Warum ich mal „Setare“ und mal „Franziska“ heiße

Und was dieses „Name-Hopping“ mit meiner Identität macht.
Von Franziska Koohestani

Illustration: Federico Delfrati

Meine kulturelle Identität ist in meinen Namen eingeschrieben: „Franziska Koohestani“. Vorname: deutsch. Nachname: iranisch. So wie meine Eltern, meine zwei Pässe und die Staatsangehörigkeit deutsch und iranisch sind. „Franziska“ ist mein erster Vorname, mein zweiter ist „Setare“. Für den deutschen Namen haben sich meine Eltern aber nicht nur wegen der gleichnamigen Urgroßmutter entschieden. Ein Grund war auch: „Franziska“ sollte mir das Leben ein wenig leichter machen. Immerhin müsste ich das in Deutschland nicht andauernd buchstabieren, klar und deutlich aussprechen, korrigieren und wiederholen, weil es jemand beim ersten Mal nicht verstanden hat. So hatte es mein Vater mit seinem iranischen Vornamen erlebt. Und mit meinem Nachnamen dazu würde das ohnehin passieren.

Als ich klein war, wusste ich davon aber noch nichts. Damals war mein zweiter Vorname „Setare“ mein Rufname. Auf Farsi bedeutet das „Stern“. Irgendwann, ich schätze mal mit Beginn der Kindergartenzeit, setzte sich dann „Franziska“ durch. Vermutlich, weil das einfacher war – genau weiß ich es nicht mehr. Bis heute dominiert „Franziska“ meinen Alltag. Zum Glück ging „Setare“ trotzdem nie ganz verloren. Meine iranische Familie und langjährige Bezugspersonen halten daran fest. „Setare“ ist so etwas wie das Codewort für einen „Inner Circle“. Und weil meine Familie aus dem Iran – Achtung: Klischee! – sehr groß ist, ist es dieser Kreis im Grunde auch. So entstand das „Name-Hopping“: Mal heiße ich „Setare“ und mal „Franziska“.

Namen können Türen öffnen, aber auch verschließen

Als Mensch mit Migrationshintergrund ist das Verhältnis zum eigenen Namen oft kompliziert. Einerseits prägt er das Zugehörigkeitsgefühl und ist damit identitätsstiftend. Ich würde zum Beispiel niemals meinen iranischen Namen ablegen wollen. Er gehört zu mir, ohne wäre ich unvollständig. Andererseits ist der eigene Name aber oft Auslöser für Erfahrungen mit Diskriminierung, weil leider auch Vorurteile daran haften. Manche Eltern treffen deshalb – wie bei mir – von Anfang an die Entscheidung, dem Kind einen deutschen oder „eingedeutschten“ Vornamen zu geben. In der Hoffnung, dass sie damit besser akzeptiert werden. Denn Namen können Türen öffnen, aber auch verschließen. Menschen mit Migrationshintergrund haben es auf dem Arbeitsmarkt schwerer. So hat eine Studie der Robert-Bosch-Stiftung ermittelt: „Um eine Einladung zum Vorstellungsgespräch zu erhalten, muss ein Kandidat mit einem deutschen Namen durchschnittlich fünf Bewerbungen schreiben, ein Mitbewerber mit einem türkischen Namen hingegen sieben.“

Im Podcast „Kanackische Welle“ haben Malcolm Ohanwe und Marcel Aburakia mit jungen Männern gesprochen, die ihre Namen im Alltag verändern, um unangenehme Situationen zu vermeiden. Mahmud oder Gihad nennen sich im Club Sergio oder Fernando. Die Begründung: „Ein Latino kommt besser an als ein Araber.“ So ein „Name-Hopping“ ist aber nicht wie harmloses Verkleidenspielen. Es macht etwas mit dir. Wenn ich meinen Namen verberge, weil er in der Gesellschaft negativ konnotiert ist, dann lässt mich das nicht kalt. Im Gegenteil: Es geht dabei ja nicht nur um den Namen, sondern um meine eigene Identität, die fest damit verbunden ist. Es sind ganz grundlegend Fragen der Macht, die sich aufgrund der Wirkung des eigenen Namens aufdrängen: Wer hat sie und wer nicht? Und welche Handlungen und Verhaltensweisen werden dadurch (un-)möglich gemacht?

Bei telefonischen Reservierungen verwende ich den deutschen Mädchennamen meiner Mutter

Tatsächlich ist „Franziska“ nicht nur Ausdruck meiner deutschen Identität, sondern auch ein Name, der mir täglich vieles erleichtert. Man kann ihn sich leicht merken und mich damit ansprechen, ohne zu zögern. Dieses Ansprechen ist wichtig, weil ich dadurch anerkannt werde. „Franziska“ markiert für andere außerdem keine vermeintliche „Fremdheit“. Das merke ich gerade im Vergleich zu meinem Nachnamen. Denn die Frage, wie man diesen ausspricht oder schreibt, kann zwar höflich formuliert werden, aber häufig auch vorwurfsvoll. Bei telefonischen Reservierungen (im Restaurant zum Beispiel) verwende ich deshalb den deutschen Mädchennamen meiner Mutter. Eine vermeintlich pragmatische Entscheidung, die aber auch Scham beinhaltet. Vor ein paar Jahren habe ich an einem Workshop teilgenommen, bei dem mein Nachname auf jedem Namensschild falsch geschrieben wurde. Es war nur ein Buchstabe, der den Unterschied machte: „Kochestani“ statt „Koohestani“. Ich konnte mich einfach nicht überwinden, darauf hinzuweisen. Als einzige Person mit sichtbarem Migrationshintergrund wollte ich keine zusätzliche Aufmerksamkeit auf mich lenken, geschweige denn Umstände machen. Total bescheuert, denke ich mir heute. Denn als der durchaus freundlichen Workshopleitung der Fehler selbst auffiel, sprach sie mich verdutzt darauf an: „Ist das Ihnen etwa nicht aufgefallen?“ Sie verstand nicht, warum ich schwieg. Die Scham, darauf hinzuweisen, wurde zur Scham, es nicht getan zu haben.

„Franziska“ sei „zu deutsch“ für mein Aussehen

Trotzdem spielt auch mein Aussehen eine tragende Rolle. Das sorgt nämlich dafür, dass es mit „Franziska“ nicht immer reibungslos läuft. Manchmal erklären mir Personen, ich würde doch gar nicht aussehen wie eine „Franziska“. Das liege daran, dass der Name deutsch sei und ich „nicht deutsch aussehe“, sondern „exotischer“, sagt man dann. Genauso wie ich es niemandem schulde, bei der ersten Begegnung die Migrationsgeschichte meines Vaters zu erzählen, muss auch mein Name das nicht leisten. Schon irgendwie absurd: Auch, wenn ich mich als „Franziska“ und nicht als „Setare“ vorstelle, bewahrt mich das nicht vor unvermittelten Fragen nach meiner Herkunft: gerade weil er „zu deutsch“ für mein Aussehen ist. Dann heißt es nicht „Woher kommt denn der Name?“ sondern „Warum heißt du so und nicht anders?“.

Das alles zeigt einmal mehr, dass Namen Identitätsgeschichten mit sich tragen, die unsere Wahrnehmung prägen. In der Vergangenheit hat es womöglich kaum nicht-weiße oder gar deutsch-iranische „Franziskas“ gegeben. Aber dadurch ist nicht festgelegt, wie sie aussehen und welche kulturellen Identitäten sie haben. Denn mit dieser Geschichte kann und sollte gebrochen werden dürfen. 

Für mich ist „Setare“ aber von einer zeitlichen Veränderung erstaunlich unberührt. Der Name konserviert Gefühle der Kindheit – wahrscheinlich, weil er nie den Ernst des Lebens kennenlernen musste. Während ein strenges „Franziska!“ zu Hause eher Hinweis darauf war, dass es bald Ärger gibt, wurde „Setare“ durchweg liebevoll verwendet. Der Name ist Geste einer Wertschätzung, fast wie ein Kompliment. Manchmal frage ich mich, ob ausgerechnet diese „Name-Hopping“-Aufteilung „Setare“ davor beschützt hat, zu einem konfliktbehafteten Namen zu werden – so, wie „Franziska“ es manchmal ist. „Franziska“ ist im Grunde der Schutzschild für „Setare“.

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