit ist den USA tatsächlich seit den 80ern stark gewachsen und deutlich höher als in Westeuropa. Und das wirkt sich auf die Chancengleichheit aus: 20 bis 30 Prozent der Kinder von Eltern mit dem geringsten Einkommen nehmen später ein Studium auf – verglichen mit neunzig Prozent bei Kindern der einkommensstärksten Eltern. „Es muss sich etwas verändern“, findet Jessica. Schon mit neun Jahren wurde sie das erste Mal von Polizist*innen festgenommen, weil sie von zu Hause weggelaufen war. Sie sagt, sie sei ein nerdiges Kind gewesen, das am liebsten allein mit einem Buch in der Ecke saß. Schon früh hätten ihr die Erwachsenen gesagt, dass sie ein große Begabung, Intelligenz und Potential habe. Aus ihr würde mal was werden. Doch die Erwartungen der Anderen weckten in Jessica nur den Widerstand. Mit zwölf fing sie an zu kiffen und Alkohol zu trinken. Schon als Jugendliche begann sie, selbst Drogen zu dealen – und wurde abhängig von Heroin, Methamphetamin und dem Schmerzmittel Oxycodon. „Ich war außer Kontrolle“, sagt sie heute. Mit Anfang 20 musste sie immer wieder Haftstrafen für Drogenbesitz und -handel in Gefängnissen absitzen. Der Schnitt kam erst durch die Geburt ihrer Tochter Micah. 

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Jessica heute und bei ihrer Verhaftung.

Foto: privat

Bei sich trug sie nur eine auseinanderfallende Bibel, ein paar Briefe und ihr Tagebuch

Als Jessica das letzte Mal aus dem Gefängnis entlassen wurde, trug sie eine Jogginghose mit der Aufschrift ihrer Gefangenennummer – und Badeschuhe. Jessica hatte keine Familie in der Nähe, an die sie sich hätte wenden können. Bei sich trug sie nur eine auseinanderfallende Bibel, ein paar Briefe und ihr Tagebuch. Trotz der schwierigen Ausgangslage setzte sie alles daran, das Sorgerecht für ihre Tochter zu bekommen. Dafür wurde Jessica clean, arbeitete in mehreren Jobs, absolvierte regelmäßig psychologische Test und Drogen-Screenings, machte einen Führerschein, zog in eine eigene Wohnung. Als ihre Tochter zwei Jahre alt war, gestand das Gericht ihr das volle Sorgerecht zu.

Heute ist Jessica 30 Jahre alt und lebt mit zwei Töchtern und ihrem Partner in Illinois, USA. Sie hat einen Bachelor-Abschluss in „Correctional Program Support Services“ gemacht. Dadurch hat sie viel über das Strafjustizsystem in den USA gelernt sowie über die Möglichkeiten, Betroffene zu unterstützen. Neben Youtube hat sie vor kurzem einen Podcast gestartet und schreibt ihre Autobiografie. Auf die Frage, was sie durch all das an andere Menschen vermitteln möchte, antwortet sie mit einem Wort: „Hoffnung“. Ein kleines Bisschen American-Dream-Feeling bleibt dann doch.

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