„Und was machst du so?“

Jeder kennt ihn, keiner mag ihn: der Smalltalk im Club. Fünf Punkte, warum er so extrem nervt.
Von Tami Holderried
Illustration: Daniela Rudolf

Lebensaufgabe Sozialkompetenz! So wichtig wie Wasser und Brot, so kompliziert wie eine Operation am offenen Herzen. In der Serie "Hilfe, Menschen!" berichten wir von unseren Sozialphobien. Heute: der lästige Smalltalk.

Es ist halb drei. Es riecht nach Rauch und Bier und alles verschmilzt zu einem bunten, lauten, blitzenden Brei. Auf dem Boden liegen Scherben, gerade ist jemandem sein Glas aus der Hand gerutscht. Alle wippen im obligatorischen, schiefen Kreis zur wummernden Musik. Mindestens die Hälfte der Leute, mit denen du gerade „New Yohoooork“ gegrölt hast, kennst du nicht so richtig. Freunde von Freunden, entfernte Bekannte oder so. Und einer dieser Menschen, ein dir bislang noch fremdes Mädchen, brüllt dir auf einmal ins Ohr: „Und, was studierst du?“ Sie schaut dich erwartungsvoll an. Oh Gott. Denkt sie ernsthaft, denkt sie wirklich, kann sie denn tatsächlich glauben, dass DAS der richtige Zeitpunkt für Smalltalk ist?

Ich persönlich finde ja, dass man beim Feiern eigentlich nur drei Dinge besprechen sollte (und eigentlich reicht dafür sowieso jeweils eine Geste): Willst du noch einen Drink? Musst du auch aufs Klo? Willst du knutschen? Alles andere muss einfach vertagt werden. Das verstehen aber nicht alle. Und deshalb treiben mir im Club nicht nur die Hitze und die Dance-Moves den Schweiß auf die Stirn, nein, es ist vor allem die Angst davor, dass mich gleich jemand fragt, „was ich denn so mache“. Denn: Es gibt da ein paar große Hindernisse.

1. Das sinnlose Geschrei

Im Club ist es naturgemäß sehr laut. Und nachdem du zum dritten Mal „Archäologie!!!“ in das Ohr besagten Mädchens gebrüllt hast und sie dich immer noch fragend anschaut, überlegst du dir kurz, ob du es ihr vielleicht lieber mit dem Finger auf den Rücken schreiben solltest. Gleichzeitig hast du wahnsinnig Angst: Davor, dass sie ihre nächste Frage so laut und aus nächster Nähe in dein Ohr schreit, dass dieser pochende Schmerz am Trommelfell einsetzt, den man fast nur aus solchen Situationen kennt. Auch tückisch: Du verstehst selbst nach dem dritten Mal nicht, was sie gesagt hat. Du entschließt dich, einfach zustimmend zu lachen. Und merkst dann an ihrem verwirrten Blick, dass sie wohl doch eine Frage gestellt hatte. Schade.

2. Das Spuckrisiko

Du musst höllisch aufpassen, dass du beim gegenseitigen Anschreien nicht ganz schlimm angespuckt wirst. Das ist allerdings nicht nur eine Gefahr, die von deinem Gesprächspartner ausgeht. Auch du selbst bist ein Gefährder. Einer meiner Freunde hat dafür eine praktische Lösung gefunden: Er hält sich vorsichtshalber immer die Hand vor den Mund, wenn er im Club mit mir brüllt. Das sieht sehr, sehr komisch aus. Aber damit eliminiert er zumindest auch gleich Hürde Nummer drei:

3. Der Mundgeruch

Bier. Energy-Drinks. Vielleicht ein Döner. Mehr Bier. Ganz nah an deinem Gesicht. Du verstehst schon.

4. Das Tanz-Problem

Eigentlich war die Idee ja, zum Tanzen in den Club zu gehen. Jetzt musst du aber deine Moves andauernd unterbrechen, dich kurz zum small-talkenden Mädchen rüberbeugen, ihre Frage abwarten, eine Antwort zurückbrüllen. Danach tanzt du erst mal wieder weiter und versuchst krampfhaft, deine neue Fast-Freundin nicht anzuschauen – natürlich treffen sich aber gerade dann eure Blicke, ihr grinst euch kurz unsicher an, schaut dann schnell wieder weg. Schließlich plagen dich doch Gewissensbisse: Solltest du vielleicht eine Gegenfrage stellen, so aus Höflichkeit? Also wieder: stoppen, rüberbeugen, schreien. Ängstlich (siehe Punkt 1, Trommelfell) die Antwort abwarten. Weitertanzen. Hoffen, dass sie nicht noch mal was fragt. Macht sie aber garantiert.

 

5. Die Themen

Na, was will man schon von so einem Gespräch erwarten? Mehr als ein paar harte Fakten, die wie beim Quartettspielen abgefragt werden, erfahrt ihr nicht voneinander. Vielleicht weißt du also am Ende, dass das unermüdliche Mädchen Sinologie studiert, zwei Geschwister hat und aus Bottrop kommt – das bringt dir aber nichts, denn am nächsten Tag hast du es wahrscheinlich eh vergessen

 

Fazit: Es gibt sehr oft keinen Grund, im Club ein Gespräch anzufangen. Schon gar nicht mit einigermaßen fremden Menschen. Diese Unterhaltungen sind krampfig, peinlich, einfach ganz und gar nicht schön. Ich rate dringend davon ab. Und hoffe, dass dieser Text vielleicht ein paar der unermüdlichen Club-Smalltalker bekehren konnte. Falls dich trotzdem mal wieder jemand beim Feiern fragt, was du so studierst, dann machs einfach wie die Pinguine aus dem Film Madagaskar: Lächeln und winken, stur lächeln und winken. Und lieber ein bisschen komisch rüberkommen als sich der Hölle des Club-Gesprächs auszusetzen.

 

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