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Hat der gehört, was ich über ihn gesagt habe?

Egal ob Lästerei oder Lob: Ich habe immer Angst, dass der Gemeinte zufällig hinter mir steht.
Von Johann Voigt
  • sozialphobie umschauen cover
    Illustration: Katharina Bitzl

Lebensaufgabe Sozialkompetenz! So wichtig wie Wasser und Brot, so kompliziert wie eine Operation am offenen Herzen. In der Serie "Hilfe, Menschen!" berichten wir ab sofort von unseren Sozialphobien. Heute: Feind (oder Freund) hört (vielleicht) mit!

Einmal, da erzählte ich ein Geheimnis weiter, weil es so bedrückend war, sich damit alleine auseinanderzusetzen. Ich erzählte es also einer Freundin und das war natürlich gegen die stumme Abmachung, die besagt: „Behalte Geheimnisse für dich!“ Ich sprach über den Menschen, den wir beide kannten im Gang einer U-Bahn-Station und drehte mich erst danach um. Dann stand er da, nur ein paar Meter hinter mir. Ich weiß bis heute nicht, ob er mitgehört hat oder nicht. Wir sind dann unterschiedliche Treppenaufgänge hinaufgestiegen und verschwunden und haben nie darüber gesprochen. Ich hatte einen heißen Kopf und war ziemlich durcheinander. Die Situation geistert noch immer in meinem Kopf herum. Immer, wenn sie mir einfällt, schäme ich mich.

Menschen reden ununterbrochen über Menschen.Vielleicht, weil sie das am allerbesten können. „Die ist cool“, „der ist schön“, „die sind so richtig scheiße“ und „der hat mit dem geschlafen“, darüber reden wir. Oft ist das eben ein passables Small-Talkt-Thema, wenn die gemeinsamen Interessen fehlen. 

Ich bin ein Mensch, deswegen rede auch ich ununterbrochen über Menschen. Ich ordne andere ein, bewerte sie, will erzählen, wie es ihnen geht, was sie machen, was sie können, was sie überhaupt nicht können und warum sie mich heute einfach nur aufregen. Doch oft, wenn ich mit Freunden in der Bahn sitze oder in der Kneipe um die Ecke, dann drehe ich den Kopf, als würde ich gleich über die Straße gehen wollen, erst nach links, dann nach rechts. Dann verrenke ich ihn ruckartig nach hinten. Es sieht aus wie ein neurotisches Zucken, so stelle ich mir das jedenfalls vor. Erst dann spreche ich über jemanden, der gerade nicht anwesend ist.

Denn über andere Menschen zu sprechen, das bedeutet immer auch, sie auf- oder abzuwerten oder Dinge über sie preiszugeben, die sie eigentlich nur mir anvertraut haben. Da geht es um Liebe, um Leiden, um private Abgründe und Perversionen, die nur für das Gegenüber bestimmt waren, aber nicht für irgendjemand anders. Ich entblöße also jemanden, der überhaupt keinen Einfluss darauf hat. Das beschämt mich und steigert die Angst davor, dass die angesprochene Person plötzlich hinter mir steht und mithört. Und dann?

Links, rechts, Verrenkung: Das hat sich eingebrannt, wenn ich jemanden beschissen oder gut finde

Ich habe sogar Angst davor, dabei belauscht zu werden, wie ich etwas Neutrales oder Positives über jemanden sage. Einmal sprach ich in einem Club laut über jemanden, den ich gut fand. Denn der machte dasselbe wie ich: Geschichten aufschreiben und das wiederum um einiges besser als ich. Das brüllte ich einem Freund sehr ausführlich ins Ohr, nannte den Namen des „Angebeteten“ und wirkte dabei so, als würde ich ihn bestens kennen. Er kannte mich natürlich überhaupt nicht.

Immerhin aber war er zufällig auf derselben Party, weil sich in Großstädten jeder irgendwann bei Partys über den Weg läuft, der Musik mag. Die Musik wurde aber gerade in dem Moment leiser, als er direkt an mir vorbeilief. Natürlich schnappte er seinen Namen und das Gesagte auf. Wir blickten uns an, er runzelte die Stirn, überlegte kurz, ging schnell weiter und mir danach aus dem Weg. Offensichtlich war es ihm unangenehm, mir aber noch viel mehr. Ich stand da wie einer, der sich an anderen hochzieht. Auch mein Nebenmann war pikiert. Fremdscham nennen wir das wohl.

Links, rechts, Verrenkung: Der Mechanismus hat sich eingebrannt, wenn ich jemanden so richtig beschissen oder so richtig gut finde und das mitteilen muss. Die Angst besteht vor allem darin, jemanden zu verletzen, Vertrauen zu missbrauchen oder in Verlegenheit zu bringen. Es ist die Angst davor, dass das eigene, emotionsgeladene Mitteilungsbedürfnis mir zum Verhängnis wird.

Die einzige Lösung wäre: Den Mund halten. Aber ich bin nunmal ein Mensch und rede gerne über Menschen

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