anderes energielevel cover
Collage: Daniela Rudolf / Fotos: freepik

Gestern Abend traf mich eine Erkenntnis. Ich lief abends in der Wohnung in einem viel zu großen Band-T-Shirt, einer viel zu großen Jogginghose und meiner lilafarbenen, ausgewaschenen Fleecejacke herum. Ein Outfit, das ich mir wohl irgendwann unbewusst von meinem Vater abgeguckt haben muss; für das ich mich früher, wenn er damit meinen Freunden die Tür öffnete, in Grund und Boden schämte. Gestern aber fiel mir das erste Mal auf, dass ich jetzt wohl auch so alt bin: Bequemlichkeit am Abend ist mir wesentlich wichtiger als die Gefahr eines unangekündigten abendlichen Besuchs.

Bei mir ist regelmäßig nach der Arbeit einfach die Luft raus. Ich mache mir was zu essen und lasse mich mit einem Buch (wenn es gut ist) oder einer Netflix-Serie (auch, wenn sie mies ist) auf die Couch fallen. Natürlich gibt es Abende, da habe ich richtig Lust, noch raus zu gehen, dann treffe ich mich mit Freunden oder mache Sport. Aber die Abende mit mir selber zu Hause kommen genauso oft vor. Wenn ich davon nicht genügend hätte, würde ich ganz schnell ganz mies gelaunt werden. Ich brauche das.

Trotzdem blicke ich manchmal neidisch auf einen anderen Typ Mensch. Auf diesen Typus, der seine Abende – und auch die Tage – ganz anders angeht. Das fällt auf, wenn man Verabredungen ausmacht. Die Gespräche laufen dann in etwa so ab: „Treffen wir uns am Samstag zum Kaffeetrinken?“, eine vermeintlich harmlose Frage. Und dann kommt als Antwort: „Du, ich mache bis circa zwölf noch etwas für die Arbeit fertig, dann gehe ich mit Hannes Mittagessen, danach muss ich noch einkaufen und um halb vier gehe ich mit Jana auf den Flohmarkt. Und dann Abends bin ich im Hockey. Aber danach?“, und schon ist man reingerutscht in eine Art „ich-bin-so-super-aktiv-wie-kannst-du-denn-den-ganzen-Samstag-Zeit-haben“-Shaming.

Bei der schieren Vorstellung der Freizeitaktivitäten solcher Menschen wird mir speiübel. Astrid Lindgren hat mal geschrieben: „Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.“ Das heißt jetzt nicht, dass ich ein fauler Mensch bin. Ich arbeite gerne und fühle mich wohler, je mehr ich zu tun habe. Trotzdem finde ich, das mit dem Dasitzen und dümmlich vor sich hin schauen ist eine ganz wunderbare Philosophie.

Und doch gibt es die Menschen, die diese 100-Aktivitäten-am-Tag-Tage gefühlt ihr ganzes Leben durchziehen – und die sich dann noch eine Portion Sozialstress oben drauf gönnen. Nur empfinden das diese Overachiever – und das ist der Punkt – gar nicht als Stress. Sie haben einfach ein anderes Energielevel, ein schier unerschöpfliches. Ich stelle mir vor, sie trinken über Nacht von irgendeinem Zaubertrank und morgens stehen sie auf, hüpfen einmal leuchtend in die Luft, drehen drei Pirouetten und starten in einen Tag, für den ich mindestens drei Tage bräuchte.

Haben die Menschen einfach verschieden lange Akkulaufzeiten?

Isabella Helmreich ist Psychotherapeutin und die wissenschaftliche Leitung der Geschäftsstelle am „Deutschen Resilienz Zentrum“ der Uni Mainz. Zu meiner Nachfrage, ob es Menschen gebe, die vielleicht einfach mehr Energie haben als andere, sagt sie: „Das Energieniveau ist bei Menschen individuell sehr verschieden. Manche Menschen haben ein Stresshormonsystem, das auf körperliche und psychische Empfindungen von Stress nicht so empfindlich reagiert wie das von anderen.“ Helmreich erklärt, dabei würden genetische und lerngeschichtliche, aber auch Umweltfaktoren eine Rolle spielen. „Es gibt Menschen, die sind vulnerabler als andere und müssen viel Energie aufwenden, um mit schwierigen Situationen umzugehen. Anderen fällt das von Natur aus leichter.“

Jetzt ist es ja nicht so, als käme ich jeden Abend total erschöpft nach Hause, am Ende meiner Kräfte. Und trotzdem ist mir die Vorstellung zuwider, noch siebzehn Freizeitaktivitäten abhaken zu müssen. Haben die Menschen einfach verschieden lange Akkulaufzeiten? Wird man vielleicht mit fortschreitendem Alter immer mehr so, wie das eigene Smartphone? Mein Smartphone funktioniert zur Zeit ohne Ladestecker an die sieben Stunden gut, dann geht es rapide bergab. Ich sehe da durchaus Parallelen zu mir. Isabella Helmreich sagt, eine Stärke jener Menschen, die so viel unternehmen und leisten können, liege auch darin, dass sie ihren Akku nicht immer bis zum Ende ausschöpfen. „Menschen, die gut mit ihrem Stress umgehen können, fragen sich immer wieder bewusst ‚Wie kann ich ihn auffüllen?’ “

Ich überlege, einen Langweiler-Kurs für diese Menschen anzubieten

Im Akku-Auffüllen bin ich besonders gut. Als Overachiever würde ich mich trotzdem nicht unbedingt bezeichnen, sonst würde ich ja nach Feierabend jeden Abend noch Vogelhäuschen bauen, Drei-Sterne-Menüs kochen und Tango-Tanzstunden nehmen. Das ist aber nicht der Fall. Und ich weiß, ich bin nicht alleine damit. Ich kenne innerhalb der Redaktion noch mindestens einen Menschen, der da genauso tickt. Die langweiligen Achiever haben, da bin ich sicher, genauso viel Energie wie die anderen Menschen. Sie setzen sie nur anders ein.

Es ist auch gar nicht so unbedingt erstrebenswert, ein Overachiever zu sein. Auch diese Menschen können total gestresst sein: Wenn sie mal die Arbeit nicht leisten können, die sie gewohnt sind, zu leisten – oder die Verabredungen nicht wahrnehmen können, die sie geplant haben. Dann kann es passieren, dass sie in ein tiefes Loch fallen. Ich überlege, einen Langweiler-Kurs für diese Menschen anzubieten, drei Abende die Woche. Erklären, wie man richtig chillt, Jogginghose optional.

Und ja, man kann auch das Gegenteil trainieren: Man kann sich darin üben, noch vor der Arbeit zwei Stunden wandern zu gehen, nach der Arbeit einen Spanischkurs zu besuchen und jeden Abend unter der Woche noch Verabredungen zu treffen. Man kann sich aber auch bewusst dazu entscheiden, es nicht tun.

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