Betreff: Liebe Grüße aus dem Knast

Das Studentenprojekt "crimeic" ist eine kleine Revolution: Häftlinge schreiben E-Mails mit Polizeistudenten.
Von Mirjam Uhrich
Collage: Daniela Rudolf

Vielleicht ist er schlank, hat braune Haare. Oder er hat eine Glatze. Vielleicht hat er ein Tattoo am linken Oberarm oder er trägt Brille. Oder beides. Lena (Name geändert) weiß es nicht. Sie kennt noch nicht mal seinen Namen. Nur drei Dinge sind sicher: Er ist ein Mann, Ende 20 und Verbrecher. Deswegen sitzt er in der JVA Wolfenbüttel. „Natürlich hab’ ich mir darüber schon Gedanken gemacht. Ich weiß nicht, was er gemacht hat und letztlich will ich das auch gar nicht wissen. Wenn jetzt rauskommen würde, er wäre Mörder oder hätte ein Kind missbraucht, wüsste ich nicht, wie ich damit umgehe“, sagt die Polizeistudentin. 

Denn diesem Fremden schreibt die 20-Jährige jede Woche lange E-Mails – und er ihr. Auch, wenn sie nicht weiß, ob er Schnurrbart trägt oder ob er Flo heißt, kennt sie ihn ziemlich gut. So gut wie kaum jemand. Lena und Flo (der in diesem Text so heißen soll) sind Brieffreunde. Besser gesagt: E-Mail-Freunde. Die beiden machen beim Hamburger Studentenprojekt "crimeic" mit. Für eine Masterarbeit schreiben sich Polizeistudenten und Häftlinge drei Monate lang E-Mails. 

Aber für Flo ist Lena viel mehr als ein Mailkontakt. Für ihn ist Lena seine Brücke in die Freiheit, seine Flucht in die Normalität. Er hat sonst niemanden, dem er sich anvertrauen kann. Seit einer gefühlten Ewigkeit sitzt er im Gefängnis. Allein. Die Zeit zieht sich. Kaum Besuch. Kein Anruf. Keine Post. Nur er und sein Gedankenkarrusell – und seit November gibt es da noch die E-Mails von Lena.

„Im Knast fühlt man sich nutzlos. Mir gibt es Sinn, mit jemandem zu schreiben, der sich für mich interessiert.“ *

Die Mails sind sein Highlight. Die ganze Woche fiebert er darauf hin. Endlich wieder den PC hochfahren, das Programm öffnen und sich einloggen. Meistens weiß er schon, was er Lena schreiben wird. Wenn ihm in seiner Zelle ein Gedanke in den Kopf schießt, notiert er ihn sich gleich. Damit er nicht vergisst, Lena davon zu erzählen. Mal schreibt er nur ein paar Zeilen, manchmal sind es eher Romane.

„Ich freue mich auf jede Nachricht!“ 

„Schade, wenn mal keine Antwort da ist.“ *

Am Anfang sind beide vorsichtig. Sie schreiben über den Alltag im Gefängnis, wenig über Gefühle. „Ich konnte mir nicht so wirklich vorstellen, wie das läuft. Auf der einen Seite Polizei, auf der anderen Verbrecher. Wer hat denn Interesse, mit einer Polizistin zu schreiben? Und dann wusste ich auch erstmal gar nicht so genau: Über was wollen wir denn schreiben?“, erinnert sich Lena. Sie schreibt unter einem Pseudonym, verschweigt ihm, dass sie eine Frau ist.

Aber mit jeder Mail lernen sie einander besser kennen. An Gesprächsstoff mangelt es ihnen nicht. Sie entdecken, dass sie die gleichen Hobbys teilen. Beide treiben viel Sport. „Das ist genauso ein Mensch, der sich für Sport interessiert, der auch morgens aufsteht, zur Arbeit geht. Nur halt an einem anderen Ort. Dieses Projekt gibt einem die Möglichkeit, von Vorurteilen abzurücken und so eine andere Seite zu sehen“, erklärt Lena.

„Mir ist es wichtig, mal aus dem Alltag rauszukommen. Privat sein zu dürfen.“ *

Häftlinge schreiben E-Mails – das gab es in Deutschland bisher nicht. Noch machen die meisten Gefängniswärter einen großen Bogen um das Internet. Die Gefahr des Missbrauchs ist ihnen zu groß. Aber nach langem Tüfteln haben es die beiden Masterstudenten Tim Krenzel und Peter Kalmbach geschafft, die Risiken zu minimieren. „Im Computerraum ist alles safe, da kann man nur auf unsere Seite kommen. Die Häftlinge können nicht noch irgendwelche anderen Seiten öffnen“, erklärt Tim. Unter strengen Auflagen konnten sie ihr Projekt in der JVA Wolfenbüttel realisieren. Drei Monate haben sich Polizeistudenten und Häftlinge geschrieben, nun geht es an die Auswertung. Schon jetzt ist klar: Das Projekt lief super.

Illustration: Julia Schubert

„Wir haben nicht viel Abwechslung - es macht daher viel Freude.“

„Ich bin stolz, dabei sein zu dürfen.“ *

 

Tim und Peter planen nichts Geringeres als eine Revolution: Das Ehrenamt im Strafvollzug soll online gehen. „Natürlich gibt es schon Menschen, die Inhaftierte besuchen. Da gibt es ganze Bastelgruppen. Aber: Man muss die Zeit haben dafür. Ein junger Mensch, der arbeiten geht oder studiert, ist knapp mit der Zeit. Da ist es natürlich eine schöne Sache, wenn man zu Hause schnell eine Mail schreiben kann“, meint Peter.

 

Damit das Projekt bundesweit laufen könnte, müsste sich noch einiges ändern. In vielen Gefängnissen gibt es noch keine Computer. Und selbst wenn es einen Computerraum wie in der JVA Wolfenbüttel gibt: Immer muss erst ein Wärter Zeit haben, den Häftling dorthin zu begleiten. „Wer in einer JVA auch nur hundert Meter zurücklegen will, der muss durch viele Türen. Und jede Tür muss von jemandem aufgesperrt werden. Das kostet menschliche Ressourcen“, erklärt Peter. Die beiden Masterstudenten wollen ihre Plattform deshalb direkt in die Zellen bringen. Im Laufe des Jahres sind die ersten Gespräche mit Gefängnisleitern.

 

Lena und Flo müssen sich in diesen Tagen voneinander verabschieden. Nach drei Monaten ist das Projekt jetzt vorbei.  Das wird schwer – vor allem für Flo. „Er hat mir schon geschrieben, dass es ihn bedrückt, dass es jetzt zu Ende geht. Es ist für ihn ein Kontakt zur Außenwelt und auch eine Ablenkung zum Alltag“, erzählt Lena. Auch sie würde gerne weiter machen. Vielleicht ist das Ende des Jahres schon möglich.

 

 

*Die Zitate stammen aus Gesprächen, die Peter Kalmbach mit den Häftlingen geführt hat.  

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