Volker Bruch

Volker Bruch

Foto: Frédéric Batier / X Filme 2017

Am Donnerstagabend feierte „Babylon Berlin“ Premiere im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin. Die Serie basiert auf dem 20er-Jahre-Krimi „Der nasse Fisch“ von Volker Kutscher und gilt als der bisher wohl ambitionierteste Versuch, deutschem Fernsehen den Bombast einer Netflix-Produktion zu verschaffen. Denn das Budget beträgt 38 Millionen Euro, ARD und SKY haben kooperiert, die Autoren und Regisseure heißen Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloetgen .​

Wir haben uns am Vortag mit dem Hauptdarsteller Volker Bruch zum Interview getroffen, stilecht in einer antik wirkenden Wohnung über dem Berliner Nobel-Schnitzelrestaurant „Borchardt“. Er spielt Gereon Rath, einen aus Köln stammenden Komissar, der im Berlin der Weimarer Republik immer tiefer in ein Netz aus Porno-Ringen, Korruption und politischen Umsturzversuchen eindringt. Hauptdarstellerin Liv Maria Fries ist leider krank, ein gut gelaunter Volker Bruch aber umso motivierter, uns im Alleingang von der Einzigartigkeit von „Babylon Berlin“ zu überzeugen.

jetzt: „Babylon Berlin“ ist angetreten, um die deutsche Serienlandschaft mit brutalem Aufwand auf ein neues Niveau zu bringen. Ist das gelungen?

Volker Bruch: Ich finde ja! Ich habe sowas noch nicht gesehen. Beim Dreh haben wir es Gott sei Dank geschafft, diesen Anspruch und Erfolgsdruck halbwegs von uns fernzuhalten. 

Warum musste es eigentlich ausgerechnet ein Krimi sein? Ist das neben dem ganzen wohltuenden Bombast von „Babylon Berlin“ das letzte Zugeständnis an die deutsche Tatort-Kartoffel?

Ich habe erstmal gar nichts gegen das Genre Kriminalfilm. Die Prämisse war allerdings auch, dass die Kriminalgeschichte nicht im Fokus stehen soll – sie dient eher als Vehikel, um in diese Zeit zu reisen. Der zu ermittelnde Fall ist da eher ein Vorwand, um andere Dinge zu erzählen. Im Laufe der Serie kommen da so viele weitere Ebenen hinzu, ein riesiges politisches und zeitgeschichtliches Geflecht – du kennst ja gerade mal die ersten vier Folgen!

Hat man bei dieser Vielzahl an Handlungssträngen beim Spielen überhaupt noch die große Erzählung im Kopf? Oder hangelt man sich eher von Szene zu Szene?

Ich muss Gott sei Dank hauptsächlich meine eigene Geschichte im Kopf haben. Die ist aber natürlich mit allen anderen verbunden, was es schon schwieriger macht – vor allem wenn man alles zunächst nur theoretisch und in Buchform vor sich hat und noch keine Gesichter zu den ganzen Namen kennt. Das war eigentlich die Hauptaufgabe in der Vorbereitung: Das Buch so gut zu kennen, dass man bei jedem Szenendreh genau weiß, was gerade passiert, mit wem man es zu tun hat und wie viel man als Figur gerade weiß.

Volker Bruch und Liv Lisa Fries in einer Szene aus "Babylon Berlin".

Volker Bruch und Liv Lisa Fries in einer Szene aus "Babylon Berlin".

Foto: dpa

 

Ist das auch das Schwierige als Schauspieler in einer modernen Serie – dass sie eigentlich angelegt ist, wie ein sehr, sehr langer Film?

Klar, wir haben das gedreht wie einen zwölfstündigen Film. Da konnte es passieren, dass wir an einem Tag Szenen aus Folge 8, 15 und 4 gedreht haben. Da konnte man leicht den Überblick verlieren. Durfte man aber nicht, weil die Zeit dafür viel zu knapp war. Beim entspannten Gucken hinterher macht genau dieses Fäden-Zusammenhalten aber dann wieder Spaß.

 

Die meisten Figuren in der Serie sind ambivalent angelegt, der Unterschied zwischen gut und böse ist schwer auszumachen. Nur Komissar Gereon Rath scheint halbwegs integer zu sein..

Abwarten! Es gibt bei vielen Charakteren einen „Nein! Wie kann der nur!“-Moment. Wie im echten Leben ist in der Serie so ziemlich jeder zu allem fähig. Ein „Das würde meine Figur niemals machen“ gibt es da nicht.

 

„Dieses Bewusstsein, Teil einer bestimmten Ära gewesen zu sein, gibt es immer nur hinterher“

 

Deine Figur Gereon Rath hat ja ein Geheimnis: Sein „Flattern“, ein schwer zu kontrollierendes Zittern am ganzen Körper aufgrund seiner Erlebnisse im 1. Weltkrieg. Wie hast du dich dem angenähert?

Da gibt es Videomaterial, dass man sich auf Youtube ansehen kann, wenn man zum Beispiel den englischen Begriff für das Zittern „Shellshock“ und „WWI“ eingibt. Da findet man furchtbare Aufnahmen, vom Trauma vollkommen zerfressene Körper. Die Krankheit kann auf ganz verschiedene Arten auftreten. Wir haben lange herumprobiert und uns darauf geeinigt, dass sich das Zittern bei Rath von der rechten Hand aus in den ganzen Körper ausbreitet.

 

Hast du das Gefühl, der Realität und den Empfindungen dieses Menschen im Deutschland der 20er-Jahre gerecht zu werden?

Natürlich vergesse ich beim Drehen nie, dass wir drehen. Dass da gerade eine Kamera aus dem 21. Jahrhundert steht und dass hinter der Absperrung Menschen mit Smartphones rumlaufen – da fühle ich mich nicht wie ein Mensch in den 20ern. Aber ich fühle mich ja auch jetzt und hier gerade nicht wie ein Mensch in den 2010ern. Dieses Bewusstsein, Teil einer bestimmten Ära gewesen zu sein, gibt es immer nur rückblickend, glaube ich.

 

In der Serie werden sehr viele aktuell diskutierte Themen verhandelt: Patriarchat, Polizeigewalt, soziale Ungerechtigkeiten. Ist das Absicht?

Nein, die Serie war nie als Spiegelbild der heutigen Zeit gedacht. Man kann da natürlich Parallelen sehen, Geschichte wiederholt sich ja leider auch, das war aber nie vorsätzlich. Ich würde mich sogar dagegen wehren: Die ganze Serie, alle gesellschaftlichen Geschehnisse, beziehen sich klar auf das Berlin der 20er. Und das ist spannend genug, auch ohne erzwungene Gegenwartsbezüge.

 

Eine Zeit, in der du gerne gelebt hättest?

Das käme natürlich ein bisschen darauf an, an welchem Ende der damals riesigen sozialen Schere ich landen würde. Aber eigentlich reizen mich solche Gedankenexperimente nicht sonderlich. Die Menschen sind sich, glaube ich, immer sehr ähnlich, haben die gleichen Bedürfnisse und Ängste. Und letzten Endes kann man bei dem Versuch, diese damalige Lebenswelt mit absoluter Konsequenz nachzuempfinden, nur scheitern: Ich müsste mir vorstellen, wie ich dort als Kind aufgewachsen wäre und dass ich jetzt schon tot wäre und so weiter. Das funktioniert eigentlich überhaupt nicht!

 

„Das war im Vergleich zu anderen Jahrzehnten eine sehr progressive, moderne Zeit“

 

Du hast dich also nicht vor dem Dreh mit Geschichtsbüchern, Zeitzeugenberichten und  Schellackplatten in deine Wohnung eingesperrt?

Wir haben uns drei Monate lang jeden Donnerstagabend getroffen, alle Head-of-Department-Menschen und ihre Teams, in etwa hundert Leute. Und dann hat uns ein Historiker etwas über sein Spezialgebiet erzählt, zum Beispiel über den Polizeiapparat im Berlin der Weimarer Republik, das Rotlichtmilieu oder die Rolle der Frau. Das war natürlich spannend und wichtig. Aber dieses tatsächliche Hineinversetzen, dieses „wie hätte ich damals gelebt?“, das interessiert mich einfach nicht. Meine Kollegin Liv, die Charlotte Ritter spielt, tickt da übrigens völlig anders. Die hat alles ihre Rolle berührende wie irre nachrecherchiert und versucht, das tatsächlich zu spüren. Und darüber hat sie dann die Sicherheit bekommen, die sie zum Spielen brauchte. Das macht jeder anders.

 

War der Rest des Teams ähnlich penibel?

Die Bücher von Volker Kutscher sind ja schon eine abartig gut recherchierte Vorlage. Aber auch in unserem Team hatten viele eine Riesenfreude an Details, wie zum Beispiel der Nachbildung der Karstadtbaustelle am Hermannplatz, die in einer Szene kurz zu sehen ist. Unser Kostümbildner Pierre-Yves hat in ganz Europa hundert Jahre alte Stoffrollen aufgekauft und daraus unsere Anzüge schneidern lassen. Das ist schon ein ziemlicher Nerd-Wahnsinn, aber solche Detailverliebtheit ist für die Wirkung der Serie eben auch wichtig.

 

Verfällt man bei zu viel historischer Korrektheit nicht in einen etwas verschnarchten Guido-Knopp-Modus? 

Wenn ich zum Beispiel als SchauspieleRRR immeRR so spRRRechen wüRRRde wie Menschen das damals getan haben, würde man direkt eine Riesendistanz zur heutigen Zeit aufbauen. Alles würde plötzlich museal wirken, antiquarisch. Dabei war das ja im Vergleich zu anderen Jahrzehnten eine sehr progressive, moderne Zeit. Und um diese Distanz nicht aufkommen zu lassen, macht man natürlich Kompromisse, zum Beispiel eben in der Sprache.

 

Der Soundtrack klingt auch vergleichsweise modern, nach einer Art Afterhour-Charleston...

Klar, das ist zwar schon Charleston, aber auch mit Brücken zu heute, zu elektronischen Sachen. Und ein paar Songs von Bryan Ferry, der in einer Folge sogar einen Cameo hat – als Bryan Ferry! In solchen Momenten ganz offensichtlich die historische Korrektheit zu durchbrechen – das ist die Art von Gegenwartsbezug, die mir gefällt.

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