Serien auf Deutsch zu schauen ist viel toller, als alle behaupten

Denn die Synchronisierungen haben ihren eigenen Charme und bedeuten auch Teilhabe für Menschen, die nicht gut Englisch sprechen.
Von Johanna Roth

Foto: imago; Illustration Jessy Asmus

Wir haben fast 2019, wir leben in einer liberalen und toleranten Gesellschaft, quasi alles ist erlaubt. Aber um sich innerhalb weniger Sekunden zum echten Outlaw zu machen, muss man nur mal auf einer Party erwähnen, dass man Filme und Serien synchronisiert schaut. Da schlagen alle in stummem Entsetzen die Hand vor den Mund angesichts dieser Ungehörigkeit. „Stranger Things“, „Love“ oder „BoJack Horseman“ auf Deutsch statt im englischsprachigen Original zu gucken, ist das absolute No-Go unter allen, die sich weder als alt noch als blöd und uncool bezeichnen würden. Also die allermeisten von uns.

Die Argumente gegen die Synchronisation sind immer die gleichen: a) Sie ist schlechter. Denn viel Wichtiges aus dem Drehbuch geht verloren: Dialoge, Wortwitze und überhaupt das ganze Künstlerische, was sich die Autoren bei alldem gedacht haben. b) Sie nervt. Denn es ist anstrengend, der Handlung zu folgen und gleichzeitig im Kopf simultan zu dolmetschen, während man Mundbewegungen sieht, die überhaupt nicht zum Text passen. Und schließlich c), die größte Keule von allen: Es ist einfach nicht cool. Kannst du etwa kein Englisch???

Es kann tatsächlich nicht jeder Englisch, aber dazu gleich mehr. Der Punkt ist: Wieso müssen jetzt auch noch die Wiedergabe-Einstellungen bei Netflix ein Gradmesser unserer Gesellschaftsfähigkeit sein? Die Synchronisation gehört endlich raus aus der Loser-Ecke. Mehr noch: Es ist an der Zeit, Synchronisationen auch mal zu loben. Ja, auch die schlechten.

Längst nicht alle können so perfekt Englisch, dass sie sofort jeden Witz verstehen

Im Synchronisationsprozess geht viel verloren, das stimmt schon. Auch, weil die Übersetzungen manchmal so schlecht sind, dass sich die Bedeutung verschiebt. Aus „Nobody puts Baby in a corner“ in „Dirty Dancing“ wurde „Mein Baby gehört zu mir“. Hä? Will er sie jetzt empowern oder über sie bestimmen? Manche Dinge lassen sich aber auch einfach nicht übersetzen. Naheliegendes Beispiel: „The Wire“, die beste Serie aller Zeiten, mit ihrem schon für Muttersprachler schwer zu folgenden Slang. „Burner“ wären auf Deutsch tatsächlich Prepaid-Handys, „stash house“ das Drogenversteck – aber so TKKG-mäßig redet ja kein Drogengangster, ob er sein Zeug nun in West Baltimore vertickt oder in Westberlin. Sowas stellt Übersetzer vor Probleme – aber keine unlösbaren. Im Zweifelsfall belässt man dann eben ein paar Wörter auf Englisch, die man sich auch aus dem Kontext der deutschen Übersetzung erschließen kann.

Denn es ist ja so: Längst nicht alle können so perfekt Englisch, dass sie sofort jeden Witz verstehen. Laut einer aktuellen Statistik schätzen 37 Prozent der Deutschen, die nach ihren Englisch-Skills befragt wurden, dass sie „keine oder geringe Kenntnisse“ hätten – und nur knapp 10 Prozent behaupten, sie sprächen „sehr gut“. Auch unter jungen Menschen, die mit Englisch ab der ersten Klasse und Anglizismen im Alltag aufgewachsen sind, gibt es solche, die drei Sprachen fließend sprechen, und solche, denen Fremdsprachen schwer fallen. Natürlich kann es da helfen, mehr englischsprachige Serien zu gucken. Aber ist es nicht genauso verständlich, wenn man sich nicht auch noch beim Netflixen mit etwas quälen will, das einem einfach nicht so liegt?

Synchronisation bedeutet auch Teilhabe

Die flächendeckende Erwartungshaltung des kulturinteressierten Großstadtbewohners der Generation X bis Y, dass man selbstverständlich alles im Original zu gucken hat, ist also ziemlich arrogant. Denn wenn man diese Haltung weiter denkt, hieße das ja, dass bestimmte Medien nur einer gebildeten Elite vorbehalten sein sollen. Haben wir da seit der Erfindung des Buchdrucks nicht einiges dazugelernt? Synchronisation bedeutet auch Teilhabe und davon gibt es im Internet immer noch viel zu wenig.

Aber auch, wenn man Englisch perfekt versteht: Es entgeht jedem was, der nicht wenigstens ab und zu auf Deutsch guckt. Ein Stück Zeitgeschichte zum Beispiel: Gerade in älteren Produktionen, Film- und Serienklassiker wie „Die Nanny“ oder „Alf“, herrscht durch die deutsche Synchronisation eine ganz eigene Atmosphäre. „Weißt du…“ sagen da Frauen mit langen Locken und Ponyfrisur, während sie ein schnurloses Telefon von der Größe eines Herrenschuhs in der Hand wiegen, und es klingt total gekünstelt, denn das amerikanische „you know“ wird viel häufiger benutzt, als auf Deutsch Sätze mit „Weißt du“ eingeleitet werden. Aber diese Künstlichkeit gehört zur Plastik-Ästhetik des Fernsehens in den Achtziger und Neunzigern dazu, und die Formulierung kam in so gut wie jedem Film vor, der zu dieser Zeit entstanden ist. Für jemanden, der die Serien als Kind geschaut hat, als er noch nicht mal wusste, was Fernsehen auf Englisch heißt, fühlt sich das originaler an, als wenn Alf und E.T. plötzlich Englisch reden.

Oft passen die Stimmen der Schauspieler im Original auch einfach viel weniger zu der Figur als die der Synchronsprecher. Captain Lorca in „Star Trek Discovery“ ist so ein Fall, aber auch Rhys Ifans als spleeniger Mitbewohner von Hugh Grant in „Notting Hill“, der erst auf Deutsch genauso überdreht rüberkommt, wie er aussieht. Auch Hugh Grants deutsche Synchronstimme klingt immer ein wenig nach spätem Stimmbruch. So passt sie noch besser als seine echte zu diesem leicht tölpeligen, verklemmten, aber auch sehr charmanten Jungen, der er auch mit weit über 50 noch irgendwie ist. Und Sarah Jessica Parker spricht in „Sex and the City“ gegenüber ihrer deutschen Synchron-Kollegin so dermaßen blass und un-carrie-haft, dass sich die synchronisierte Fassung hier geradezu aufdrängt.

Fernsehen waren schließlich mal zur Unterhaltung gedacht und nicht als Teil des individuellen Lässigkeits-Portfolios

Bei Büchern greift der Original-Hype übrigens längst genauso um sich. Dabei gilt hier dasselbe wie bei Filmen: Übersetzen ist auch Kunst, ist nicht umsonst ein Beruf, den man studiert und für den Preise verliehen werden. Die Übersetzer, die die deutschen Fassungen schreiben, und die Schauspieler, die sie einsprechen, leisten einen Beitrag zum Werk selbst – ob einem das nun gefällt oder nicht. Dabei muss es nicht immer um Akkuratesse gehen, denn das Original kann man sowieso nie gleichwertig kopieren. Freunden wir uns doch damit an, dass Synchronisation etwas Neues schafft, auch wenn es dann ebenso absolute Geschmackssache ist wie das Original selbst – so wie die Arbeit des früheren Simpsons-Übersetzers Ivar Combrinck, dessen eigenwillige Drehbuch-Übersetzungen, bei denen so mancher Gag einfach verloren ging, einige Hardcore-Simpson-Kenner derart auf die Palme brachten, dass sie ganze Blogs mit minutiösen Aufzeichnungen der „schlampigen Synchronarbeit“ füllten.

Nur das Original gut finden dürfen ist was für Wichtigtuer. Das einzige, was man als Prämisse für unseren Medienkonsum ausgeben sollte: Jeder, wie er will und kann, Hauptsache, es gefällt. Lesen und Fernsehen waren schließlich mal zur Unterhaltung gedacht und nicht als Teil des individuellen Lässigkeits-Portfolios, das wir auf Instagram schon den Rest des Tages bedienen müssen. Daran können sich die Untertitel-Gourmets ruhig mal erinnern, wenn sie das nächste Mal jemanden zur persona non grata des 21. Jahrhunderts erklären, weil er oder sie sich nicht schämt, die deutsche Tonspur anzuschalten.

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