Warum Fernsehen besser ist als Netflix

Fernsehen macht nostalgisch. Wir sollten daran festhalten, wie unsere Eltern damals an den Zeitungen.
Von Lara Thiede
Foto: Camerique, Fotex / Camerique

Wenn ich meine Mutter besuche, weiß ich, dass mich Großartiges erwartet: Sie natürlich. Und ein Fernseher. Mein liebstes Lieblingsgerät, das ich allerdings – typisch für meine Generation – schon seit fünf Jahren selbst nicht mehr besitze. Schuld waren fehlende Anschlüsse, zu wenig Platz und vor allem: zu viel Internet. Das kann ja im Grunde alles, was der Fernseher auch kann. Aber eben nur im Grunde.

Das Fernsehen ist nach wie vor ein Leitmedium, das bei mir leitet wie kein anderes. Genauer: Es leitet um. Alle Gedanken, die mich bis eben noch bekümmert bis zerfressen haben, sind plötzlich lahm gelegt, das einzige, was mich jetzt noch interessiert, sind die Figuren auf dem Bildschirm – selbst, wenn sie die schlechtesten Schauspieler aller Zeiten sind. Fernsehen ist mein Opium. Netflix schafft das nicht. Denn dabei muss ich denken.

Viele mögen das ja an Netflix: Dass man ein großes Angebot an Serien hat, aus dem man wählen kann. Mich nervt das. Wenn ich etwas anschaue, will ich entspannen, mich berieseln lassen, mich nicht darum kümmern müssen, was jetzt läuft. Ich will Shopping Queen sehen, mich über die Teilnehmerinnen und „Guuuuiiido“ ärgern und nicht dafür schämen. Muss ich auch nicht, weil die maximale Freiheit beim Fernsehen nun mal das Zappen auf einen anderen Kanal ist. „Läuft grad nichts anderes“ kann ich meinem Bruder zuraunen, wenn er meine Wahl mit einem Stöhnen kommentiert.

Bei Streamingdiensten und Mediatheken ist das anders: Es gibt immer gute Alternativen. Das setzt unter Druck. Denn sich online Sendungen wie Shopping Queen zu streamen, würde quasi bedeuten, dass ich mir das – zugegebenermaßen wenig intellektuelle – Format bewusst aussuchen würde. Darunter leidet mein Selbst- und Fremdbild. Online schaue ich deshalb brav coole Serien wie Narcos und Breaking Bad, die mir eigentlich zu heftig sind, und Dokus, die ich so oder so ähnlich schon gesehen habe. Sobald mich etwas an dem, was ich gerade streame, nervt oder langweilt, breche ich sowieso alles ab. Die Suche geht dann von vorne los und kann deutlich länger dauern als Werbepausen in der Primetime.

Dass ich nicht ganz alleine bin mit meiner Sehnsucht nach dem Fernsehen, lassen die Ergebnisse der aktuellen Studie „OTT-Dienste. Vielfalt online“ der Hochschule Fresenius vermuten. Sie zeigen zwar, dass Streamingdienste immer beliebter werden – aber auch, dass vor allem junge Leute zwischen 18 und 24 Jahren, so wie ich, wieder häufiger zum traditionellen Fernsehen zurückkehren. 

Der Effekt erinnert mich an Zeiten, in denen unsere Eltern und Lehrer die neuen Online-Medien verdammten und nur noch klassische Zeitungen lesen wollten. Es ist, als wären nun wir, als nächste Erwachsenen-Generation, an der Reihe mit der Sehnsucht nach etwas, das wir einschätzen können. Als wollten wir zurück in eine mediale Vergangenheit, die wir schon längst überholt hatten. Als wollten wir uns an der Fernbedienung festklammern, um nicht stattdessen nach ein paar Mausklicks feststellen zu müssen, dass unsere Möglichkeiten inzwischen beinahe grenzenlos sind. Denn was bedeuten schon grenzenlose Möglichkeiten anderes als den Druck, sich entscheiden zu müssen?

Für mich bedeutet Fernsehen jedenfalls immer wieder eine kleine Zeitreise in wenig bekümmerte Jahre. Eine Zeit, die ich mir herbeisehne. Als meine Zwillingsschwester und ich noch klein waren, schlichen wir an Wochenenden früh morgens ins Wohnzimmer, schalteten den Fernseher an – auf ganz, ganz leise natürlich – und legten uns mit ineinander verschränkten Beinen – der eine Kopf auf der einen, der andere Kopf auf der anderen Lehne – auf den Sessel. Spätestens bei Kindersendung Nummer drei wurde kurz ausgekämpft, wer das Müsli machen müsste. Das Frühstück fand dann natürlich in der gleichen Position statt. Mit Glück schliefen unsere Eltern aus und wir kamen so unbehelligt bis „Schloss Einstein“, unserer Lieblingssendung.

Manchmal ziehe ich mir die Folgen heute noch rein. Auf Youtube, und es ist nicht das Gleiche. Natürlich, weil ich erwachsen geworden bin. Allerdings funktionieren die Erinnerungen auch einfach besser, wenn sie das gleiche Medium wieder wachruft.  So ist es bei „Aschenbrödel und die drei Haselnüsse“ zum Beispiel. Hin und wieder läuft der Film im Fernsehen und ich weiß dann wieder genau, wie ich mir als Kind vorgestellt habe, selbst die Tauben in der Hand zu halten und später meine Finger in den Schnee auf dem Treppengelände zu drücken.

Lieber als zu streamen, kämpfe ich mit der Fernbedienung, die erst im richtigen Winkel mit dem Receiver zusammenarbeitet

Das Schönste am Fernsehen waren aber sowieso immer schon die Rituale darum herum. Wenn meine Schwester, meine Mutter und ich zusammenkommen, lehnen wir früher oder später auf dem Küchentisch und stecken die Köpfe über dem Fernsehprogramm zusammen. Wer etwas Interessantes erspäht, fährt mit einem Textmarker über Uhrzeit und Titel. Danach wird abgestimmt, was läuft. Und wohin geschaltet wird, wenn Werbung kommt. Obwohl auch das schön sein kann: Endlich Werbungen wie früher anzuschauen – solche, die nicht perfekt auf mein Konsumverhalten zugeschnitten sind. Ich sehe, was alle anderen auch sehen.

Falls unser Zusammenkommen unter der Woche stattfindet, muss keiner mehr mit dem Marker ran. Wir treffen uns alle um kurz vor sieben zum Perfekten Dinner vor dem Fernseher. Nicht, weil uns das so brennend interessieren würde, was die da kochen, sondern einfach, weil sich jeder damit arrangieren kann. Wir essen dazu und kurz danach schläft eine von uns ein. Die anderen folgen in den Stunden danach, während die Welt im Fernsehen weiterläuft.

Natürlich sind Streamingdienste praktisch, auch ich nutze sie. Trotzdem kämpfe ich lieber mit der zehn Jahre alten Fernbedienung meiner Mutter, die erst beim zwanzigsten Mal Drücken im richtigen Winkel mit dem Receiver zusammenarbeitet. Denn irgendwie gehört auch das einfach zum Erlebnis dazu.

Fernsehen verhält sich für mich zu Netflix wie analog Fotografieren zu Selfies machen. Wie Briefe schreiben zu Dinge auf Facebook posten. Wie CDs hören zu Spotify streamen. Zweiteres macht man heute ständig. Ersteres genießt man. Wofür sonst hätte eine ganze Generation viereckige Augen riskiert?

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